Finanzminister Marterbauer im Parlament
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Politiker und Transparenz: Minister Marterbauers Erkrankung

Krankheiten von Spitzenpolitikern waren früher Staatsgeheimnisse. Heute darf das Volk alles wissen.

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Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) ist an Krebs erkrankt. Das hat er der Öffentlichkeit am Montag in einer persönlichen Aussendung mitgeteilt. Die Heilungschancen seien sehr gut. Marterbauer bittet, offen, aber fair und respektvoll mit seiner Erkrankung umzugehen.“

Es gehört zum Transparenzgebot der zeitgemäßen Politik, dass Politikerinnen und Politiker auch Dinge offenlegen, die Teil des höchstpersönlichen Lebensbereichs sind. Die Bevölkerung hat nach modernem Verständnis ein Recht darauf zu wissen, ob ihre Vertreter auf irgendeine Weise in ihrer Arbeit eingeschränkt sein könnten. Der Beruf des Politikers ist der Einzige, der einen solch umfassenden Verzicht auf Privatheit verlangt. Die bloße Bekanntgabe einer „Erkrankung“ reicht nicht, es braucht die Nennung der Diagnose. Bei Marterbauer wurde ein Lymphom, umgangssprachlich Lymphdrüsenkrebs, festgestellt.

Wir, das Volk, müssen Bescheid wissen. Marterbauer ist dieser Anforderung vorbildlich nachgekommen.

Als Krankheiten Staatsgeheimnisse waren

So war – und ist – das nicht immer. Franklin D. Roosevelt, US-Präsident von 1933 bis 1945, litt an Polio und saß im Rollstuhl, ohne dass die US-Bürger dies ahnten. Bei öffentlichen Auftritten machte er mithilfe von Metallschienen nur wenige Schritte und stand gestützt. Die meisten Medien hielten sich aus Respekt vor dem Präsidenten an die Regel, auf Bilder zu verzichten, die seinen wahren Zustand offenbart hätten. Wer dagegen zu verstoßen versuchte, wurde vom Secret Service beamtshandelt.

Am Übergang der Ära des Staatsgeheimnisses zum Zeitalter der Transparenz stand symbolhaft Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand. Der Sozialist wurde 1981 zum ersten Mal ins höchste Amt gewählt, und wenige Monate später erfuhr er, dass er an Prostatakrebs litt. Von da an begann eine Vertuschungsoperation unglaublichen Ausmaßes. Mitterrand checkte etwa unter falschem Namen in einem Pariser Militärkrankenhaus ein.

Jedes Jahr veröffentlichte der Elysée-Palast gemäß einer gesetzlichen Regelung ein umfassendes Gesundheitsbulletin – allerdings ohne den Hinweis auf die Krebserkrankung des Präsidenten. Dr. Claude Gubler, Mitterrands Vertrauensarzt, wich nie von seiner Seite. Bei Auslandsreisen waren Infusionsutensilien im Gepäck. Wenn der Präsident befürchten musste, abgehört zu werden, etwa bei Aufenthalten im kommunistischen Ostblock, wurden die heimlichen Behandlungen nachts schweigend vollzogen.

1988 wurde Mitterrand wiedergewählt, und erst vier Jahre später, als er zur Behandlung in ein Spital musste, erfuhr die Öffentlichkeit von der Krankheit des Präsidenten. Dieser blieb dennoch bis zum Ende seines Mandats 1995 im Amt. Er starb wenige Monate später. Dr. Claude Gubler, sein langjähriger Vertrauensarzt, veröffentlichte danach ein Buch, in dem er unter anderem preisgab, dass Mitterrand in den letzten Monaten als Präsident nicht mehr amtsfähig gewesen sei. Das Buch wurde nach einer Klage von Mitterrands Familie gerichtlich aus dem Verkehr gezogen und erst neun Jahre später nach einem Urteil des Europäischen Gerichthofs für Menschenrechte wieder zum Verkauf zugelassen.

Der Weg zur Transparenz war immer steinig.

Mittlerweile haben ihn so viele Politikerinnen und Politiker beschritten, dass der Umgang mit Meldungen über Erkrankungen erprobt und würdevoll verläuft. „Wenn man als Politiker in der Öffentlichkeit steht, Operationen hat und immer wieder einmal nicht da ist, hat die Bevölkerung zumindest ein Recht darauf, zu erfahren, was los ist“, sagte etwa Burgenlands Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil einmal im profil-Interview über seine Kehlkopferkrankung.

Wenn wir, die Öffentlichkeit, dieses Recht beanspruchen, sollten wir jedenfalls mitbedenken, welche Bürde dies für die betroffenen Politikerinnen und Politiker bedeutet.

P.S.: Die profil-Redaktion wünscht Finanzminister Marterbauer rasche Genesung!

Robert Treichler

Robert Treichler

Ressortleitung Ausland, stellvertretender Chefredakteur.