Walter Ruck in besseren Zeiten: Beim Wahlkampf-Auftakt des Wiener Wirtschaftsbundes
Ducken und täuschen: Krisenkommunikation nach W. Ruck
Die Liste derer, die Wiens Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck indirekt oder unverhohlen den Rücktritt nahelegen, ist lang und wird täglich länger: ÖVP-Bundeskanzler Christian Stocker, Wirtschaftskammerpräsidentin Martha Schultz, ÖVP-Seniorenbundobfrau Ingrid Korosec, um nur die prominentesten zu nennen.
Auslöser waren zahlreiche profil-Recherchen – zum Teil gemeinsam mit der „Krone“ – die Sie hier nachlesen können.
Trotz des massiven Gegenwinds und des unbestreitbaren Imageschadens für die Wiener Kammer klammert sich Ruck an sein Amt und lässt über Vertraute ausrichten, dass er ganz sicher nicht zurücktreten werde. Eines muss man ihm lassen: Er und seine Berater dürften etwas von Krisenkommunikation verstehen. Wer auch immer die Fäden im Rücktritts-Abwehrkampf zieht: Die Methoden, die das Team Ruck anwendet, sind zwar fragwürdig, aber effektiv.
1. Kopf einziehen
Zu Rucks Protokollen haben sich die wichtigsten Politiker des Landes zu Wort gemeldet, nur Ruck selbst schweigt eisern. Mit jedem Satz würde er die Debatte um seine Person weiter befeuern. Ruck dürfte aus dem Rücktritt von Ex-Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer im Vorjahr gelernt haben, der sich von Woche zu Woche weiter ins Verderben kommunizierte. Wer gar nichts sagt, kann auch nichts Falsches sagen. Dass Ruck als Interessensvertreter gegenüber seinen Mitgliedern eine Legitimationsverpflichtung hätte, scheint ihn derzeit nicht zu kümmern. In der dieser Tage erscheinenden Ausgabe der Kammerzeitung „Wiener Wirtschaft“ hat Ruck dann doch einen Auftritt: Im Editorial lobt er den „wechselseitigen Dialog“ mit den politischen Entscheidungsträgern in Wien. Zur Affäre schreibt er: nichts.
2. Zweifel schüren
Rucks Sprecher bezeichnen das authentische Protokoll, aus dem profil und „Krone“ zitierten, als „angebliche, nicht überprüfbare Zitate aus einem Transkript einer nicht verifizierbaren und potenziell illegal angefertigten Tonaufnahme“. Diese Formulierung muss man in alle Einzelteile sezieren, um ihre Raffinesse zu erkennen: Mit dem Framing „angeblich“ versuchen Rucks Mannen zunächst die Echtheit der Protokolle in Zweifel zu ziehen. Gleichzeitig schrecken sie davor zurück, profil und „Krone“ zu klagen, weil die Medien in einem Gerichtsverfahren Beweise vorlegen könnten. Daher die Einladung an Ruck: Klagen Sie doch. Mit der Formulierung „illegal angefertigt“ will sich das Team Ruck wiederum für den Fall absichern, dass das Protokoll inhaltlich korrekt ist (was es ist). Mit beiden Formulierungen wird versucht, vom Inhalt des Protokolls abzulenken.
3. Verteidiger vorschicken
Während Ruck gar nichts sagt, rücken seine engsten Vertrauten aus, um zu signalisieren: Der Mann genießt immer noch Rückhalt. Seine Vizepräsidentin in der Wiener Wirtschaftskammer, Margarete Kriz-Zwittkovits, zog auch die protokollierten Zitate von Ruck in Zweifel, wonach er ihr einen „Befehl“ zum Verzicht auf eine ÖVP-Kandidatur zugunsten seines Sohnes gegeben habe. Das sei so alles nie passiert, sie habe sich aus freien Stücken entschieden – und nicht „salutiert“, wie Ruck laut Protokoll sagte. In die Runde der Unterstützer reihte sich vorgestern überraschend auch Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig. Die beiden verbindet eine lange Freundschaft, deren Wert sich in der größten Krise von Rucks politischer Karriere zeigt. Welches Motiv hat Ludwig? Mit Ruck hat Ludwig eine Art Zweit-Koalition neben den Neos geschlossen. Kritik an der Stadtregierung aus den Reihen der Wiener ÖVP laufen mit dem Verweis auf die enge Abstimmung mit der ÖVP-dominierten Wirtschaftskammer ins Leere. Die Befürchtung im roten Rathaus ist, dass ein Nachfolger Rucks stärker auf Konfrontationskurs gehen könnte – und das will man offenbar um jeden Preis verhindern.
4. Statuten lesen
Ruck ist ein Stratege. Er weiß: Rein rechtlich können ihn weder der Bundeskanzler noch die Bundeskammerpräsidentin aus dem Amt bugsieren. Seine Machtbasis ist der Wiener Wirtschaftsbund, die stärkste Fraktion im Wiener Wirtschaftsparlament. Abgewählt werden könnte Ruck nur, wenn sich eine Mehrheit seiner eigenen Fraktion gegen ihn verschwört – und danach sieht es derzeit nicht aus. Wobei Kritik von außen, zumal vom Bundeskanzler, innerhalb der Fraktion durchaus für Unruhe sorgen kann.
5. Kettenhunde loslassen
Rucks engste Vertraute fokussieren sich dieser Tage wegen Punkt vier vor allem auf die interne Kommunikation: sie warnen Wirtschaftsbündler vor neuen Medienberichten, verunglimpfen die Recherche als „Kampagne“ und attackieren alle, die Ruck kritisieren – sogar den Bundeskanzler, dem nahegelegt wurde, sich lieber mit dem „Bürokratiewahnsinn zu beschäftigen“. Kurzzeitig wurde medial ein potenzieller Nachfolger von Ruck kolportiert, sein Golf-Freund und Spartenobmann Martin Heimhilcher. Prompt ließ sich Wiener Wirtschaftsbund-Direktor Florian Kollenz per WhatsApp-Chat von Heimhilcher bestätigen, dass dieser die Funktion des Präsidenten gar nicht anstrebe: „Wie kommt es zu diesem Schwachsinn?!?? Ich stehe zu 100% hinter Walter. Wann hört endlich der Versuch auf die WB-Familie auseinander bringen zu wollen?“ Den Screenshot des Chatverlaufs schickte Kollenz an alle Funktionäre des Wirtschaftsbundes Wien weiter. Jede Umsturzstimmung soll bereits im Keim erstickt werden. Aus Rucks Bekanntenkreis ist zu vernehmen, dass er nicht an Rücktritt denke, weil ihm strafrechtlich nichts vorgeworfen werde. Öffentlich sagt das aber niemand. Der Wiener Wirtschaftsbund wurde zur Trutzburg umfunktioniert. Ob sie hält, traut sich niemand mit Gewissheit zu beantworten.