Hierzegger
Das empfinde ich nicht so. Es ist doch so, dass man ab einem gewissen Alter die Gewissheit hat: Es ist jetzt einfach nicht mehr alles möglich. Und dann sitzt man zu dritt mit seinen Freundinnen im engen Raum eines Wohnwagens und sieht auch, wie die anderen leben. Und dann kommen einem Gedanken, dass das ja auch mögliche Leben sind und man vielleicht mit dem eigenen Entwurf falschgelegen ist. Und vielleicht verändert sich ja dann auch was. Eigentlich erlebe ich in meinem Leben wenig Konkurrenz, mehr Frauensolidarität.
Der Film erzählt viel über den Wert von Freundschaft, die ja in unserer paarbesessenen Gesellschaft keine so große Bedeutung hat.
Strauss
Freundschaft ist ein extrem wertvolles Gut und ein Geschenk. Wenn sie wirklich echt und tief ist, kann sie enorm viel aushalten und bildet zwischenmenschlich eine andere Form von Verwandtschaft. Eine Art logische Familie, die zu der biologischen Familie dazu wächst.
Hierzegger
Ich habe zum Beispiel eine Freundin, mit der bin ich seit der Volksschule verbunden. Freundschaften haben ja auch immer so eine Dynamik, in der jeder oder jede eine bestimmte Rolle zu erfüllen hat.
Strauss
Ich habe viele Frauenfreundschaften, die sehr innig und langjährig sind. Wenn wir in der Vergleichsfalle oder der Neidfalle gefangen wären, würde das nicht so funktionieren. Diese ständigen Vergleiche haben eine zerstörerische Kraft. Jeder und jede von uns ist einzigartig.
Hierzegger
Man entdeckt manche Freundschaften auch wieder, das ist vielleicht auch ein Teil des Älterwerdens. Die siehst du dann wieder, und es fühlt sich so an, als ob nie etwas dazwischen gewesen wäre.
Strauss
Es gibt so viele Dinge, die uns beeinflussen, die Auswirkungen auf unsere Zwischenmenschlichkeit haben. Ein extremes Beispiel dafür ist die letzte Pandemie. Die Menschen haben sich in Lager aufgeteilt und verlernt, miteinander zu diskutieren. Dabei ist eine gesunde Streitkultur so wichtig für unsere Gesellschaft.
Hierzegger
Man muss zu allem eine fixe Meinung haben und sie dann auch gleich posten. Und als Schauspielerin sollst du oft deine These zu einem Thema abgeben, von dem du keine Ahnung hast.
Strauss
Klimakatastrophe, Rechtsruck, Machtstrukturen. Heutzutage denken Menschen, dass sie zu allem sofort eine Antwort parat haben sollen. Am besten pointiert und klug, vor allem aber sofort. Ich bin nicht so schnell, brauche Zeit, um Dinge abzuwägen. Diese Medien sind so angelegt, dass wir sie – wie die Tamagotchis in den 1990ern – mit unserer ständigen Aufmerksamkeit und Anwesenheit am Leben halten müssen. Antworten werden verlangt zu den kompliziertesten bis hin zu den banalsten Fragen. Von Ukrainekrise bis zur Lieblingsfarbe.
Hierzegger
Meine Lieblingsfarbe ist bunt.
Strauss
Lieblingsspeise: alles außer Innereien. Farben: alle.
Jetzt leben wir aber auch in einer Zeit, in der der Feminismus einen extremen Backlash erfährt. ImNetz tummeln sich Tausende„tradwives“, die konservative Werte wie den Rückzug in die Häuslichkeit propagieren.
Hierzegger
Tatsächlich sollte eine Frau natürlich entscheiden dürfen, welches Leben sie für sich wählt. Frauen haben ja bis heute nicht die gleichen Chancen und müssen sich in Top-Positionen noch immer extrem behaupten. Andere Frauen, die das beobachten, denken dann vielleicht: Ich darf es mir ja aussuchen, und wenn ich dann so überfordert bin mit der Dreifachbelastung, bleibe ich lieber daheim. Das kann’s ja auch nicht sein.
Mit dem Effekt, dass sie nach einer Scheidung hart an der Armutsgrenze schrammen oder darüber hinaus.
Hierzegger
Das ist wahr: Frauen, die im Betrieb zwar nicht angemeldet waren, aber fleißig mitgearbeitet haben und die nach einer Scheidung mit leeren Händen dastehen, kennt man genug.
Strauss
Es ist immer wieder ein absurdes Gefühl: Frauen bilden die Mehrheit unserer Gesellschaft, und trotzdem ist das Gefühl, eine Minderheit zu sein, permanent anwesend. Wie geht das? Wie hat das die Menschheit hinbekommen: dass wir ständig in so viele Minderheiten aufgeteilt werden? Wir haben so viele andere, wichtigere Themen: das Klima, unsere liberalen Demokratien, die gerade vor einer großen Bedrohung stehen. Es passiert eine epochale Umwälzung, in der die Welt unter Soziopathen, Narzissten und Techmilliardären aufgeteilt und zerstört wird.
Hierzegger
Die werden ja auch noch in den meisten Fällen demokratisch gewählt, diese Wahnsinnigen.
Strauss
Ich weiß überhaupt nicht, warum es so wenig Widerstand gibt und niemand etwas dagegen tut.
Hierzegger
Weil so viele sehr viel dafür tun.
Strauss
Was den Backlash des Feminismus betrifft: Wir leben in einer Welt der massiven Überforderung. Wenn du eine Frau bist, die Mutter und berufstätig ist, musst du schon ordentlich viel Power haben, um das alles stemmen zu können. Alles, was zu Hause sehr oft auf den Schultern von Frauen ausgetragen wird, ist eine Selbstverständlichkeit für die Gesellschaft. Frauen übernehmen ohne viel Aufhebens die Verantwortung für die Pflege der Kinder, der Alten und auch oft der Männer in den eigenen vier Wänden. Gleichzeitig gibt es für Frauen so wenig soziale Absicherung. Was ich jetzt als Frau alles leisten muss und dass ich in jedem Bereich meines Lebens top sein soll, ist einfach extrem überfordernd: die Top-Anwältin, die Top-Mutter, die Top-Liebhaberin, die Top-Verdienerin, aber nur nicht arrogant oder laut dabei sein. Klug, aber nicht zu fordernd, lustig, aber nicht lustiger als der Mann sein, geheimnisvoll, aber bloß nichts wollen. Ich kann verstehen, dass einem Menschen dabei die Kraft ausgeht.
Hierzegger
Und jetzt müssen alle noch 40 Stunden die Woche arbeiten, damit die Wirtschaft am Laufen bleibt. Jeder hetzt sich ab und reibt sich auf …
Strauss
Und rennt in diesem Hamsterrad.
Hierzegger
Das wäre so gar nicht mein Traum für das Alter: Immer im gleichen Tempo in die gleiche Richtung weiterfahren.
Sie meinen, dass man auch mit Gelassenheit etwas absagen können sollte?
Hierzegger
Nein, ich meine vor allem, dass man sein Leben ändern kann. Und dabei keine Angst haben sollte.
Wovor haben Sie Angst?
Hierzegger
Na ja, ich habe schon Angst davor, dass ich keine Arbeit mehr habe. Es ist ja auch nicht so, dass man dauernd gefragt wird. 2024 habe ich zum Beispiel keinen einzigen Drehtag gehabt. Es gibt kein Haus aus Gold, das ich irgendwo stehen habe. Ich kann nicht sagen: Na ja, dann mache ich halt nichts mehr.
Diese Existenzangst potenziert sich gerade für viele Kulturschaffende in der Steiermark. Sie leben ja auch in Graz, Frau Hierzegger, waren Sie auf den Demos gegen die Kulturpolitik von Blau-Schwarz?
Hierzegger
Ja. Und da waren nicht nur 500 Leute, wie das falsch kolportiert wurde, sondern 2500. Ich bin ja neben meiner Filmtätigkeit auch Ensemblemitglied im Theater im Bahnhof in Graz. In kürzester Zeit kann da so viel kaputtgemacht werden. Die tauschen im Kulturkuratorium einfach Personal aus und setzen dort Leute ein, die am rechten Rand sind oder weit darüber hinaus und/oder überhaupt keine Ahnung haben von der Materie. Und die sollen dann beurteilen, ob ein Theater, das es seit über 30 Jahren gibt, Geld bekommen soll.
Strauss
Da wie dort rutschst du immer mehr in die Rolle des Bittstellers. Wir sind aber keine Bittsteller, sondern wir leisten unseren Beitrag in dieser Gesellschaft mit der Arbeit, die wir tun.
Hierzegger
Wir vom Theater im Bahnhof haben noch bis Ende 2025 unseren Vertrag, aber es gibt viele Initiativen, denen bereits jetzt das Geld gestrichen wurde. Die jetzt Verantwortlichen haben einfach keine Ahnung, wie Kultur funktioniert. Ich bin total froh, dass ich das Theater habe. Es ist mein Rückhalt. Wenn du in mehreren Sparten vernetzt bist, ist das künstlerisch sehr befruchtend.
Strauss
Ich würde gerne in dem Beruf alt werden, aber ich möchte auch gerne glücklich weiterleben. Doch das Leben ist unberechenbar, und alles kann zu jeder Zeit passieren. Es macht also gar keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was in zehn Jahren sein wird. Das Leben wird es mir schon zeigen – und ich ihm.
Hierzegger
Ich habe eigentlich keine Angst vorm Alter. Allein zu sein, krank, das wäre nicht schön. Frühere Filme von mir schau ich mir lieber nicht an.
Warum nicht?
Hierzegger
Weil ich dann daran erinnert werde, dass ich älter und sterben werde.
Die Existenzängste zweier so etablierter Künstlerinnen sind schwer nachzuvollziehen. Man hat den Eindruck, dass man Sie im ORF dauernd zu sehen bekommt.
Hierzegger
Das täuscht. Das sind alles Wiederholungen.