Frisch gezapft. Conrad Seidl und sein liebstes Hobby: Biertrinken
Bierexperte Conrad Seidl: „Bier im Supermarkt ist zu billig“
Warum kostet ein Krügel in der Gastro schon oft über fünf Euro während im Supermarkt eine Flasche noch um unter einem Euro erhältlich ist?
Seidl
Es gibt nichts daran herumzudeuteln: Bier ist zu billig, wenn man es im Supermarkt kauft. Das ist nicht nur ein österreichisches Phänomen: Im Handel sind Biere in Aktion zu Preisen wie vor zehn und mehr Jahren erhältlich, während die Brauereien bei den Gastronomen immer höhere Preise durchsetzen konnten, was mit höherem Aufwand argumentiert wird. Und weil der Wirt halt auch von etwas leben muss, sind die Bierpreise in der Gastronomie ständig gestiegen.
Und die Leute gehen deswegen weniger aus?
Seidl
Zumindest sind sie mit den Ausgaben in der Gastronomie zurückhaltender geworden. Früher hat man zum Essen zwei Biere getrunken und ist dann noch auf ein, zwei weitere sitzen geblieben. Heute trinken viele Gäste ein Bier zum Essen – und dann zahlen sie auch schon und gehen. Zudem gibt es viele Gäste, die gar nicht mehr kommen.
Vor 50 Jahren musste die Wirtsstube als Ersatz für das Wohnzimmer dienen. Die Gastronomen müssen heute viel mehr Aufwand treiben, um den Gästen mehr zu bieten als sie ohnehin zuhause haben.
Weil sie lieber das billigere Bier aus dem Handel trinken?
Seidl
Ja, das ist ein Teil der Erklärung: Wenn die Menschen ein gemütliches Zuhause haben, eine Wohnung mit Balkon oder ein Haus mit Garten, dann leben sie natürlich besser als in den Kleinwohnungen von vor 50 oder 100 Jahren, als die Wirtsstube als Ersatz für das Wohnzimmer dienen musste. Die Gastronomen müssen heute viel mehr Aufwand treiben, um den Gästen mehr zu bieten als sie ohnehin zuhause haben – was wiederum höhere Kosten bedeutet, damit höhere Preise, die dann manche abschrecken…
Der Bierkonsum geht vor allem bei jüngeren Menschen zurück. Woran liegt das?
Seidl
Zunächst einmal wird oft übersehen, dass es diese jüngeren Menschen schlicht gar nicht gibt – der geburtenstärkste Jahrgang war 1963 mit rund 135.000 Kindern, die dann Ende der 1970er Jahre viel ausgehen konnten, um die Gastronomie zu beleben. Die jungen Leute, die heute 16 Jahre alt werden und damit legal auf ein Bier gehen könnten, sind im Jahr 2010 geboren worden; dieser Geburtenjahrgang hat nur 77.814 Kinder umfasst, also rund 42 Prozent weniger. Zum demografischen Wandel kommen veränderte Ernährungsgewohnheiten. Und da habe ich noch gar nicht erwähnt, dass viele Migranten aus alkohol-aversen Kulturen kommen.
Es wird wenige Leute geben, die fünf, sechs Krügel alkoholfreies Bier an einem Abend trinken.
Aber es gibt einen Zuwachs bei alkoholfreien Bieren. Wie steht es um Qualität und Geschmack?
Seidl
Ja, diesen Zuwachs gibt es – aber da reden wir von einem Verhältnis von 1 : 10. Also zehn im klassischen Biermarkt verlorenen Bieren steht ein zusätzlich verkauftes alkoholfreies gegenüber. Das sind inzwischen durchaus trinkbare Produkte, einige in Österreich entwickelte alkoholfreie Biere wie das Heineken 0.0 sind Weltklasse. Aber letztlich fehlt der Alkohol im Mundgefühl. Und es wird wenige Leute geben, die fünf, sechs Krügel alkoholfreies Bier an einem Abend trinken.
Österreichs Privatbrauereien machen gerade eine Imagekampagne. Drei von vier in Österreich getrunkenen Bieren stammen von internationalen Konzernen. Sind privat erzeugte Biere wirklich besser?
Seidl
Die Biere aus internationalen Konzernen erreichen generell hohe Standards – da gibt es keine technisch schlechten Biere. Aber diese Standardisierung führt andererseits auch dazu, dass die Biere immer weniger Ecken und Kanten haben. Das Beispiel Heineken habe ich schon genannt, das sollte weltweit gleich schmecken und vor allem: Es sollte keinem Konsumenten nicht schmecken, das ist etwas ganz anderes als dass es möglichst vielen gut schmecken soll. Kleine Brauereien können sich dagegen leisten, Biere in sehr kleinen Chargen herzustellen und diese womöglich zielgruppenspezifisch zu vermarkten. Hier ist etwa die Brauerei Schloss Eggenberg in Vorchdorf (OÖ) mit ihrem Starkbier Samichlaus weltweit erfolgreich. Oder das noch kleinere Landbrauhaus Hofstetten im Mühlviertel, das viel in die USA exportiert. Oder Bierol – das ist eine winzige Brauerei im Bezirk Kufstein; aber die haben eben ein sehr teures Bier für den Markt in Hongkong auf den Markt gebracht.
Welche neuen Trends hast du für den neuen Bier Guide aufgespürt?
Seidl
Das erwähnte Bier von Bierol – The Rebeerth – ist ein gutes Beispiel für ein sehr starkes Imperial Stout. Es gibt also einen Trend zu Bieren mit mehr als zehn Prozent Alkohol. Stichwort: Weniger, aber besser trinken. Unter den anderen zwei Dutzend Bierinnovationen sind andererseits auch sehr leichte, aber geschmacksstarke Biere wie das Seebräu – übrigens aus dem Konzern der BrauUnion. Auch die ganz großen Konzerne kümmern sich also um Konsumenten, die besondere Biere trinken wollen. Und dann gibt es noch einen Trend, der sich vielleicht verfestigen wird: Es gibt jetzt Lokale, die eine Bierpreisbremse anbieten – Fassbier gegen Cash, sonst nichts. Das ist die Wiederbelebung eines alten, vielfach vergessenen Lokaltyps: der Bierschwemme. Das waren bis in die 1980er Jahre minimalistische Lokale, die darauf ausgerichtet sind, dass man ein, zwei Biere womöglich im Stehen konsumiert, mit den Umstehenden kurz plaudert – und dann ohne Weiteres, also ohne Essen oder übertriebene Gemütlichkeit weitergeht.
Conrad Seidl
Der als „Bierpapst“ bekannte Journalist präsentierte am Montagabend im Wiener Bierlokal „Freiherz“ die 27. Ausgabe seines jährlich erscheinenden Bierguides. Neue Trends ums Biertrinken, Innovationen und über 1100 Bierlokale in ganz Österreich werden darin vorgestellt.
Bierguide 2026, 420 Seiten. Medianet-Verlag. 19,90 Euro