Kurios? Nicht unbedingt, sagt Totzauer: „Ich bin unkonventionell. Ich rede niemandem nach dem Mund. Ich rede Klartext und mache auch, was ich sage. Es kann schon sein, dass das manche als Bedrohung empfinden.“
Totzauer bestellt Yukhoe, eine Art koreanisches Beef Tatar (16 Euro, sehr gut), mich theatert sie in ein Volcano Chicken (11 Euro) hinein, Hühnerstücke in einer Sauce, die schärfer ist als alles, was ich jemals gegessen habe, so viel also zum Thema „Bedrohung“. „Vor fünf Jahren war bei meiner Bewerbung mehr Ego im Spiel“, sagt Totzauer jetzt, „und ich habe erwartet, dass das, was ich kann, auch gesehen wird. Heute habe ich viel mehr Ruhe in mir, und ich habe nicht für mich kandidiert, sondern für eine größere Sache.“
Wir bestellen noch eine Runde Asia Cuvée.
Lisa Totzauer ist ein Geschöpf des ORF. Sie hat nie in einem anderen Unternehmen gearbeitet, und ganz offenbar prägt einen das. Vom Landesstudio Niederösterreich gings zur „ZIB 2“ und dann zur „ZIB“. Totzauer war dabei immer karrierebewusst und hat sich ein feines Netzwerk aufgebaut innerhalb der niederösterreichischen ÖVP, aber eben nicht nur. Und selbst Menschen, die nicht in ihrer Ecke stehen, sagen, dass es ihr, anders als den meisten Küniglberg-Karrieristen, immer um den ORF ging und weniger um den eigenen Vorteil. Totzauer ist das, was man eine Vollblut-journalistin nennt, vielleicht ein bisschen rustikal im Auftreten, aber sehr inhaltsorientiert. Und das kann man wirklich nicht über alle ihre Mitbewerber um die ORF-Führung sagen.
Also: Was war die größere Sache?
Totzauer lehnt sich zurück, das lässig-ruppig Laute verschwindet aus ihrer Stimme: „Die Demokratie und freie Medien geraten überall auf der Welt gefährlich ins Rutschen. In so einer Phase ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie. Das klingt dick aufgetragen, und ich bin mir im ersten Moment nicht sicher, ob sie das ernst meint. Doch ja, sie sagt es dann nochmals: Ihre Kandidatur wäre ein Plädoyer für die Unabhängigkeit gewesen, für einen Journalismus, der sich selbst genügt und nicht den Parteien: „Ich glaube, dass wir uns als ORF ändern müssen, und noch können wir die Transformation schaffen. Aber wir haben nicht mehr viel Zeit.“
Lisa Totzauer ist eine interessante Person, laut, lustig, nie um einen blöden Spruch verlegen, aber dann doch wieder sehr fokussiert. Je länger man mit ihr spricht, desto offensichtlicher ist, wie sehr ihr die aktuelle Situation im ORF, die Weißmann-Affäre und auch die politischen Einflussnahmen auf die Nerven gehen. „Ich höre immer, dass die Stimmung bei uns nicht gut ist. Ja, manchmal ist die Frustration der Belegschaft über die Skandale und Affären, die sie in der Zeitung lesen, groß und auch nachvollziehbar. Ich antworte immer: Es ist nicht annähernd der gesamte ORF, es sind nicht alle Führungskräfte und Aufsichtsorgane. Und ich verstehe auch, dass das für die Politik keine einfache Situation ist.“
Ohne sie zu viel interpretieren zu wollen, vermute ich, dass Totzauer trotzdem nicht ganz versteht, warum Politiker auch bei dieser Wahl munter weiter Jobs auspackeln und Personalpakete schnüren, so als hätte es nie ein Wöginger-Urteil gegeben. Es ist alles so wie früher, nur, dass die Öffentlichkeit das nicht mehr so einfach hinnimmt, sondern sich vom ORF immer weiter abwendet und der Sender in ein Glaubwürdigkeitsdilemma gerutscht ist.
Klingt hart, aber es ist so: Der ORF verliert von Jahr zu Jahr Reichweite, und damit natürlich an Relevanz. Auch Totzauer ist das bewusst. „Qualitätsmedien in Österreich erreichen gemeinsam nicht annähernd so viel Marktanteil wie früher“, sagt sie dazu, und genau das wäre das demokratiepolitische Problem: „Viele informieren sich über Social-Media-Kanäle, nicht über Qualitätsmedien. Und wir wissen wohl alle, dass die treibenden Kräfte dort nicht die Stärkung der Demokratie zum Ziel haben.“ Schuld daran wären ihrer Meinung nach auch falsche Ziele im Unternehmen selbst: „Wir im ORF sind zu stark auf die Zielgruppe 60+ fixiert. Das ist verständlich, weil es die größte Gruppe ist und damit schnell viel Reichweite bringt. Dabei übersehen wir aber die Jungen, die unsere Zukunft sind.“ Digitaler müsste der ORF werden. Jünger. Ob das der neue ORF-Chef Clemens Pig auch so sieht? Totzauer möchte über die Qualität ihrer Mitbewerber nichts sagen.
Eine Runde Asia Cuvée bitte!
Je länger wir reden, desto mehr redet sich Totzauer in Rage. Und ja, dass es um die Demokratie in diesem Land nicht mehr so gut bestellt ist, meint sie offenbar, und nicht nur als Überschrift für ihre Bewerbungsunterlagen. Mehr Journalismus möchte sie dieser Verdummung entgegensetzen, im ORF, aber auch in Zusammenarbeit mit anderen Medien. „Kooperation ist in kleinen Märkten wichtig, und wir tun es auch. Aber nicht immer an den richtigen Stellen. Als inhaltsgetriebener Mensch glaube ich, dass die kontinuierliche journalistische Kooperation wichtiger ist als die punktuelle Zusammenarbeit bei Events.“
Als Journalist kann man das nur unterschreiben. Und dann statt eines Abschlusskaffees lieber noch eine Asia Cuvée bestellen.