Epstein-Files: Fake-Akten lenken von Tätern ab
Der Fall des Pädokriminellen Jeffrey Epstein ist auch ein Social Media-Phänomen. Seit den jüngsten Veröffentlichungen des US-Justizministeriums sind die Timelines voll davon. Zwischen authentische Fotos und Aktenbestandteile mischen sich aber auch Fakes und Verschwörungsmythen: Ein User behauptet, Epstein hätte Lampenschirme aus menschlicher Haut hergestellt. Ein anderer Account will Beweise dafür gefunden haben, dass Popstars wie Justin Bieber oder Katy Perry schon lange vor Jeffrey Epstein gewarnt hätten. Ein Dritter sammelt Hinweise für Kannibalismus in den Files.
Die Schicksale der Betroffenen gehen dabei unter. Die Aufmerksamkeit gilt der Verschwörung – nicht den Opfern. Während mehrere Frauen Epstein seit Jahren schweren sexuellen Missbrauch und sexuellen Menschenhandel vorwerfen, sind Internetuser:innen damit beschäftigt, angebliche Beweise für eine noch größere Verschwörung zu finden. Diese finden sie in Screenshots aus Horrorfilm-Trailern oder Fotos aus der längst widerlegten „Pizzagate“-Erzählung.
Denn bereits 2016 verbreitete sich im Internet die Falschbehauptung, im Keller einer amerikanischen Pizzeria würden Kinder gefangen gehalten. Die Erzählung ging so weit, dass ein bewaffneter Mann versuchte, die angeblich festgehaltenen Kinder zu befreien. „Wer so am Glauben an sein eigenes Heldentum festhält, wird eventuell selbst zum Gewalttäter“, sagt Lea Frühwirth, Psychologin und Senior Researcherin am deutschen Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas).
"Alleine der Name Jeffrey Epstein erzeugt schon Klicks"
Der Reiz des Geheimen
Beschleuniger von Fake News ist eine menschliche Neigung, weiß Frühwirth. „Das Teilen und Verbreiten von Mythen und Gerüchten verlockt mit dem Versprechen, von etwas Wichtigem, Unerhörtem oder Geheimem zu erfahren, während andere im Dunkeln bleiben“, erklärt sie.
Denn die Idee einer kannibalistischen, grundbösen Elite ist nicht neu. Die aktuellen Enthüllungen passen gut in bekannte Erzählungsmuster verschwörungsideologischer Kreise. Der Fall Epstein liefert scheinbare Bestätigung: Es geht tatsächlich um systematischen Missbrauch und Menschenhandel, in den einflussreiche Personen verwickelt sind. „Solche Momente werden dann schnell als Beweis gesehen, dass man immer schon recht hatte“, sagt Frühwirth. Epstein werde so zum Pauschalbeleg für eine Vielzahl an Erzählungen, die mit dem tatsächlichen Fall oft nur wenig zu tun hätten – für Kannibalismus, ermordete Babys und Satanismus. Diese Anschuldigungen können mit den bisher veröffentlichten Epstein-Files nicht belegt werden. Trotzdem verbreiten sich solche Verschwörungserzählungen schnell und lösen dabei oft starke Reaktionen und Empörung aus.
Eine Betroffenheit, die hingegen oft fehlt, wenn es um Gewalt an Frauen geht, so Yvonne Widler, Journalistin und Autorin. Geheime Netzwerke und Verschwörungen seien oft reizvoller als die Lebensrealität betroffener Frauen. „Alleine der Name Jeffrey Epstein erzeugt schon Klicks“, sagt sie. Eine Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Opfer sei hingegen komplexer und schmerzhafter. Das erfordere eine Offenlegung von Machtverhältnissen, von gesellschaftlicher Mitverantwortung und ein Hinterfragen von Systemen. Das sei unbequem und schwierig.
KI-Bilder mit unterschiedlichen Agenden
Nicht alle Falschinformationen entstehen mit böser Absicht. Auf die Veröffentlichung der neuen Dokumente reagierten Teile des Internets, wie so oft, mit Memes und Scherzen. So entstanden KI-generierte Bilder, die Jeffrey Epstein zeigen, der Melania Trump von hinten umarmt – zunächst noch als Satire und deutlich gekennzeichnet. Doch in den Weiten des Internets verbreitete sich das Bild weiter, die Kennzeichnung ging verloren, und aus Satire wurde ein vermeintliches Beweisfoto, das manche für echt hielten.
In anderen Fällen verfolgen solche Verfälschungen durchaus politische Ziele – etwa bei einer weiteren Version des Bildes, in der nicht Melania Trump, sondern der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit Epstein zu sehen ist.
Auch manipulierte Bilder des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani – ein demokratischer Widersacher Trumps – verbreiten sich rasch. Viele davon zeigen ihn als Baby oder Kind, oft gemeinsam mit seiner Mutter. In solchen Fällen lohne sich ein genauer Blick, erklärt Eva Wackenreuther von der ORF-Faktenüberprüfung „defacto“ gegenüber ORF III. So könne etwa auffallen, dass Mamdani zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits deutlich älter gewesen sein müsste. Auch fehlerhafte Textelemente, auffällige Wasserzeichen oder fehlende Berichterstattung können Hinweise auf manipulierte Inhalte sein.
Solche Beispiele zeigen, wie schnell sich irreführende Inhalte verbreiten – und wie leicht dabei der Blick auf die tatsächlichen Ereignisse verloren geht. Gerade in einem Fall wie dem von Jeffrey Epstein hat diese Verschiebung reale Folgen. Angenehm ist das auch für die Täter: Wenn niemand mehr weiß, welche Files wahr oder falsch sind, können sie sich leichter aus der öffentlichen Verantwortung stehlen.