Verlorene Worte?
Laut der Datenbank Ethnologue gibt es weltweit 7146 Sprachen, die aktiv gesprochen werden. Doch es besteht die Befürchtung, dass viele von ihnen aufgrund der Digitalisierung verloren gehen könnten. Zwar dienen die modernen Technologien in erster Linie der Kommunikation und dem Austausch, allerdings macht sich ein informeller Umgangston auf den diversen Plattformen bemerkbar. „Droht tatsächlich eine digitale Sprachverarmung?“, will Moderator Markus Hengstschläger von seinen Studiogästen wissen. Sie glaube schon, dass die Koloratur, die jeder Sprache eigen ist, auf ein einfaches Level herabgebrochen werde, antwortet Angelika Hager. „Durch den Einsatz von KI geht das Individuelle verloren, denn der Wortschatz verkümmert“, sagt die Journalistin. „Ich habe das Gefühl, dass mittlerweile alle irgendwie gleich reden.“ Genau das schaue sie sich in ihrem aktuellen Forschungsprojekt, das sie mit zwei Linguisten der Universität Wien verfolge, an, erwidert Julia Neidhardt. „Wir untersuchen, wie Digitalisierung die linguistische Diversität beeinflusst, aber nicht nur die aktuelle Entwicklung, sondern über einen längeren Zeitraum“, sagt die Wissenschafterin von der TU Wien. „Dabei vergleichen wir die analoge und die digitale Welt.“
Angelika Hager
Die Journalistin und Autorin ist ein wahres Multitalent. Sie leitet nicht nur das Gesellschaftsressort des Nachrichtenmagazins profil, wo sie wöchentlich über Themen wie Psychologie, Feminismus und Gesellschaft schreibt, sondern verfasst seit 1996 unter ihrem Pseudonym „Polly Adler“ in der „KURIER freizeit“ die Kolumne „Chaos de Luxe“, aus denen bisher auch zehn Bücher sowie ein Kinofilm entstanden. Daneben veröffentlichte sie zahlreiche Sachbücher, Romane und gründete das Literaturfestival „Schwimmender Salon“ im Thermalbad Vöslau. Mit Programmen wie „Nymphen in Not“ oder „Knietief im Glamour“ steht sie regelmäßig mit prominenten Kollegen auf der Bühne, und mit dem Wissenschaftsjournalisten Alwin Schönberger bespielt Hager den Podcast „No Bullshit!“.
Um das bewerkstelligen zu können, generiere das Team qualitative Datenquellen aus weltweiten Datenbanken, in denen die Verbreitung von Sprachen aufgezeichnet sind, Wikipedia- sowie X-Einträgen Webcrawls. „Es ist ja noch nicht so lange her, dass ChatGPT in die Welt entlassen wurde, wir befinden uns mitten in einem rasanten Prozess“, so Neidhardt. „Es gibt starke Hinweise darauf, dass sich dadurch die Sprache verändert, aber Genaueres wird erst die Forschung zeigen.“ Ob sie denn niemals KI für ihre Texte einsetzt, will Markus Hengstschläger von Angelika Hager wissen. Das fände sie moralisch verwerflich, entgegnet die Journalistin. „Meine Berufsberechtigung ist, individuelle Texte zu verfassen, die nicht mit Maschinen generiert werden können“, betont Hager. „Da geht es um Unverkennbarkeit und einen gewissen Stil. Würden wir alles von KI schreiben lassen, würden wir uns der Farbkarte aller Möglichkeiten berauben.“ Das kann Julia Neidhardt nur bestätigen. „Diese Modelle wurden auf ganz vielen Daten trainiert und geben statistische Muster wieder – also welches Wort laut Wahrscheinlichkeit als nächstes folgt“, so die Forscherin. „Genau deswegen landen wir im Mittelmaß, was man an den Texten merkt.“
Julia Neidhardt
Sie ist Assistenzprofessorin im Forschungsbereich Data Science der TU Wien und war als Gastforscherin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie an der Northwestern University (USA) und der Universität Genf tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Empfehlungssysteme, insbesondere in den Bereichen Tourismus, News und e-Commerce, Online-Meinungsbildung und Digitaler Humanismus. Sie leitet ein Christian-Doppler-Labor für Empfehlungssysteme und ist Co-Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls für Digitalen Humanismus. Zudem ist sie im Board des Zentrums für KI und maschinelles Lernen an der TU Wien. In ihrem aktuellen, vom WWTF geförderten Forschungsprojekt untersucht sie gemeinsam mit Andreas Baumann und Hannes Fellner von der Universität Wien, wie Digitalisierung die sprachliche Vielfalt beeinflusst.
Alternativen anbieten
Markus Hengstschläger kommt auf einen weiteren Punkt zu sprechen. „Kann man von den Anbietern verlangen, mehr auf sprachliche Diversität zu achten?“, will er wissen. In der analogen Welt nützen nur fünf Prozent der Weltbevölkerung Englisch als Hauptsprache, erwidert Neidhardt. „Bei ChatGPT3 sind 93 Prozent der Trainingsdaten auf Englisch“, sagt sie. „Da sieht man schon eine massive Diskrepanz.“ Man müsse sich nur einmal in ein Kaffeehaus setzen und jungen Menschen beim Reden zuhören, wirft Angelika Hager ein. „Die werfen mit englischen Worthülsen wie „literally“, “random“ oder „obsessed“ nur so um sich“, sagt die Autorin. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass sie kein Deutsch mehr können, aber Englisch auch nicht.“ Tatsächlich belegen Studien, dass Sprachmodelle ausgefallenere Wörter nicht einsetzen und Satzstellungen an Variationen verlieren, sagt Julia Neidhardt, aber es komme noch etwas dazu: „Wenn man Texte mit einem starken Standpunkt von KI überarbeiten lässt, hat sich gezeigt, dass dieser aufgeweicht und relativiert wird.“ Was es denn für Lösungen gebe, will Markus Hengstschläger wissen. Für Angelika Hager liegt die Antwort auf der Hand. „Man muss Literatur und Sprache wieder sexy machen“, betont sie. „In den sozialen Netzwerken gibt es ja wieder Buchklubs, die boomen, also lässt sich durchaus das Beste aus beiden Welten vereinen.“
Markus Hengstschläger
Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger studierte Genetik, forschte auch an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschafter forscht, unterrichtet Studierende und betreibt genetische Diagnostik. Er leitet den Thinktank Academia Superior, ist stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, Kuratoriumsmitglied des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Stammzellforschung. Er war zehn Jahre lang Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung und Universitätsrat der Linzer Johannes Kepler Universität. Hengstschläger ist außerdem Unternehmensgründer, Wissenschaftsmoderator, Autor von vier Platz-1-Bestsellern sowie Leiter des Symposiums „Impact Lech“.