Bargeld am Bankomatenschlitz über der Tastatur, Nahaufnahme
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An einem Bankomaten nahe dem Wiener Hauptbahnhof wurden Tag für Tag tausende Euro gewaschen. Scheinfirmen bringen mit Scheinrechnungen bundesweit Unsummen an Bargeld in Umlauf. Dem Staat entgehen allein heuer hunderte Millionen an Steuergeld.

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Bankomatkarte rein, PIN eingeben. „Bitte wählen Sie den gewünschten Betrag aus.“ 20.000 Euro. Der Mann entnimmt die Banknoten, steckt sie in die Tasche und klemmt die Karte wieder unter das Gummiringerl an seinem Handgelenk. Zu den ganzen anderen Bankomatkarten. Danach zieht er eine neue Karte aus seinem Ärmel, fast wie bei einem Zaubertrick. Er schiebt sie in den Schlitz. Gibt den neuen PIN ein, wählt einen neuen Betrag aus. Ganz in der Nähe sind die Augen eines gut trainierten Aufpassers auf ihn gerichtet. Das Geld ist nicht für ihn bestimmt, und es wäre schade, wenn etwas davon verschwindet – für den eigentlichen Geldbesitzer und für seinen „Läufer“, der die Abhebungen erledigt. Schmerzhaft schade.

Das Schauspiel wiederholt sich an manchen Tagen bis zu fünf Mal, mehrmals die Woche. Über Monate hinweg. Immer am gleichen Bankomaten, hinter dem Wiener Hauptbahnhof in Favoriten. Und lange Zeit fällt es niemandem auf. Nicht einmal der Bank selbst. Denn während die Geldwäscherichtlinien und Kontrollmechanismen bei Bareinzahlungen auf ein Konto mittlerweile sehr strikt sind, laufen Auszahlungen an den Bankomaten oft unter dem Radar der Geldwäschejäger. Aber das Verbrechen schläft nicht, und so wurden zuletzt hunderte Millionen Euro an unversteuertem Schwarzgeld durch Bankomatabhebungen in Österreich in Umlauf gebracht und gewaschen.

Die Masche funktioniert so: Jemand meldet eine sogenannte Scheinfirma an, die keine wirtschaftliche Tätigkeit ausübt, sondern nur Rechnungen ausstellt. Für Leistungen, die nie erbracht wurden. Eine andere Firma „kauft“ zum Beispiel eine Rechnung über 100.000 Euro und überweist das Geld an die Scheinfirma. Diese behält etwa 10.000 bis 15.000 Euro ein – als eine Art Kommission oder Bearbeitungsgebühr –, und dann beginnt das große Abheben. Von Bank zu Bank und von Bankomat zu Bankomat. Das Geld wird vom Firmenkonto der Scheinfirma abgehoben. Später geht es in bar zurück zu jener Firma, welche die Scheinrechnung in Auftrag gegeben hat. Die Hintermänner der Scheinfirmen kommen oft aus den Balkan-Ländern, was die Arbeit der Ermittlungsbehörden nicht unbedingt erleichtert.

Mit dem Bargeld werden dann Dienstleister, Lieferantinnen oder die Löhne der Mitarbeiterinnen bezahlt, die nur geringfügig oder unter ihrer tatsächlichen Qualifikation eingestuft und angestellt sind. Das alles, ohne dass auch nur ein Cent an das Finanzamt oder an die Sozialversicherung fließt. Vor allem im Baugewerbe, in der Reinigung oder bei der Schneeräumung komme es laut Finanzpolizei oft zu solchen „steuerschonenden“ Konstruktionen. Also auch dort, wo Menschen der deutschen Sprache nicht mächtig sind, ihre Arbeitnehmerrechte nicht kennen oder schlicht jeden Job annehmen müssen, um über die Runden zu kommen. Wir verlieren leider viele Branchen an die Illegalität, sagt Wilfried Lehner, Leiter der Finanzpolizei. 

Milliarden-Betrug

2025 nahm die Finanzpolizei 408 Scheinfirmen wegen mutmaßlicher Geldwäsche und Abgabenhinterziehung ins Visier. Wie profil erfuhr, waren bei einer Vielzahl davon Bankomatabhebungen im Spiel. 2023 sollen durch solche Scheinfirmen 800 – unversteuerte – Millionen Euro geschleust worden sein. Heuer soll es sogar eine Milliarde werden. Dem Bund entsteht dabei ein Schaden von rund 700 Millionen Euro an nicht bezahlten Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen, meint Lehner. 

Zurück zum verdächtigen Bankomaten in Wien-Favoriten: Irgendwann schrillten, ob der enormen Bargeldmengen, die dort fast täglich zirkulierten, bei der sogenannten „Financial Intelligence Unit“, der Geldwäscheabteilung des Bundeskriminalamts, die Alarmglocken. Diese leitete den Fall an die zuständige Finanzpolizei weiter, die den Bankomaten fast ein Jahr lang beobachtet haben soll, um die dahinterliegenden Strukturen und Scheinfirmen ausfindig zu machen.

Kurzzeitig war der Bankomat sogar ein Fall für die Finanzmarktaufsicht, die solche Einzelfälle aber ganz grundsätzlich nicht kommentiert. Welche Bankfiliale unverhofft und ungewollt zur Drehscheibe für Bankomatenschwarzgeld wurde, wird auch nicht kommuniziert.

Ermittlungen wie diese waren – neben dem klammen Bundesbudget – Anlass für das Betrugsbekämpfungspaket der Bundesregierung. Das entsprechende Gesetz passierte im Dezember 2025 den Nationalrat. Im Zuge der Erstellung des Doppelbudgets schärfte Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) vor kurzem noch einmal nach. Das Personal bei den Finanzämtern und bei der Bekämpfung des Registrierkassenbetrugs wird aufgestockt. Grundbuch- und Finanzdaten werden stärker miteinander verknüpft, um zum Beispiel nicht versteuerte Mieteinnahmen aufzudecken. Änderungen gibt es auch bei Gesellschaftskonten, um dubiose Geldkarusselle wie die am Bankomaten zu erschweren. All das soll Mehreinnahmen von 1,4 Milliarden Euro bis 2029 bringen.

Mittlerweile sind so hohe Bargeldbehebungen am Bankomaten hinter dem Wiener Hauptbahnhof übrigens nicht mehr möglich, die zuständige Bank hat nach Bekanntwerden der Masche eingelenkt. Also lieber erst gar nicht zu Hause nachmachen, womöglich lauert nicht nur ein gut trainierter Bodyguard, sondern auch ein Finanzbeamter hinter der Ecke. Aber die nächste Betrugsmasche kommt bestimmt.

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.