„Zum ersten Mal überhaupt hat die US-Regierung über Exportkontrollen den Zugang zu kommerziellen KI-Modellen unterbunden“, erklärt Adrian Cox vom Research-Institut der Deutschen Bank in einer Analyse. Bereits seit Jahren versuchen die USA, den Zugang zu ihrer Hochtechnologie wie Chips zu beschränken. Was bei Halbleitern begann, könnte nun auch KI-Sprachmodelle treffen. Das „dürfte die Sorge verstärken, dass der Zugang zu sämtlicher US-Technologie plötzlich und ohne Vorwarnung abgeschaltet werden könnte“, so Cox.
Macht der Mythen
Claude Mythos gilt als die bisher leistungsstärkste KI am Markt. Zugleich lebt das Unternehmen Anthropic von einer Erzählung, die Amodei seit Jahren pflegt: KI als Werkzeug des Fortschritts, kontrolliert von einem Anbieter, der sich selbst als vorsichtig, reflektiert und moralisch versteht. In Tolkiens Büchern waren es auch die Hobbits, die den magischen Ring verantworteten, jenes Machtinstrument, das die Welt zu unterjochen drohte.
Über Monate kursierten Gerüchte, Mythos sei die „mächtigste KI“ aller Zeiten. Anthropic lieferte, nicht uneigennützig, die passende Antwort gleich mit: Aus Verantwortung für das Gemeinwohl blieb das Modell vorerst monatelang unter Verschluss. Anfang Juni präsentierte Amodei das Modell in gesicherter Form: „Claude Fable“, eine plombierte Variante von Mythos, die Informationen zu Viren, Waffen oder Cyberangriffen nur begrenzt preisgeben sollte. Die Vollversion Mythos blieb hingegen einem engeren Kreis vorbehalten, etwa Banken oder Versicherungen, die ihre IT-Infrastruktur gegen Angriffe verstärken sollen. Ein Schachzug mit praktischem Nebeneffekt: Anthropic bindet zahlungskräftige Unternehmen an seine KI.
Ausgetrickst
Nach dem offiziellen Start des neuen KI-Modells dauerte es zwei Tage, bis der erste Nutzer die Schutzmechanismen durch sogenannte Jailbreaks umgehen konnte. Neu ist dieses Phänomen nicht. Bislang konnte kein KI-Entwickler vollständig verhindern, dass die Sperren ausgetrickst wurden. Das liegt auch am Wesen von KI-Sprachmodellen. Wer die KI fragt, kann seine Absicht verschleiern oder gefährliche Anfragen als harmlose Recherche tarnen. Ein Problem, das alle KI-Modelle am Markt betrifft. Im Fall von Mythos ist es für die US-Behörden jedoch ein geeigneter Anlass, das Unternehmen Anthropic in die Mangel zu nehmen.
Nach Berichten des „Wall Street Journal“ soll ausgerechnet der Online-Versandhändler Amazon, einer der wichtigsten Anthropic-Investoren und Infrastrukturpartner, im Weißen Haus Sicherheitsbedenken urgiert haben. Die US-Regierung erließ ein „Exportverbot“, das Anthropic operativ kaum umsetzen konnte. Ausländische Staatsangehörige sollten keinen Zugang mehr zum stärksten KI-Modell der Welt erhalten, egal, ob sie sich innerhalb oder außerhalb der USA befinden. Das Unternehmen nahm daraufhin Mythos und Fable vorerst für alle Kunden vom Netz.
Mythos in Ketten
Die Intervention der US-Regierung machte aus dem Machtnarrativ eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn ein Modell per Regierungsanordnung gestoppt wird, muss es tatsächlich mächtig sein, so jedenfalls die Beobachtung in der KI-Branche.
Für Investoren ist die Machtfrage jedoch nebensächlich. Denn ihr Interesse gilt einzig der Frage, ob das neueste Modell auf den Markt kommt und welchen Erfolg es erzielen kann. Amodei plant den Börsengang seines Unternehmens bereits im Oktober. Bis dahin muss er erklären, wie ein globaler KI-Dienst funktionieren soll, wenn sein Produkt jederzeit politisch abgedreht werden könnte. „Wäre Anthropic bereits börsennotiert gewesen, hätte das die Aktie stark belastet“, sagt Harrison Rolfes vom US-Analysehaus PitchBook.
Es ist nicht der erste Konflikt zwischen Amodei und der Trump-Administration. Anthropic hatte sich in der Vergangenheit geweigert, seine KI-Modelle für bestimmte militärische Anwendungen bereitzustellen, etwa für die Überwachung von Bürgern oder für autonome Waffensysteme. Die US-Regierung reagierte, indem sie Anthropic als Lieferkettenrisiko einstufte. Mit der Sperre von Anthropics KI-Modell für die Öffentlichkeit erreicht der Streit eine neue Stufe.
KI entwickelt KI
Brisant ist das, weil Amodei selbst einräumte, dass sein KI-Modell bereits Teile seiner eigenen Weiterentwicklung programmiert. „Wir befinden uns nun an einem Punkt, an dem einige der besten Ingenieure, die ich kenne, fast ihre gesamte Programmierung an KI abgeben“, sagte Amodei Anfang des Jahres. Diese Entwicklung beobachtet China genau. Dessen KI-Modelle wie DeepSeek, die auch mithilfe westlicher Vorreiter wie Claude weiterentwickelt wurden, sind im Aufwind. Der Wettlauf um das stärkste Modell ist also längst kein reines Geschäft mehr. Wer die Vorherrschaft in Hardware wie Chips und Software wie KI einnimmt, hat auch Einfluss darauf, wer die besseren Waffensysteme entwickelt – oder ausgebremst wird.
Im Silicon Valley steht Amodei nun vor einer Aufgabe, die er nicht von KI lösen lassen kann. Er muss eine neue Erzählung finden: für die US-Regierung, für Investoren und für Kunden, die viel Geld für den Zugang zu den besten Modellen zahlen wollen. Anders als in Tolkiens Buch wird er den Ring der Macht nicht einfach ins Feuer werfen und zerstören können. Claude Mythos wird bleiben. Und waren es auch nicht die Hobbits, die den Ring der Macht geschmiedet haben.