Herbert Kickl
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Pessimistische Männer vom Land: Wer für die FPÖ ist

Eine aktuelle Umfrage sieht die FPÖ bei 38 Prozent, manch Kommentator schließt gar eine absolute Mehrheit nicht mehr aus. Woher kommt das anhaltende Wachstum der Freiheitlichen?

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Wer zwei Meinungsforscher fragt, hört vier Meinungen, scherzt die Branche selbst. Bei einer Sache sind sich derzeit aber alle einig: Sofern kein zweites Ibiza-Video auftaucht, wird die FPÖ die nächsten Nationalratswahlen – voraussichtlich 2029 – haushoch gewinnen. Jüngst veröffentlichte der „Standard“ eine Umfrage des Market-Instituts, die die FPÖ gar bei 38 Prozent sieht. „Es ist derzeit wahrscheinlicher, dass die FPÖ in Richtung absoluter Mehrheit kommt, als dass sie von ÖVP oder SPÖ eingeholt wird“, sagt Politikwissenschaftler Peter Filzmaier zum profil.

Aber woher kommt dieser scheinbar unaufhaltsame Zulauf zur FPÖ?

Eines steht fest: Es sind längst nicht nur die Modernisierungsverlierer, die Abgehängten und Bildungsfernen, wie es lange Klischee war. Nein: Selbst die Vorstadtbewohnerin mit Pool, gutem Job und Solaranlage am Dach macht heute oft ihr Kreuz bei den Blauen.

Der Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes OGM, Wolfgang Bachmayer, drückt es so aus: „Der Anspruch von Herbert Kickl, Volkskanzler zu sein, trifft jedenfalls demografisch betrachtet bereits zu.“ Die FPÖ weise die gleichmäßigste demografische Verteilung aller Parteien auf, was Geschlecht, Alter, Stadt oder Land und Beruf angeht. Bachmayer bezieht sich in seinen Aussagen auf eine OGM-Längsschnittanalyse mit mehreren Befragungen von 3000 Wahlberechtigten aus diesem Jahr. „Nur in den Bildungsgruppen sind die Unterschiede noch deutlich“, sagt er. Menschen mit formal niedrigerer Bildung stimmen demnach eher für die FPÖ.

Es stimmt: Anhängerinnen und Anhänger der insgesamt stimmenstärksten Partei findet man in allen Bevölkerungsgruppen. Das ist auch naheliegend. Eine Umfrage aus dem Juni mit 1000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen von Meinungsforscher Peter Hajek sieht aber sehr wohl Unterschiede: Würden nur Männer wählen, käme die FPÖ auf 39 Prozent. Würden nur Frauen wählen, hätte sie nur 33 Prozent. Bei Menschen ohne Matura käme die FPÖ auf 42 Prozent, bei Menschen mit Matura nur auf 22 Prozent. Am Land sieht Hajek die Freiheitlichen bei 39 Prozent, in den Städten bei 31 Prozent. 

Übermäßig stark würden weder die ganz Jungen, noch die ganz Alten für die FPÖ stimmen. Aber, was wirklich auffällt: Besonders viele Fans hat die Partei von Herbert Kickl bei den Mittelalten, den 30- bis 59-Jährigen, hier würden 45 Prozent für die Blauen stimmen. Das ist jene Gruppe, die mitten im Erwerbsleben steht, die Herausforderungen im Beruf und am Arbeitsmarkt am meisten spürt und das Gefühl hat, zu wenig Anerkennung für ihre Leistung zu erhalten.

Eine Gefühlssache

Die wichtigsten Themen sind derzeit die Teuerung und Zuwanderung, sagt die Meinungsforschung. Allerdings: Die Menschen müssen gar nicht persönlich betroffen sein. Es geht um gefühlte Inflation, um gefühlte Ungerechtigkeit und Unsicherheit. Wahlentscheidungen sind nicht nur rationale Entscheidungen, sie werden immer mehr zu emotionalen Entscheidungen, aus dem Bauch heraus.

Das zeigen auch Studien aus Deutschland: Wähler und Wählerinnen von rechtspopulistischen Parteien sind ängstlicher, misstrauischer und verschlossener. Sie sind in schwierigen Lebensphasen weniger resilient, ihr Selbstwertgefühl ist geringer.

„Die entscheidendste Frage ist, ob jemand optimistisch in die Zukunft blickt oder pessimistisch“, sagt David Pfarrhofer, der Institutsvorstand des Market-Instituts. Derzeit würden 60 Prozent negativ in die Zukunft blicken – und diese wählen „mit großer Wahrscheinlichkeit“ die FPÖ. Sie glauben momentan nicht daran, dass das Wohlstandsversprechen eingelöst wird: Dass sich das eigene Leben durch Arbeit zum Besseren wandelt, dass es einem besser geht als den Eltern und den eigenen Kindern einmal besser gehen wird als einem selbst.

„Hätten wir ein Wirtschaftswachstum sähe es anders aus“, ist Pfarrhofer überzeugt. Die persönliche Benachteiligung und Betroffenheit können nur gefühlt sein, Krisen gibt es natürlich wirklich: Seien es der Klimawandel, Migration, Kriege oder der Niedergang bestimmter Industriezweige. Ob die Regierungsparteien dafür nun etwas können oder nicht, sie werden dafür verantwortlich gemacht. Und da drei Parteien in der Regierung sind, bleiben von den Parlamentsparteien nur noch die FPÖ und die Grünen.

Während der Zeit der großen Koalitionen gab es eine große Wählerwanderung von der SPÖ zur FPÖ. Die letzten Koalitionsverhandlungen und die 180-Grad-Wendung der ÖVP, dann doch nicht mit den Blauen regieren zu wollen, brachte der FPÖ vermehrt potenzielle Stimmen von ehemaligen Volkspartei-Wählern und -Wählerinnen. Momentan seien Wanderungen von beiden ehemaligen Großparteien in Richtung der Blauen erkennbar, so die Meinungsforschung.

Wenig Alternative

„Die FPÖ schafft es am besten, Enttäuschung, Angst, Ärger, Wut und Sorgen zu kanalisieren“, sagt Peter Filzmaier. Faszinierend dabei: Die Freiheitlichen schaffen es, in fünf Landesregierungen zu sitzen und so zu tun, als würde sie keine Verantwortung tragen, so der Politikwissenschaftler. Dabei hilft auch die parteieigene Medienwelt.

Die Skandale um August Wöginger oder Walter Ruck tun ihr Übriges. Herbert Kickl kann sich lachend zurücklehnen, während Christian Stocker und Andreas Babler im Sommer mühselig durchs Land touren müssen, um von sich zu überzeugen.

Stünden ÖVP und SPÖ mit anderem Spitzenpersonal besser da? Mag sein, aber: „Hätten sie einen Wunderwuzzi, hätten sie ihn wohl schon vorgestellt“, so Filzmaier nüchtern.

Was ihnen langfristig helfen könnte, zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus Deutschland, über die wir an dieser Stelle schon berichteten: Sichtbare, lokale Investitionen in Infrastruktur – in Breitbandausbau etwa, ein Gewerbegebiet oder eine Schule – können den Glauben an Verbesserung in einer Region wiederbeleben und die Stimmen für Rechtspopulisten senken.

Zu hoffen, dass sich die Umfragen grob irren, wäre aus Sicht von ÖVP und SPÖ jedenfalls fahrlässig. Die Meinungsforscher können das blaue Spektrum mittlerweile recht gut einschätzen. 

Konstantin Auer

Konstantin Auer

seit 2025 als Projektleiter des „Frühstück“-Newsletters im Digitalteam des profil, davor bei PULS24 und Kurier. In seinen Recherchen geht es meist um soziale Ungerechtigkeiten, menschliche Abgründe und juristische Herausforderungen im Graubereich zwischen Chronik und Politik.