Pia Hierzegger und Ursula Strauss im Doppelinterview in Wien
Doppelinterview

Pia Hierzegger und Ursula Strauss: „Die zerstörerische Kraft der ständigen Vergleiche”

Es geht um Freundschaft, unterschiedliche Lebenskonzepte, aber auch um Befreiungsschläge: Regisseurin Pia Hierzegger und Schauspielerin Ursula Strauss über ihren gemeinsamen Film „Altweibersommer“ (Kinostart: 4. April), Wahnsinnige an der Macht, die steirische Kulturkrise und Existenzängste.

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„Altweibersommer“ ist Ihr Regiedebüt, Frau Hierzegger. Sie schrieben das Buch für diesen Kinofilm über drei Freundinnen und spielen eine der Hauptrollen. Wie hält man das nervlich aus?

Pia Hierzegger

Die erste Nacht vor Drehbeginn konnte ich überhaupt nicht schlafen. Ich bin im Bett gelegen und habe ständig gedacht: Es wäre wirklich super, wenn ich jetzt einschlafen könnte, denn wenn ich unausgeschlafen auch noch bin, fliegt gleich morgen auf, dass ich das nicht kann.

Ursula Strauss

Du hast von Anfang an extrem kompetent und ruhig gewirkt. Wir haben uns alle so auf diese Reise mit dir gefreut. Ich kann mich noch erinnern, als wir uns alle erstmals im Hotel „Drei Hasen“ in Mariazell getroffen haben.

Hierzegger

Das ist kein Scherz, das Hotel hat wirklich so geheißen. Es ist natürlich schon so, dass du da ein Team um dich hast, das das alles nicht zum ersten Mal macht. Und die Uschi musst du nicht an der Hand nehmen und ihr erklären, was sie spielen soll. Aber eine Zeit lang hatte ich schon noch Magenschmerzen, erst beim Dreh am Lido hab ich mich langsam entspannt. Es hat mich schon ordentlich angestrengt. Es ist aber ohnehin so, dass ich nichts, was ich mache, tatsächlich auch gelernt habe: Ich war ja nicht einmal auf einer Schauspielschule. So, jetzt ist es heraußen.

Strauss

Jede Arbeit, bei der so viele Menschen beteiligt sind, hängt extrem von der Person ab, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Pia wusste, was sie während der Dreharbeiten erzählen wollte. Und das Buch war so toll.

Hierzegger

Ich hatte auch mit Klemens Hufnagl einen Kameramann, der mich netterweise nicht merken ließ, wenn ich irgendeinen Blödsinn von mir gegeben habe.

Elli, die Sie, Frau Hierzegger, spielen, hat eine Brustkrebsdiagnose . Haben Sie beide schon Menschen in Zuständen nahe am Tod erlebt?

Strauss

Mich begleitet der Tod, seitdem ich ein Kind bin. Ich habe den Tod von Freunden und Familienmitgliedern in den verschiedensten Formen miterlebt und begleitet: Krankheit, Unfall, Selbstmord. Ich hatte bei all diesen Erlebnissen das Gefühl: Jede Begegnung mit dem Tod ist eine Erinnerung an das Leben. Und die Momente, die wir mit jemand erleben, von dem wir wissen, dass die Zeit begrenzt ist, werden glänzender. Jemanden beim Sterben zu begleiten, funktioniert nur mit einer großen Wahrhaftigkeit. Ich habe zum Beispiel nie so getan, als würde es die Diagnose des oder der Betroffenen nicht geben, habe aber auch nicht ständig darüber geredet.

Hierzegger

Seit die Krebsdiagnose von Elli im Buch dazukam, die ich nicht von Anfang an geplant hatte, sind einige Leute in meinem Umfeld erkrankt. Was wahrscheinlich auch mit unserem Alter zu tun hat. Ich habe mich immer davor gefürchtet, dass Einzelne vielleicht das Gefühl hatten, ich verwerte ihr Schicksal für meine Geschichte, was ich natürlich nicht gemacht hab. Jeder hat seine individuelle Art, damit umzugehen. Ich kenne zum Beispiel eine Person, die hat die Diagnose ein einziges Mal allen kommuniziert und dann nie wieder darüber geredet. Das muss man akzeptieren.

Frau Strauss, Ihre Figur Astrid will bei ihrer kranken Freundin alles richtig machen und kann ihr damit auch furchtbar auf die Nerven gehen.

Strauss

Meine Figur ist ständig gekränkt, weil niemand ihre Hilfsbereitschaft annehmen will und sie versteht. Astrid ist eine Person, die gebraucht werden will.

Hierzegger

Andererseits muss man zu ihrer Verteidigung hinzufügen: Ohne die Astrid wäre nichts passiert, keine gemeinsame Reise, und jede wäre für sich zu Hause gesessen.

Zusätzlich telefoniert diese Astrid ständig mit ihrem Mann Peter, den sie wie ein Kleinkind behandelt.

Hierzegger

Ich glaube, jede von uns hat das schon einmal erlebt, so eine Freundin, die ständig mit ihrem Mann telefoniert, der ohne sie nicht lebensfähig scheint.

Diese drei Freundinnen leben auch völlig unterschiedliche Lebenskonzepte. Rivalisieren die auch ein wenig, wer die besseren Karten gezogen hat?

Angelika Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort