Wachablöse im ÖFB-Team: „Niemand kann in Arnautovićs Fußstapfen treten“
„Katastrophe.“ Mit diesem Wort beschrieb Marko Arnautović das Gefühl, zum letzten Mal das Trikot der österreichischen Nationalmannschaft getragen zu haben.
Der Rücktritt des Rekordnationalspielers und Rekordtorschützen mit 137 Einsätzen und 49 Treffern ist auch für den Österreichischen Fußballbund (ÖFB) eine kleine Katastrophe.
Der 37-Jährige hinterlässt mit all seiner Erfahrung eine schwer zu füllende Lücke.
Arnautović, dessen Vertrag bei Roter Stern Belgrad noch bis Anfang nächsten Sommers läuft, ist der erste Spieler aus dem aktuellen, laut Transfermarkt 245 Millionen Euro-schweren Österreich-Kader, der sich aus dem Team endgültig verabschiedet.
Auch abseits des Platzes wird er fehlen: Mit Wuchteln, wie seinem Wunsch nach einem WM-Feiertag an Bundespräsident Alexander Van der Bellen.
Somit stellt sich eine Frage: Hat Österreich rechtzeitig eine neue Generation aufgebaut – oder lebt das Team zu sehr von einer goldenen, aber alternden Spielergeneration?
Kurz vor der ÖFB-Pension
Um Marko Arnautović nach einem seiner Länderspiele zu zitieren: „Ich bin kein Mathematiker“. Wer die Alterstabelle des WM-Kaders überfliegt, erkennt schnell: Ein Umbruch käme nicht überraschend. Das aktuelle Durchschnittsalter der Nationalmannschaft liegt bei rund 28 Jahren.
Liefe die derzeitige Mannschaft ohne Verjüngung bei der Europameisterschaft 2028 in England, Wales, Schottland und Irland auf, brächte das Team einen Altersschnitt von etwas über 30 Jahren auf den Platz. Damit lägen die Österreicher sogar über der ältesten Mannschaft der diesjährigen Weltmeisterschaft, Panama.
Nach dem Arnautović-Abgang drängen sich weitere Fragen auf. ÖFB-Schlüsselspieler Marcel Sabitzer (32) geht in seine voraussichtlich letzte Saison bei Borussia Dortmund.
Florian Grillitsch verließ Sporting Braga nach nur einer Saison und ist somit momentan vereinslos. David Alaba (34), den Teamchef Ralf Rangnick als den „besten österreichischen Fußballer aller Zeiten“ bezeichnete, ist nach dem Auslaufen seines Vertrags bei Real Madrid auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber.
Auch langjährige Teamroutiniers wie Michael Gregoritsch, Alessandro Schöpf und Phillipp Mwene zählen mit jeweils 32 Jahren nicht mehr zur jüngsten Garnitur des ÖFB-Teams.
Mit Blick auf die Europameisterschaft 2028 in Großbritannien und Irland muss sich Rangnick zwangsläufig nach frischem Spielermaterial umsehen.
Zurück in die Zukunft
Der Abschied der Routiniers öffnet jene Tür, auf die Österreichs Nachwuchsspieler seit Jahren warten: Endlich bei den ganz Großen mitmischen zu dürfen.
Wer sind die Talente, mit denen man rechnen kann?
Zu Premiereneinsätzen könnte es vielleicht schon in den kommenden zwei Heimspielen kommen. Ende September trifft der Rangnick-Kader in Linz auf die Mannschaft aus Israel und im Stadion im Wiener Prater mit Retro-Charme auf das Team aus Kosovo.
Dennoch hält Teamchef Ralf Rangnick zunächst den Ball flach. In einem Interview nach dem WM-Aus in Kalifornien betont er, dass weiterhin viele Spieler im besten Fußballalter oder sogar noch jünger seien. Auf der zentralen Stürmerposition plant Rangnick vorerst weiterhin mit Michael Gregoritsch und Gold-Kopfball-Torschütze Saša Kalajdžić.
Einen direkten Nachfolger für Arnautović sieht der Teamchef nicht. „Ich schaue viele Spiele in Österreich, auch von der U17, U19 und U21. Ich sehe niemanden, der in den nächsten zwei Jahren in seine Fußstapfen treten könnte“, erklärt Rangnick.
profil Kollage von Jacob Hödl und Erik Kojzek
Die Frage der Nachfolger
Wer sind die Spieler, die sich zumindest eine Gelegenheit erhoffen den Teamchef überzeugen zu können?
Neben den schon aus früheren Lehrgängen bekannten Gesichtern wie Mittelstürmer Raul Florucz (Union SG) sowie den beiden Innenverteidigern Leopold Querfeld von Union Berlin und Samson Baidoo (RC Lens), der sich gegen Ende der vergangenen Saison eine Oberschenkelverletzung zuzog, rücken auch einige Nachwuchsspieler in den Fokus.
Mit wem ÖFB-Fans rechnen können
- David Puczka. Der österreichische U21-Teamspieler und Linksverteidiger wechselte für eine Ablösesumme von sechs Millionen Euro von Juventus Turin zum CFC Genua. In Turin lief der 21-Jährige für die zweite Mannschaft von Juventus auf und erzielte in 31 Einsätzen zehn Tore. Mit seinem Wechsel stieg Puczka zum zweitteuersten Linksverteidiger der österreichischen Fußballgeschichte auf. Puczka könnte sich nun Hoffnungen auf eine Chance im Nationalteam machen, wo er sich mit Alexander Prass und Phillipp Mwene, welcher sich vor dem WM-Spiel gegen Spanien eine Muskelverletzung zuzog, auf der Position des Linksverteidigers messen kann.
- Erik Kojzek. Der in Slowenien geborene Mittelstürmer könnte ein guter Kandidat für Rangnick sein. Der 20-Jährige durchlief die Jugend des Wolfsberger AC. Anfang August 2024 debütierte er in der Bundesliga, als die Lavanttaler auf den SK Austria Klagenfurt trafen. Vor der Einbürgerung spielte er noch für die slowenischen Nachwuchsmannschaften. Im Oktober 2025 absolvierte Erik Kojzek dann sein erstes Spiel für die österreichische U-21-Auswahl, bei der er mittlerweile fünf Einsätze und ein Tor vorweisen kann. Momentan befindet sich der Stürmer leihweise in Serbien bei FK Partizan Belgrad und spielt somit beim Stadtrivalen von Marko Arnautović.
- Jacob Hödl. Der Mittelfeldspieler, der vor allem auf der rechten Seite zu Hause ist, dürfte den meisten bereits ein Begriff sein. Mit 19 Jahren verzeichnet Hödl laut Transfermarkt einen Marktwert von bereits fünf Millionen Euro. Im November 2024 stand das Sturm-Graz-Juwel erstmals im steirischen Profikader für die UEFA-Champions League. In der österreichischen U21 erreichte er fünf Einsätze. Vergangene Saison absolvierte Hödl rund 40 Spiele und erzielte zwei Tore. Der gebürtige Hartberger könnte neben seiner gewohnten Position auch im zentralen oder linken Mittelfeld eingesetzt werden.
- Luca Weinhandl. Der 17-jährige zentrale Mittelfeldspieler zählt ebenfalls zu den hauseigenen Talenten des Sturm Graz. Sein Debüt gab der Grazer im Jänner 2026, als er in der UEFA-Europa League gegen den Ex-Klub von ÖFB-Verteidiger Gernot Trauner in der Startelf stand.
- Matteo Maric. Das Offensivtalent spielte für den Nachwuchs von RB Salzburg und unterzeichnete einen langfristigen Vertrag beim deutschen Rekordmeister FC Bayern München. Der 16-Jährige wird ab Sommer in der Akademie am Bayern Campus zu sehen sein und bringt mit seinen 1,92 Metern eine vielversprechende Physis mit. Bislang durchlief Maric sämtliche österreichischen Nachwuchsmannschaften und ist zudem diesen Donnerstag in den Perspektivkader des ÖFB einberufen worden. Für die U21 wurde er allerdings noch nicht nominiert.
Neben diesen Spielern drängen sich aber auch noch weitere Namen in den Vordergrund. Dijon Kameri, Oluwaseun Adewumi und natürlich Nikolaus Wurmbrand, welcher auch schon von Rangnick ins Nationalteam einberufen wurde, sind nur einige von ihnen.
Wo drückt der Fußballschuh?
Das große Problem des ÖFB waren selten die Talente. Die Nachwuchsarbeit bringt regelmäßig Spieler hervor, die das Interesse internationaler Klubs wecken. Und auch Ralf Rangnick bekam durch seine Einführung der „Perspektivspielerlehrgänge“ viel Lob.
Die größte Hürde liegt jedoch beim letzten Schritt: Aus Talenten müssen Führungsspieler werden. Genau daran wird sich zeigen, ob die Nachwuchsstrategie und damit der potenzielle Umbruch gelingt.
Was feststeht: Im nächsten Lehrgang wird der Platz von Marko Arnautović frei für ein neues oder altbekanntes Gesicht. Bis dahin ist die Manege für alle selbsternannten Teamchefs frei, um mit den Bällen aus Spekulationen, Theorien und Vermutungen zu jonglieren.