Gesellschaft

Greenwashing: Wie grün sind diese T-Shirts?

Die Modeindustrie stiftet ökologisches und soziales Unheil. Weil sich das bei der Kundschaft schlecht verkauft, wird grünes Marketing betrieben und das Problem verschleiert. Was kann man tun, um beim Modekauf die Welt nicht zu ruinieren?

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Das Leiberl kommt im grünen Anzug, konkret steckt es in einer Hülle aus Recycling-Plastik und wurde zwar nicht, wie ursprünglich versprochen, von dem klimaneutralen Versandservice von DHL ("GoGreen") angeliefert, sondern von der guten alten Post, aber die Unterstützung heimischer Unternehmen ist ja auch eine Unterdisziplin moderner Nachhaltigkeit. Bestellt wurde das T-Shirt im Shop von Armedangels, einem Modelabel, das von sich behauptet: "We are not here to make fashion. We are here to make change."Etwas ausführlicher und in feinstem Marketingdeutsch wird dieser Wandel im Mission Statement des Kölner Unternehmens so formuliert: "Unser Lebensstil ist schmutzig. Von der Ethik bis hin zu den Auswirkungen auf die Umwelt-die Art und Weise, wie Produkte hergestellt und weggeworfen werden, zerstört alles, was ihr im Weg steht. Wir haben uns seit dem ersten Tag geweigert, das zu akzeptieren. Vor 15 Jahren. Lange bevor Nachhaltigkeit ein Begriff war, haben wir alles daran gesetzt, das System zu ändern. Um die radikalsten Produkte auf dem Planeten Erde zu schaffen."

Dem Leiberl selbst sieht man seine Radikalität erst einmal nicht an. Es ist weiß, zeitgemäß weit geschnitten, kostet 34,90 Euro und stammt aus der Produktlinie "Maarkos".Laut Beipackzettel besteht es aus 50 Prozent recycelter Baumwolle und 50 Prozent Bio-Baumwolle, die angeblich von den Feldern der "Armed Angels Organic Farmers Association" im indischen Gujarat stammt, wo das Label mit 500 BioBaumwollbauern direkt und ohne Zwischenhändler arbeitet. Hergestellt wurde das Shirt in Barcelos in Portugal von der Firma Valerius Texteis. Das zu wissen, ändert zwar nicht viel, tut aber gut.

Kleidungsstücke werden im Schnitt nur mehr sieben bis acht Mal getragen. Mehr als zehn Prozent aller weltweit hergestellten Kleidung werden geschreddert oder deponiert, ohne je verkauft worden zu sein.

Ein paar Tage nach dem Leiberl kommt noch einmal Post, nämlich ein Begleitschreiben per E-Mail: "Heute erfährst Du, wie wir jeden Tag daran arbeiten, unseren Ansprüchen gerecht zu werden." Hier nur ein kleines Best of: "Für uns ist Eco kein Buzzword, sondern gelebte Überzeugung. (...) Wir verwenden ausschließlich nachhaltige Materialien (...) Jeder Schritt ist bei uns komplett nachvollziehbar-vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt (...) Unser Motto: People over Profit." Ein paar Tage später folgt noch eine Aussendung mit Tipps zum umweltfreundlichen Waschen. Armedangels meint es offenbar wirklich ernst. Und die Firma hat natürlich recht: Die Modeindustrie zählt zu den großen Klimasündern dieser Welt. Sie ist an Menschenrechtsverletzungen beteiligt, an verseuchten Flüssen und vergifteten Landschaften schuld, und sie hat das Pech, dass sehr viele ihrer Kundinnen und Kunden das auch wissen.

Darum wird Marketing betrieben, das den Konsumenten, denen das wichtig ist, ihr schlechtes Gewissen beim Kleidungskauf austreiben soll. Manchmal erzählen die Marketingbotschaften die Wahrheit, manchmal einen Teil davon, manchmal nur den besonders schmeichelhaften. Das nennt man dann Greenwashing-die Vortäuschung oder unlautere Hervorhebung ökologisch oder sozial nachhaltiger Praktiken zur Stärkung von Image und Konsum. Also wenn mehr Aufwand in die Vermarktung eines grünen Images gesteckt wird als in das Bemühen, das Kerngeschäft entsprechend zu verändern.

Es gibt nur eine Botschaft, die Promis vermitteln sollten: Kauft weniger! Alles andere ist sinnlos.

Diet Prada

Greenwashing ist schwer in Mode. Im Juli 2021 bezifferte die schwedische Changing Markets Foundation den Anteil der irreführenden Öko-Angaben von zwölf führenden europäischen Fashion-Marken mit 59 Prozent. Tatsächlich machen "nachhaltige Kollektionen" häufig nur geringe Teile des tatsächlichen Umsatzvolumens aus, bleiben die wahren Recycling-Anteile in der Produktion intransparent, werden mehr Mittel in grünes Marketing gesteckt als in effektive CO2-Reduktion. Ein klassischer Fall, mit dem die Influencerin Kourtney Kardashian kürzlich zum Greenwashing-Postergirl aufstieg: Als Nachhaltigkeitsbotschafterin stellte sich Kardashian in den Dienst des britischen Textildiskonters Boohoo-also ausgerechnet einer Marke, die vom "Environmental Audit Committee" des britischen Parlaments 2019 als "einer der am wenigsten nachhaltigen Textilproduzenten im ganzen Land" bezeichnet wurde. Zudem wurde bekannt, dass der Konzern seinen Arbeiterinnen und Arbeitern in Leicester nur einen Stundenlohn von umgerechnet knapp vier Euro auszahlte. "Diet Prada", eine Instagram-Plattform mit über 3,2 Millionen Followern, die Missstände in der Modeindustrie anprangert, formulierte die zentrale Erkenntnis, die sich aus diesem PR-Fiasko ergab: "Es gibt nur eine Botschaft, die Promis vermitteln sollten: Kauft weniger! Alles andere ist sinnlos."

Tatsächlich dient Greenwashing in der Modeindustrie sehr oft genau dazu, dieses Weniger-Kaufen zu verhindern. Denn das Geschäftsmodell der globalen Modehändler beruht auf Umsatz und Wachstum. Das funktioniert immer noch prächtig. Die weltweite Textilindustrie hat sich, in Umsätzen gerechnet, zwischen 2000 und 2015 fast verdoppelt-bei stark sinkenden Preisen. Es wird also immer noch mehr, immer noch billiger produziert. Aus Fast Fashion wurde Ultra Fast Fashion, wie sie das chinesische Milliarden-Start-up Shein perfektioniert hat, das innerhalb weniger Jahre zu einer der umsatzstärksten Modemarken weltweit wurde-mit rasend schnell produzierter, ultrabilliger Mode: Bei Shein kostet kaum ein Teil mehr als 20 Euro; jede Sekunde werden neue Entwürfe in den Webshop gestellt, Tausende neue Designs pro Tag propagiert. Die klare Botschaft: Wer zweimal im selben Outfit rennt, gehört schon zum Establishment.

Eine Textilfabrik am Rande der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. 

Die ökologischen und sozialen Kosten der Fast-Fashion-Ökonomie sind dramatisch. 175 Millionen Tonnen Rohmaterial wurden allein dafür aufgewendet, alle in der EU 2020 konsumierten Textilien herzustellen; außerdem wurden dabei 4000 Millionen Kubikmeter Wasser und 180.000 Quadratkilometer Land verbraucht. Die CO2-Emissionen bei der Herstellung der in EU konsumierten Textilien belaufen sich auf 121 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent (davon 50 Prozent im Bekleidungssektor).Weltweit werden bei der Textilproduktion laut der gemeinnützigen Ellen MacArthur Foundation 1,2 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent ausgestoßen; 20 Prozent der industriellen Wasserverschmutzung seien auf das Färben und chemische Vorbehandeln von Textilien zurückzuführen. 

Gleichzeitig ist die Bekleidungsindustrie zu einer Wegwerfindustrie geworden. Auftragen, Flicken oder Weitergeben sind passé. Pro Jahr werden allein in der EU 5,8 Millionen Tonnen Textilien entsorgt. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Lebensdauer von Kleidung laut Ellen MacArthur Stiftung um 36 Prozent verkürzt. Kleidungsstücke werden heute im Schnitt nur noch sieben bis acht Mal getragen. Mehr als zehn Prozent der weltweit produzierten Kleidung werden geschreddert oder deponiert, ohne je verkauft worden zu sein.

Zu den klimarelevanten kommen die sozialen Folgen. Seit dem katastrophalen Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im April 2013, bei dem 1135 Menschen getötet und mehr als 2400 verletzt wurden, ist zwar eine gewisse Aufmerksamkeit entstanden für die Produktionsbedingungen der Textilarbeiterinnen in den Billiglohnländern (meistens sind es Frauen). Einige der marktbeherrschenden Unternehmen, etwa der schwedische H&M-Konzern, haben nach diesem Fall ihre Lieferketten transparenter gemacht und auch an einigen Stellen arbeitsrechtlich nachgebessert. Es blieb aber bei Einzelmaßnahmen. Insgesamt sind Dumpinglöhne, prekäre Arbeitsverhältnisse und mangelnde arbeitsrechtliche Standards die Regel. Übrigens auch in Europa, wie Gertrude Klaffenböck, Sprecherin der Clean Clothes Kampagne (Südwind) in Österreich, betont: "In einigen Ländern in Süd-und Osteuropa sind die Arbeiter:innen oft noch weiter von einem existenzsichernden Lohn entfernt als ihre Kolleg:innen in Asien-beispielsweise in Bulgarien oder Mazedonien. In einigen bulgarischen Fabriken, die wir untersucht haben, wurden nur neun Prozent des eigentlich existenzsichernden Lohnes gezahlt."

Die Lieferketten der Modeindustrie sind lang und umspannen den ganzen Globus, "Made in Italy" heißt in Wahrheit oft "Made in India, Vietnam, Bangladesh, Montenegro and Italy".Und an jedem dieser Orte-auf den Baumwollfeldern, den Spinnereien, den Textilfabriken, den Nähereien, den Häfen und Autobahnen, die diese verbinden-können Schweinereien passieren. Sehr häufig passieren sie auch-und niemand will es wissen. Nach dem Einsturz der Rana Plaza zeigten sich viele Marken bestürzt, dass auch ihre Designs unter den Trümmern gefunden wurden. Und es war wohl nicht einmal geheuchelt.

Die Textilwirtschaft ist keine unschuldige Branche, ihr historisches Erbe wiegt schwer und wirkt bis heute nach. Im Einzugsbereich der Baumwollindustrie wurde all das erfunden, was am Kapitalismus schrecklich ist, ja mit ihr entstand er erst in seiner modernen Form: in den von ausgebeuteten Arbeitern betriebenen, von Dampfmaschinen rasend beschleunigten Baumwollfabriken Englands, in den von Sklaven beackerten Plantagen Amerikas, in den weltweiten Handelsrouten, die im 19. Jahrhundert für die Baumwolle errichtet wurden und den fantastisch anmutenden Vermögen, die einige wenige damit anhäuften. Schließlich auch im politischen Zusammenhang, in dem dieses Wirtschaften seit damals steht, also in der globalisierten, oft auch mit militärischem Druck unterstützten Durchsetzung von Handelsinteressen und-praktiken. Der Harvard-Historiker Sven Beckert schreibt dazu in seiner großen Studie "King Cotton": "Das Imperium der Baumwolle war von Anfang an Schauplatz eines permanenten globalen Konfliktes zwischen Sklaven und Plantagenbesitzern, Kaufleuten und Politikern, Bauern und Händlern, Arbeitern und Fabrikbesitzern. So leitete das Reich der Baumwolle die moderne Welt ein." 

Nun ist aber die Nachhaltigkeit in den 2020er-Jahren zum Megatrend geworden, in den auch erhebliches Marketing-und Entwicklungsgeld gesteckt wird. Aber zu oft folgen den Ankündigungen keine Taten: "In Wirklichkeit haben die großen Marken sehr wenig erreicht", schreibt die US-Nachhaltigkeits-Expertin Alden Wicker auf der Modeplattform "The Cut": "Die Modeindustrie hat ihren CO2-Abdruck nicht signifikant reduziert. Textil-zu-Textil-Recycling existiert kaum, und was die Industrie 'Recycling' nennt, ist meistens Downcycling zu minderwertigen Produkten oder die Verschickung von Kleidung rund um die Welt in einkommensschwache Länder, wo ein großer Anteil davon auf der Deponie landet. Sehr viel 'zertifizierte Bio-Baumwolle' ist gefälscht, und Kleidung, die aus fossilen Rohstoffen erzeugt wird, bleibt marktbeherrschend."

Der Befund ist so schlecht, dass sich die subjektive Konsumlaune einzutrüben droht. Da hilft nur Shopping. Also holen wir uns das nächste T-Shirt. Leider kommt es nicht automatisch mit gutem Gewissen daher. Denn der schwedische Mode-Diskonter und Fast-Fashion-Pionier H&M verzichtet neuerdings-nach einer großen Klage in den USA, die ihm irreführende Werbung vorwarf-auf eine gesonderte Vermarktung seiner "Conscious Collection" (im Online-Shop werden nach wie vor "Conscious Choice"-Artikel angepriesen, die zu mindestens 50 Prozent aus "nachhaltigeren Materialien wie Bio-Baumwolle oder recyceltem Polyester" bestehen). Das T-Shirt stammt also aus der "Essentials"-Reihe, kostet 14,99 Euro, besteht zu 100 Prozent aus Baumwolle und wurde in Bangladesch hergestellt. Nähere Informationen verspricht ein QR-Code, der leider zu einer Fehlermeldung führt. Eine Online-Recherche ergibt weitere Details: "Dieses Produkt enthält Baumwolle. Es kann sich um Bio-Baumwolle, recycelte Baumwolle oder Baumwolle handeln, die über die Better Cotton Initiative (BCI) gekauft wurde. Der Großteil der von H&M eingesetzten Baumwolle wurde über BCI erworben.()'Better Cotton' kann mit herkömmlicher Baumwolle gemischt werden und kann physisch nicht bis zum Endprodukt zurückverfolgt werden."

Das Leiberl ist also möglicherweise zumindest teilweise relativ nachhaltig, vielleicht aber auch nicht, man kann es nicht so genau sagen. Tatsächlich hat sich H&M aber in den vergangenen Jahren sehr intensiv und öffentlichkeitswirksam mit Nachhaltigkeit beschäftigt, in ökologische und soziale Projekte investiert und in seinem jüngsten Nachhaltigkeitsbericht auch viele gute Nachrichten auf Lager: "80 Prozent unserer verwendeten Materialien sind bereits aus recycelten Materialien oder stammen aus anderen nachhaltigeren Quellen. Wir haben den Anteil an recycelten Materialien in unserer Kleidung von 5,8 Prozent auf 17,9 Prozent verdreifacht. Unser Ziel bis 2025 ist es, 30 Prozent zu erreichen. Bis 2040 wollen wir eine Netto-Null-Emission erreichen und unsere absoluten Emissionen bis 2030 um 56 Prozent reduzieren."

Die Lieferketten der Modeindustrie sind lang und verworren. Und am Ende sind trotz wohlfeiler Bekenntnisse Dumpinglöhne immer noch die Norm-auch in Europa.

Alles gut also? Nun ja, nein. Tatsächlich ist die österreichische Clean-Clothes-Sprecherin Gertrude Klaffenböck "durchaus beeindruckt, was die umwelt- und klimapolitischen Maßnahmen von H&M betrifft. Das ist zu begrüßen. Aber was fehlt, sind die harten Indikatoren in Bezug auf soziale Nachhaltigkeit, etwa auf die Umsetzung von existenzsichernden Löhnen in den Produktionsländern." Das sei ein zentraler Punkt, denn: "Nachhaltigkeitsversprechen fußen sehr oft sehr stark auf ökologischen Kriterien. Das ist insofern attraktiv für die Unternehmen, als sie dabei an ihrem grundlegenden Geschäftsmodell keine radikalen Änderungen vornehmen müssen. Das Fast-Fashion-Modell bleibt bestehen, zusätzlich gibt es eben, zum Beispiel, noch eine weitere Wertschöpfungsrunde im Recycling-Kreislauf. Aber das System baut immer noch darauf auf, innerhalb kurzer Zeit große Stückzahlen zu billigen Preisen umzusetzen. Die Krux liegt im arbeits-und menschenrechtlichen Bereich. Hier sind die wesentlichen Änderungen nötig."

Leider sind aber auch die rein ökologischen Versprechungen oft leerer, als man glauben möchte. In einer umfassenden Recherche legte die "New York Times" im Februar dieses Jahres eine traurige Wahrheit offen: Was "Bio-Baumwolle" heißt, hat mit Bio in vielen Fällen nur wenig zu tun. Die Zeitung recherchierte in Indien, das für rund 50 Prozent der weltweiten Baumwollproduktion verantwortlich ist und wo der Anteil der Bio-Baumwolle im vergangenen Jahr um 48 Prozent gestiegen ist-zumindest auf dem Papier. Tatsächlich berichteten zahlreiche Baumwollbauern gegenüber der Zeitung von weit verbreiteter Fälschung und Trickserei bei der Zertifizierung. Die lokalen Inspektoren, die die Vorgaben der Gütesiegel-Instanzen kontrollieren sollen, seien häufig korrupt oder leicht zu täuschen. Mindestens die Hälfte, ja bis zu vier Fünftel der als "Bio" verkauften indischen Baumwolle entspricht laut der "New York Times" nicht den harten Bio-Kriterien. Die rasant steigende Nachfrage könne nicht bedient werden (auch weil Bio-Baumwolle nicht so schnell und gleichfasrig wächst wie konventionelle)-also wird sie mit Fakes bedient.

Manchmal bleibt nur die Wahl zwischen zwei Übeln.

Julian Weiß

Gründer der Fair-Fashion-Plattform Fairlier.de

Aber wie sieht nachhaltige Mode denn nun aus, wie kann ich sie zweifelsfrei erkennen? Anruf bei Julian Weiß, Mitbegründer der deutschen Prüfplattform für nachhaltige Mode Fairlier.de. Gerade arbeitet das Unternehmen an einem Bewertungssystem, das anhand von rund 100 Kriterien alle gängigen Modemarken auf ihre Nachhaltigkeit überprüfen soll. Mitte November soll dieser "Fairlier-Score" online abrufbar sein. "Die Materie ist selbst für Menschen, die sich lange damit beschäftigen, sehr komplex", sagt Weiß: "Die Lieferketten sind oft intransparent, aber auch ausführliche, scheinbar transparente Nachhaltigkeitsberichte können Verwirrung stiften. Hier sind Profis am Werk, die genau wissen, wie ein derartiger Bericht klingen muss. Man kann keinem Endverbraucher zumuten, alle Details genau zu studieren und dann auch noch zu erkennen, wo getrickst wird. Vieles ist bewusst uneindeutig. Und manchmal bleibt nur die Wahl zwischen zwei Übeln."

Auch die allereinfachsten Kleidungsstücke, zum Beispiel unsere beiden weißen Baumwoll-T-Shirts, ziehen einen Rattenschwanz an Produktionsumständen hinter sich her, deren Umwelteinflüsse und soziale Auswirkungen kaum exakt zu messen sind. Jedes präzise Urteil beruht also auf gutem Glauben oder mühsamer Recherche. Abkürzungen führen tendenziell in die Irre. Der häufig-etwa auch von H&M-ins Treffen geführte "Higg Index" beispielsweise, mit dem die Branchenplattform "Sustainable Apparel Coalition" Nachhaltigkeitsfaktoren klassifiziert, berechnet globale Durchschnittswerte für verschiedene Materialien. Die Verwirrung ist hier schon institutionell angelegt: Wie soll mit einem globalen Durchschnittswert für einzelne Materialien die konkrete Nachhaltigkeit eines bestimmten Herstellers, gar eines konkreten T-Shirts bestimmt werden?

In einem aktuellen "Consumer-Barometer" zum Fokusthema Nachhaltigkeit hat die Beratungsfirma KPMG mehr als 2000 Menschen in vier europäischen Ländern befragt. 86 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen nachhaltiger Konsum wichtig sei. Von diesen waren aber 45 Prozent unsicher, wie denn nun ein sinnvoller Beitrag zur Nachhaltigkeit aussehen könnte. Als Entscheidungsgrundlage dafür vertraut ein Großteil entweder Testberichten oder Gütesiegeln (48 Prozent); 35 Prozent informieren sich in den Internetauftritten der jeweiligen Marken.

H&M-PR-Foto einer Textilarbeiterin in Indonesien, die in ihrer Garderobe Informationen über faire Löhne angezeigt bekommt.
 

Nun wird das Informationsbedürfnis der Menschen gerade in diesem Bereich leider oft in die Irre geführt. Ein unüberschaubares Potpourri an unabhängigen und hausgemachten, tendenziösen und seriösen Siegeln, Labels und Kennzeichen wirbt ums Konsumentenvertrauen. Fairlier.de-Gründer Julian Weiß kennt das Problem: "Grundsätzlich sind Textilsiegel etwas Gutes, denn sie sorgen für Transparenz, sofern wir davon ausgehen, dass es sich um unabhängige Siegel handelt. Allerdings besteht aus Verbrauchersicht das Problem, dass es eben sehr viele unterschiedliche Siegel gibt, die auch unterschiedliche Schritte in der Wertschöpfungskette abdecken. Dieser Dschungel an Siegeln kann zu Frustration führen und damit auch Glaubwürdigkeitsprobleme erzeugen. Denn wieso soll ich für ein Fair-Fashion-T-Shirt das Dreifache zahlen, wenn am Ende möglicherweise alles nur eine Masche ist?"

Als Grundregel gilt: Verlasse dich nicht auf ein einzelnes Siegel. Es gibt sehr wohl seriöse Gütesiegel, die aber oft nur Teilbereiche der Lieferkette in den Blick nehmen. Für Umweltstandards etwa hat sich der Global Organic Textile Standard (GOTS) als maßgeblich erwiesen; das Siegel der Fair Wear Foundation steht für soziale Nachhaltigkeit, die Fairtrade-Gütesiegel haben ebenfalls hohe Qualitätsstandards, wobei aber ein gewisser Wildwuchs aus verschiedenen, unterschiedlich hochwertigen Fairtrade-Labels herrscht. Und: Auch die seriösesten Auszeichnungen beruhen zwangsläufig auf den Kontrollen lokaler Inspektoren, die wiederum für Zertifizierungs-Unternehmen arbeiten und, siehe oben, für Korruption anfällig sein können. Insofern ist die Transparenz der jeweiligen Siegel entscheidend: Wer prüft seine Prüfer wie oft, unter welchen Kriterien, und wird all das auch offen kommuniziert? Handelt es sich um ein unabhängiges Label oder um eine freiwillige Selbstkontrolle einzelner Marken? Es gibt inzwischen auch Prüfsiegel-Prüfstellen, etwa die Initiative "Siegelklarheit" der deutschen Bundesregierung. Im Textilbereich trifft-laut "Siegelklarheit"-eine "sehr gute Wahl", wer die Label von Fair Wear, EU Eco Label, Blauer Engel, Fairtrade Cotton, Fairtrade Textile Production oder GOTS berücksichtigt.

Der schwedische Modekonzern H&M hat sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Nicht alle Versprechen werden transparent umgesetzt.

Gertrude Klaffenböck von der österreichischen Clean Clothes Kampagne sagt dazu: "Gütesiegel sind ein Baustein auf dem Weg zum nachhaltigen Konsum, aber das eigentliche Ziel wäre, dass die Textilwirtschaft auf menschenrechtskonformen Fundamenten steht. Dass es eine institutionelle Infrastruktur gibt, die solche Rechtskonformität überprüfen und Verfehlungen bestrafen kann. Gütesiegel sind wichtig, aber noch wichtiger ist eine Einbindung der internationalen Textilwirtschaft in das institutionelle, rechtsstaatliche System."

Einen Ansatz dazu bieten die sogenannten Lieferkettengesetze. In Deutschland wurde ein solches im Juni 2021 verabschiedet, in Österreich ist es vorläufig vertagt. Das deutsche Gesetz sieht vor, dass Unternehmen mit Sitz in Deutschland und mit mehr als 3000 Beschäftigten (ab 2024: mehr als 1000 Beschäftigten) für die Einhaltung von Menschenrechtsstandards in ihren ausländischen Zulieferbetrieben verantwortlich und haftbar sind. Die Unternehmen müssen transparent berichten, sich amtlich kontrollieren lassen und Beschwerden aktiv nachgehen. Bei Verstößen können Bußgelder verhängt werden oder die Unternehmen von der öffentlichen Beschaffung ausgeschlossen werden. Eine europaweite Regelung ist in Ausarbeitung.

Weiters verabschiedete die EU-Kommission im März eine Strategie für eine nachhaltige und kreislauffähige Textilindustrie-mit hochgesteckten Zielvorgaben: "Bis 2030 sind die Textilerzeugnisse auf dem EU-Markt langlebig und recyclingfähig, bestehen größtenteils aus Recyclingfasern, enthalten keine gefährlichen Stoffe und werden unter Einhaltung der sozialen Rechte und im Sinne des Umweltschutzes hergestellt. Verbraucherinnen und Verbraucher können die hochwertigen und erschwinglichen Textilien länger nutzen, 'Fast Fashion' kommt aus der Mode und wirtschaftlich rentable Wiederverwendungs-und Reparaturdienste sind allgemein zugänglich. In einem wettbewerbsfähigen, widerstandsfähigen und innovativen Textilsektor übernehmen die Hersteller entlang der gesamten Wertschöpfungskette die Verantwortung für ihre Produkte, und das bis hin zur Entsorgung."

Die Krux liegt im arbeits- und menschenrechtlichen Bereich. Hier sind die wesentlichen Änderungen nötig."

Gertrude Klaffenböck

Sprecherin Clean Clothes Kampagne

Hehre Ziele, allein: Wie realistisch sind sie? Im Klimaministerium wird derzeit an einer "Roadmap" zur nationalen Umsetzung dieser EU-Strategie gearbeitet. Gertrude Klaffenböck, die Koordinatorin der Clean Clothes Kampagne Österreich, kennt den Stand der Verhandlungen und ist vorsichtig optimistisch. Der Wiener Wirtschaftswissenschafter André Martinuzzi, Experte für nachhaltige Entwicklung an der Wirtschaftsuniversität Wien, zeigte sich gegenüber profil dagegen schon kurz nach der Veröffentlichung der EU-Strategie im Frühjahr skeptisch: "Die EU-Kommission hat einen gewissen Gestaltungsspielraum und einen vielfältigen Werkzeugkasten an umweltpolitischen Instrumenten. Aber ich wäre doch skeptisch, ob sich damit Fast Fashion in großem Maßstab zurückdrängen lässt. Ich kann den Unternehmen nicht verbieten, so zu wirtschaften. Ich kann mit Produktkennzeichnungsvorschriften arbeiten, aber ob deshalb sehr viele Kunden ihr Konsumverhalten ändern, wage ich zu bezweifeln. Jene, die sich daran orientieren, sind eine kleine Gruppe. Das mögen Meinungsbildner sein, aber die große Masse richtet ihr Verhalten nicht danach aus." Martinuzzi spricht von einer "Weichenstellung am Abstellgleis".

Alec Leach, langjähriger Redakteur des einflussreichen Streetwear-Blogs "Highsnobiety",veröffentlichte in diesem Jahr das Buch "The World Is On Fire But We're Still Buying Shoes". Es gleicht einer Abrechnung mit einer Branche, in der Leach selbst lange tätig war, und mit einem Lifestyle, der ihm immer noch lieb ist. Es geht um Shopping, um Nachhaltigkeit-und wie sich die beiden verbinden lassen. Mode, sagt Leach, hat eine stark emotionale Funktion. Ein T-Shirt kleidet uns nicht nur, es gibt uns ein Gefühl. Das Gleiche gilt fürs Einkaufen. Shopping kann Stimmungen aufhellen, kann trösten, befriedigen, ablenken. Und es ist zu einer kulturellen Tätigkeit geworden-im Angesicht von Influencern, TikTok-Videos, exklusiven "Drops" und limitierten Kollaborationen wird Shopping zu einem Ausdruck von kultureller Distinktion, zu einem Spiel und zu einer Tätigkeit, die Sinn stiftet-aber nur, wenn man es permanent betreibt. Diese Haltung verhindert jede echte Nachhaltigkeit. Was soll eine "nachhaltige" Kollektion an einem System ändern, das per se auf Verschwendung (von Ressourcen, von Umwelt, von Menschen) ausgelegt ist? Das Problem ist weniger der Anteil von Bio-Baumwolle im T-Shirt oder die Frage, wie Bio die Bio-Baumwolle wirklich ist. Das Problem ist die Geschwindigkeit, mit der das T-Shirt auf den Markt drängt und gleich schon wieder vom nächsten T-Shirt verdrängt wird. Die Lösung steckt tatsächlich im Konsum, aber nicht in dessen Veränderung, sondern in seiner Reduktion. Wann läuten für Alec Leach die Greenwashing-Alarmsirenen besonders laut? "Wenn dir eine Marke erzählt, dass es ein Problem löst, wenn du etwas kaufst. Wenn sie dir die Vorstellung verkaufen, dass Einkaufen eine Lösung sei."

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort

Sebastian Hofer

Sebastian Hofer

schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur, ist seit 2020 Textchef dieses Magazins und zählt zum Kernteam von faktiv.