Großbaustelle Pflege: Ist der Generationenvertrag Pflicht?
„Ich konnte meine Mutter nicht loslassen“, erzählte mir Entertainer Alfons Haider über sechs intensive Jahre, in denen Anna Haider sukzessive im Nebel der Demenz verschwand. Und gibt allen Menschen, die in absehbarer Zeit mit einer ähnlichen Situation konfrontiert werden könnten, den Rat, „sich dann, wenn das Unvorstellbare noch in weiter Ferne liegt, gemeinsam hinzusetzen und einen Plan für den Ernstfall auszuarbeiten. Meine Mutter und ich haben das völlig verdrängt. Das war ein Fehler.“
„Man muss sich den Humor trotz all den Herausforderungen bewahren“, ist eine Tochter, deren Mutter ebenfalls an der neurologischen Erkrankung Demenz leidet (die sich laut Prognosen wie eine Epidemie ausbreiten wird), überzeugt, „sonst schafft man es einfach nicht.“ Ihr Humor half ihr auch bei der Erkenntnis, dass ihre Mutter im Begriff war, einem auf an Demenz erkrankte Witwen spezialisierten Heiratsschwindler auf den Leim zu gehen: „Der Mann hatte, ehe er für immer verschwand, weil wir ihn enttarnt hatten, eine Kopie des Grundbuchauszugs unseres Hauses auf dem Küchentisch vergessen.“
In der aktuellen Cover-Geschichte durchpflügen wir das österreichische Pflegesystem, das in den kommenden Jahren durch eine immer höhere Lebenserwartung zu einer Großbaustelle für den Staat werden wird. Denn die Wartelisten für Pflegeheim-Plätze sind lang und die 24-Stunden-Betreuung durch Pflegekräfte, vorrangig aus der Slowakei und Rumänien, nicht für jede Familie kostenmäßig zu stemmen.
„Wollt ihr die Oma jetzt auf der Straße abstellen?“
Dabei entspricht die Betreuung zu Hause dem vorrangigen Wunsch aller Österreicher und Österreicherinnen: den Lebensabend zu Hause verbringen zu können. Doch die 24-Stunden-Pflege kostet an die 3400 Euro pro Monat für zwei Pflegerinnen (es sind meist Frauen), die sich im vierzehntägigen Rhythmus abwechseln. Abhängig von der eigenen Pflegestufe (im dramatischsten Fall Stufe 7: 2200 Euro) und einer Pension, die ein Nettoeinkommen von 2500 Euro nicht überschreitet, tätigt der Staat noch einen Zuschuss von 800 Euro.
Ein Platz in einem Pflegeheim kostet den Staat laut Hilfswerk Österreich jährlich an die 39.000 Euro, also um einiges mehr. Die ehemalige Finanzmanagerin Margit Hermentin, die mit ihrer Vermittlungsagentur gutbetreut.at rund 500 Personenbetreuer und Betreuerinnen (es sind meist Frauen) im Raum Wien und Niederösterreich betreut, sieht hier budgetschonenden Handlungsbedarf: „Die mangelnde Förderung der 24-Stunden-Pflege, die Nichtanpassung an Inflation und gesteigerte Lebenshaltungskosten treibt viele Menschen ins Pflegeheim, was den Staat um ein Vielfaches finanziell belastet. Und gegen den Willen vieler Menschen ist, die ihre vertraute Umgebung nicht verlassen wollen. Da wären Anpassungsmaßnahmen dringend notwendig.“
Dringend notwendige Anpassungsmaßnahmen hätten auch Spitäler mit ihrem Entlassungsmanagement notwendig. Oft werden die „pflegebedürftigen Angehörigen aus den Krankenhäusern entlassen“, ohne dass es eine Überbrückung für eine fachgerechte häusliche Pflege gibt, erzählt eine Betroffene: „Ich fragte: Wollt ihr die Oma jetzt auf der Straße abstellen wie ein Möbel. Ich war verzweifelt.“
Den billigsten Pflegedienst stellen noch immer die eigenen Angehörigen, und deren Anteil ist zu 90 Prozent weiblich – freiwillig und in der Regel unbezahlt. Und unter Aufgabe oder Reduktion ihres Berufslebens, was sich dann später finanziell im eigenen Pensionsanspruch niederschlagen wird. „Viele der Angehörigen sind überfordert und brechen irgendwann emotional zusammen“, schildert Sabina Dirnberger von der Caritas Socialis ihre Berufserfahrungen: „Ich kann nur raten: Pflegepläne im Fall der Fälle im Vorhinein zu besprechen, wenn sie noch in weiter Ferne liegen.“