Powerlunch

Ein Gang mit … Harry Bergmann

Mehr als 40 Jahre war er Geschäftsführer der wichtigsten Werbeagentur des Landes. Jetzt schreibt Harry Bergmann Kolumnen und prügelt sich im Privatfernsehen. Wegen der Spesenrechnungen macht er es eher nicht.

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„Ist eigentlich ein Tafelspitz drinnen?“ Ich sitze mit Harry Bergmann im Café Engländer in der Wiener Innenstadt, wir kennen uns erst seit ein paar Minuten, haben beide eine Speisekarte in der Hand, und trotzdem bin ich schon an dem Punkt, an dem ich nicht mehr weiß, ob ich lachen oder verzweifeln soll. Der Tafelspitz mit Erdäpfelschmarren, klassischen Saucen und Bouillongemüse kostet im Engländer 24,90 Euro. Nennenswert billiger bekommt man ihn vielleicht im Baucherl in Simmering oder irgendwo am sehr flachen Land, in 1010 Wien aber fix nirgendwo. Ich sehe Bergmann an, er sieht mich an. Nein, da ist wirklich kein Lachen, kein ironisches Zucken im Mundwinkel: Sind wir also schon so weit, dass sich Menschen, die es gut mit uns Printjournalisten meinen, darüber Sorgen machen, ob 25 Euro das Spesenbudget übersteigen? Wobei, andererseits, Bergmann schreibt für den „Falter“, vielleicht weiß der Mann noch viel besser als ich, wie sehr man im Journalismus zum Sparen gezwungen sein kann.

Café Engländer, Wien 1

In den „Engländer“ kommt man, um zu reden, und nicht zum Instagrammen, was insofern gut ist, als die Tische sehr eng stehen und man deswegen immer guten Gossip erfährt, aus dem „Standard“, aus dem ORF oder auch dem grünen Parlamentsklub, zumindest, solange man selbst kein fernsehbekanntes Gesicht hat.

Bergmann hatte den Engländer als Treffpunkt vorgeschlagen, und ich war begeistert von der Wahl, sie schien mir gut zu passen. Mehr als 40 Jahre lang war er einer der wichtigsten Werber des Landes, das „B“ von Demner, Merlicek und Bergmann, und in dieser Funktion hat er einige der größten Kampagnen begleitet. 2019 ist er aus der Agentur ausgestiegen, seit damals schreibt er Kolumnen und diskutiert im Krawallfernsehen das Zeitgeschehen, und genau solche Menschen trifft man in besonderer Häufung im Engländer: Intellektuelle hängen mit Journalisten herum, Schauspieler bespaßen ihre Regisseure und Politiker ihre Strategen, Berater verkehren hier, Schriftsteller, Musiker, und ganz vorn beim Eingang thront an sechs von sieben Tagen der Ex-Werber Luigi Schober. Der Engländer, kurioserweise von den allermeisten Stammgästen maskulin dekliniert, ist so etwas wie das Vereinsheim des linksliberalen Wien. Wäre er ein Wahlsprengel, die Ampel hätte in ihm wohl nicht nur eine absolute Mehrheit, sondern ein Ergebnis, bei dem sogar der ÖAAB bei den niederösterreichischen Personalvertretungswahlen neidisch wäre. Wo sonst also sollte Bergmann essen gehen?

Markus  Huber

Markus Huber

ist im Hauptberuf Herausgeber des Magazins „Fleisch“ und schreibt für profil alle zwei Wochen die Kolumne „Powerlunch“.