Ludwig/Ruck Benefiz-Fußballturnier am Samstag in der Generali Arena
© WKW/Florian Wieser
Ludwig/Ruck Benefiz-Fußballturnier am Samstag in der Generali Arena
Neue Leaks: Wer laut Ruck eine „Watschen“ kriegen sollte
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Walter Ruck hat sich in den vergangenen Jahren viele Feinde gemacht. So viele, dass seine Partei, die ÖVP, nun nach geleakten Gesprächsprotokollen seinen Ausschluss prüft. Und wie es eben so ist, ist die Lawine einmal losgetreten, fängt sie an zu rollen – und ist nicht mehr aufzuhalten.
In der Wiener Wirtschaftskammer brodelt es jedenfalls. Der Wiener Wirtschaftskammerpräsident gilt als brutaler Machttaktiker, der gerne Grenzen überschreitet. In neuen, bisher unveröffentlichten Passagen der Ruck-Leaks geht es um seinen Umgang mit konkurrierenden Fraktionen in der Kammer. Sie fühlen sich schon länger von Ruck über den Tisch gezogen, weil er Abmachungen nicht eingehalten und sie unfair übervorteilt habe.
Ruck ist diese Kritik zu Ohren gekommen. In der vertraulichen Runde wiegelt er ab, findet, er brauche sich nicht zu erklären: „Wem willst du es erklären?“ Sein Führungsstil ist ein anderer: „Das Büro muss a Watschen kriegen und ruhig sein.“
Wen meinte er damit?
Es geht um das Büroteam einer anderen Kammerfraktion, die es wagte, aufzubegehren. Gemeint dürfte mit dem „Watschen“-Sager ausgerechnet jene Fraktion im Wirtschaftsparlament sein, die sich bei der vergangenen Wirtschaftskammerwahl als wichtigste Mehrheitsbeschafferin in den Dienst des Wirtschaftsbunds stellte: der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband (SWV), der Wirtschaftsflügel der SPÖ. Und damit die Partei des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig, der sich diese Woche als Einziger hinter den angeschlagenen Wiener Kammerpräsidenten stellte. Wie schon bisher wollte ein Sprecher Rucks die Aussagen nicht bestätigen.
Diese Mehrheitsbeschaffung soll nicht ganz freiwillig verlaufen sein, wie Recherchen zu den Ruck-Leaks zeigen - und kostet den SWV eigenen Angaben zufolge 200.000 Euro pro Jahr. Das ist immerhin 1 Million Euro über die gesamte Kammerperiode gerechnet. Während Rucks Fraktion und der SWV um dieses Geld streiten, stellt sich Bürgermeister Michael Ludwig aber ausgerechnet hinter Ruck und damit gegen seinen eigenen Wirtschaftsflügel. Ganz zum Unmut vieler in der SPÖ, die die Vorgehensweise des Stadtchefs nicht mehr verstehen können. Warum äußert er sich überhaupt? Warum verteidigt er den Mann der konkurrierenden Partei – und lässt die eigenen Leute im Stich?
Vom Freund zum Feind
Die Vorwürfe des SWV, der zweitstärksten Fraktion in der WKW, wiegen schwer: „Das waren Wahltricks vom Wirtschaftsbund, um die eigene Mehrheit zu erhalten“, sagt Marko Fischer, Landespräsident des SWV und Vizepräsident der WKW, in einem Gespräch mit profil und der „Presse“ nach der Enthüllung der Ruck-Leaks.
Es ist einigermaßen kompliziert. Bei der vergangenen Wirtschaftskammerwahl 2025 traten der Wiener Wirtschaftsbund und der SWV in 35 der insgesamt 78 Fachgruppen wieder mit sogenannten Einheitslisten an. In großkoalitionärer Tradition tun SWV und Wirtschaftsbund das schon seit vielen Jahren. Es ist ein System, von dem beide Seiten per Handschlag profitierten: Der Wirtschaftsbund kam so leichter zu seiner absoluten Mehrheit. SWV-Mandatare und -Mandatarinnen erhielten für ihre Wahlhilfe einflussreiche und gut dotierte Funktionen im Präsidium, in den Fachgruppen und Sparten, die ihr Wahlergebnis allein nicht unbedingt hergegeben hätten. Kleine Namenslisten hatten es gegen den schwarz-roten Block schwer. Die Funktionäre von WB und SWV sparten sich den Wahlkampf, weil das Ergebnis bereits vorher feststand. Bisher zumindest.
Ruck und Ludwig
Ziemlich beste Freunde beim Ball der Wiener Wirtschaft
© APA-Images / OTS / Adrian Almasa/OTS/Wirtschaftsbund Wien/Adrian Almasan
Ruck und Ludwig
Ziemlich beste Freunde beim Ball der Wiener Wirtschaft
Im Vorfeld der Wahl zeigte sich der amtierende Kammerpräsident Ruck siegessicher wie eh und je. Wer sollte schon an seiner Popularität und Dominanz zweifeln? Mit ein wenig Vorbereitung und einigen Deals im Hintergrund sollte die Mehrheit des Wirtschaftsbunds auch nach dieser Kammerwahl ungebrochen bleiben.
Doch bei der Auszählung der Stimmen geschah etwas Unerwartetes – und stieß den gesamten Wirtschaftsbund vor den Kopf. Die Freiheitliche Wirtschaft und die UNOS, der Wirtschaftsflügel der NEOS, konnten ihr Ergebnis gegenüber der vergangenen Wahl massiv steigern. Auch die Grüne Wirtschaft legte deutlich zu. Und der SWV lag in einigen Fachgruppen vor dem Wirtschaftsbund. Das Letzte aber, worauf der mächtige Kammerchef Ruck vorbereitet war, war der Verlust der absoluten Mehrheit. Und – Gott bewahre – dass er deswegen eine Koalition schmieden müsse.
Abtrünnige Unternehmen
Was ist passiert? Warum machten nicht mehr Unternehmerinnen und Unternehmer ihr Kreuz beim Wirtschaftsbund? Sofern sie überhaupt wählten: Die Wahlbeteiligung lag bei blamablen 25,32 Prozent. Dabei würde im Wahlkampf nichts unversucht gelassen, um Rucks absolute Mehrheit zu erhalten. Und das begann bereits mit dem ersten Foul in Richtung SWV.
Wie aus internen Unterlagen hervorgeht, die profil einsehen konnte, sollten die Einheitslisten ursprünglich „Liste 1: Team Wiener Wirtschaft – Walter Ruck/Vorname Nachname des ersten SWV Wien Kandidaten“ heißen. Und das in mehr oder weniger 35 Fachgruppen. Laut SWV habe man sich daran nicht gehalten – zugunsten Rucks.
Dann kam das Foul: Am Auszählungstag, im März 2025, sollte am Abend das offizielle Wahlergebnis – also nach allen Zurechnungen und Mandatszuteilungen – verkündet werden. Der Wiener Wirtschaftsbund kam durchgerechnet auf eine hauchdünne Mehrheit von 50,2 Prozent, der SWV landete mit 16,5 Prozent knapp vor der Grünen Wirtschaft auf Platz zwei.
Keine Liebe
Wirtschaftskammerpräsidentin Martha Schultz und der Wiener Kammer-Chef Walter Ruck sind heute nicht mehr so gut miteinander
© APA/HANS KLAUS TECHT
Keine Liebe
Wirtschaftskammerpräsidentin Martha Schultz und der Wiener Kammer-Chef Walter Ruck sind heute nicht mehr so gut miteinander
Damit der Wirtschaftsbund auf die veröffentlichte Mehrheit von 50,2 Prozent kommen konnte, wurden – entgegen der Absprachen – sämtliche auf den Einheitslisten erreichten Mandate dem Wirtschaftsbund zugerechnet. Ein Beispiel: In der Fachgruppe „Markthandel“ etwa traten bei der Wirtschaftskammerwahl auf einer Einheitsliste ein Wirtschaftsbund-Kandidat und 13 SWV-Kandidaten an. Auf den Mandaten sitzen zwar SWV-Leute, in der Statistik wurden sie danach aber zur Gänze dem Wirtschaftsbund zugerechnet – das ist doppelt relevant: Weil damit die Mandate in der höheren Ebene, dem Wiener Wirtschaftsparlament, so auch dem WB zufallen. Der SWV verliert durch den Deal finanziell. Die WKW hat in Summe 1.200 Mandate, auf den SWV entfallen 200 davon, aber eigentlich beansprucht er nun 300 für sich. Je mehr Mandate, desto mehr Geld.
Nach der Wahl hätten die Mandate aus den Einheitslisten wieder an den SWV übertragen werden sollen. Das ist aber nie passiert. Obwohl das anders vereinbart war.
SWV-Wien-Chef Marko Fischer
über einen Deal, der nicht eingehalten worden sein soll
Innerhalb einer gesetzlichen Frist von drei Werktagen hätten die Mandate, die der SWV in den Einheitslisten in diesem höchst komplizierten Wahlverfahren erzielt hatte, wieder an den SWV wandern sollen – das soll laut SWV der Deal gewesen sein: „Nach der Wahl hätten die Mandate aus den Einheitslisten wieder an den SWV übertragen werden sollen. Das ist aber nie passiert. Obwohl das anders vereinbart war. Der Wirtschaftsbund war innerhalb der gesetzlichen Frist von drei Tagen nicht für uns erreichbar“, erklärt SWV-Chef Fischer auf Nachfrage.
Deals ohne Schrifterl
Nur um das richtig einzuordnen: Auch in diesem Fall wurden hinter verschlossenen Türen Mandate und Posten ausgedealt, ohne dass diese Vereinbarungen je an die Öffentlichkeit gelangten und damit für die wahlberechtigten Unternehmerinnen und Unternehmer sichtbar wurden. Diesmal wurde aber – zumindest aus Sicht des SWV – ein Deal gebrochen. Verschriftlicht wurde freilich nichts – also kann man nichts einklagen.
Deshalb sagt der SWV mit Blick auf die nächste Wirtschaftskammerwahl zu profil und „Presse“: Nie wieder. Oder zumindest nie wieder mit dem Wirtschaftsbund (WB). Diese Linie markiert einen Bruch mit Ruck. Die rot-schwarzen, großkoalitionären Einheitslisten dürften damit Geschichte sein. Und damit die Wirtschaftsbund-Absolute fraglich.
Dass sich der SWV erst eineinhalb Jahre nach der Wahl, nach Bekanntwerden der Ruck-Leaks, aus der Deckung wagt, liegt auch daran, dass man ewig deswegen nachverhandelt hat. Und dass nach der Mehrheitsbeschaffung zahlreiche Funktionen in den Fachgruppen und Sparten bis hin zum Vizepräsidentenamt verhandelt wurden – allesamt gut dotierte Positionen. Der SWV wiederum will freilich gut dotierte Posten für seine Fraktion - er erhält auch 12 Prozent der Bruttobezüge seiner Funktionärinnen und Funktionäre – quasi als Mitgliedsbeitrag. Und je mehr Posten, desto besser für die Fraktionskasse. Wenn man schon auf so viel Wählergruppenförderung für Rucks Absolute verzichten muss.
Ohne die Mandatsverschiebung aus den Einheitslisten käme der Wirtschaftsbund laut SWV-internen Berechnungen, die profil einsehen konnte, jedenfalls lediglich auf 36 Prozent der Wählerstimmen.
Warum noch wählen?
Was sagt die Ruck-Fraktion dazu? Florian Kollenz, Direktor des Wiener Wirtschaftsbunds, argumentiert auf Anfrage von profil formaljuristisch. Demnach habe es, rein rechtlich, gar keine Einheitslisten gegeben: „Der Wirtschaftsbund Wien ist bei den Wirtschaftskammerwahlen 2025 unter dem Listennamen Liste 1: Team Wiener Wirtschaft – Walter Ruck/… angetreten. Alle Kandidatinnen und Kandidaten auf diesen Listen haben eine notwendige Unterstützungserklärung für den Wirtschaftsbund Wien ausgefüllt und in Folge für den Wirtschaftsbund Wien kandidiert. In manchen Gruppen ist die Liste 2: SWV Wien … nicht angetreten.“ Übersetzt: Auch SWV-Kandidaten auf den Einheitslisten wurden somit durch ihre Unterstützungserklärungen zu WB-Mandataren.
Stocker will Ruck loswerden
Am Freitag tagt der Parteivorstand der ÖVP
© APA - Austria Presse Agentur
Stocker will Ruck loswerden
Am Freitag tagt der Parteivorstand der ÖVP
Kollenz weiter: „Das offizielle Wahlergebnis sind die erreichten Mandate in den Fachgruppen und diese Ergebnisse sind auf der Webseite der Wirtschaftskammer Wien veröffentlicht. Aus diesen erreichten Mandaten ergeben sich die Besetzungen in den Spartenkonferenzen sowie im Wirtschaftsparlament.“
Der SWV hat also – wie angeblich vereinbart – auf die Rückgabe seiner Mandate gewartet. Vergebens, und fällt damit um 200.000 Euro Förderung für die Fraktion pro Jahr um. Dazugesagt: profil konnte sich davon überzeugen, dass in den Fachgruppen tatsächlich SWV-Leute auf Wirtschaftsbundmandaten sitzen. Wie die Berechnung der Mandate im Wirtschaftsparlament und die Zuteilung der Fraktionsförderung allerdings im Detail erfolgt, ist ein gut gehütetes Kammer-Geheimnis und für Außenstehende nicht zu verifizieren. Und für den Kammerwähler, der keine Deals im Hintergrund ankreuzte, noch weniger.
Freihändige Vergabe
Ein Detail am Rande der wohl undurchsichtigsten Wahl Österreichs: Über die Verteilung der Fraktionsförderung von insgesamt 3,5 Millionen Euro entscheiden ausschließlich Präsident Walter Ruck und seine drei stimmberechtigten Vizepräsidenten – drei weitere Vizepräsidenten sind nur kooptiert und nicht stimmberechtigt. Eine der Vizepräsidentinnen ist übrigens jene Frau, die laut den Ruck-Leaks „Befehle“ bekam und „salutierte“. Sie verzichtete auf eine politische Kandidatur bei der Wiener Gemeinderatswahl 2025 zugunsten von Walter Rucks Sohn Alexander.
Aber auch SWV-Mann Marko Fischer gehört dem Präsidium an. Laut Wirtschaftskammer Wien fiel der Beschluss zur Verteilung einstimmig. Fischer sagt, er hätte ohnehin eine Mehrheit gegen sich gehabt und sich darum nicht gewehrt.
Aber nicht nur die Sozialdemokraten in der WKW begehren nun auf – und berichten von eigenartigen Deals: Udo Guggenbichler von der Freiheitlichen Wirtschaft erzählt, er hatte mit Ruck-Intimus Florian Kollenz eine mündliche Vereinbarung – der Wirtschaftsbund sollte Guggenbichler bei der Wahl zum Stellvertreter in einer Fachorganisation unterstützen, Guggenbichler dafür auf eine Kooperation mit den Roten und Grünen verzichten. Nach der Wahl wollte sich Kollenz laut Guggenbichler daran nicht mehr erinnern, Guggenbichler ging leer aus. Kollenz ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet.
Der Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer
eröffnet seine Rede beim Salzburg Summit mit Sticheleien gegen Ruck
© APA/GEORG HOCHMUTH
Der Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer
eröffnet seine Rede beim Salzburg Summit mit Sticheleien gegen Ruck
Fest steht: Der SWV fühlt sich gelegt. Der Wiener SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig, der letzte mächtige Unterstützer Rucks, wollte das auf Anfrage nicht weiter kommentieren. Er gehöre weder dem SWV noch dem WB an, argumentierte einer seiner Sprecher. Subtext: Macht’s euch das untereinander aus.
Tatsächlich ist es Bürgermeister Ludwig, der den umstrittenen WKW-Präsidenten noch im Amt hält. Er kenne seinen Freund ganz „anders“, als es die veröffentlichten Protokolle offenbaren, sagt er. Ludwig nimmt für die Rettung seines alten Freundes ein beträchtliches Risiko. Die SPÖ-Frauen sind angesichts der sexistischen Äußerungen, unter anderem über SPÖ-Vizebürgermeisterin Barbara Novak, empört. Wie viel ist der rote Feminismus wert, wenn es darauf ankommt?
Shopping im KaDeWe und eine AG?
Es ist unverständlich: Wieso tut Ludwig das? Und was hat er nun davon, für Ruck ins Feuer zu springen? Es wirkt so, als wäre Ludwig die Nähe zu Ruck wichtiger als eine – realpolitisch eher unbedeutende – SPÖ-Teilorganisation oder Grundwerte der Partei wie Gleichberechtigung von Frauen. Sein Kalkül könnte sein: Mit Ruck führt Ludwig neben den Neos eine Art Zweit-Koalition. Jede Kritik der ÖVP an der SPÖ-Stadtregierung kann er mit dem Hinweis abwehren, dass er eng mit der ÖVP-dominierten Kammer kooperiere.
Da sind wir beide gestanden im KaDeWe (Kaufhaus des Westens in Berlin). Wir sind mit den Einkaufssackerln gestanden, der Michi und ich.
Walter Ruck
über seine Shoppingtrips mit dem Bürgermeister
Einblicke in diese Bromance bieten einmal mehr die Ruck-Leaks: Dort sagt Walter Ruck laut profil und „Krone“ vorliegendem Gesprächsprotokoll: „Da sind wir beide gestanden im KaDeWe (Kaufhaus des Westens in Berlin). Wir sind mit den Einkaufssackerln gestanden, der Michi und ich. Die Frauen waren irgendwo in der Kabine. Und dann haben wir über die Wien Energie geredet. Und ich hab ihm gesagt: Warum tust du dir den Scheißdreck an mit der GmbH? Warum machst du nicht eine AG? Dann hast du einen gescheiten Vorstand.“
Kaufhaus des Westens
Ruck und Ludwig auf Shoppingtour mit den Ehefrauen in Berlin
© APA - Austria Presse Agentur
Kaufhaus des Westens
Ruck und Ludwig auf Shoppingtour mit den Ehefrauen in Berlin
Gemeinsame Shopping-Trips mit den Ehefrauen und nebenbei wird millionenschwere Beteiligungspolitik besprochen – wobei das Rathaus auf Anfrage festhält, dass Rucks Fantasien (Umwandlung in eine AG) nicht auf der Agenda stünden.
Dass Ruck von seiner eigenen Partei am schärfsten kritisiert wird, ist logisch: Er hat sich in den vergangenen Jahren viele Feinde in den eigenen Reihen gemacht – in denen ihn manche gar mit Russlands Machthaber Wladimir Putin vergleichen. Auch nicht schmeichelhaft.
Man hat Rucks Allüren lange geduldet, nach der Wirtschaftskammerwahl 2025 dürfte er es aber doch übertrieben haben: Er und sein engster Zirkel besprachen bei einem mehrtägigen Skiurlaub, welche Funktionäre in Wirtschaftskammer und Wirtschaftsbund sie scheibchenweise abmontieren wollen. Und das wurde in die Tat umgesetzt – teilweise, so berichten es Betroffene, wurden sie mit vorausgefüllten Rücktrittserklärungen zu dem Schritt gedrängt. Gleichzeitig machten Rucks Zwillingssöhne und seine Frau Karriere, wurden auf Posten in der Sozialversicherung (dort hat der Wirtschaftsbund ein Nominierungsrecht), der ÖVP und der Wirtschaftskammer gehievt. Bei jeder dieser Positionen schaute jemand anderer durch die Finger.
Zunächst hat keiner der Übergangenen an Rucks Sessel gesägt – als der Kammerpräsident aber wegen Postenschacher-Vorwürfen in die Negativschlagzeilen kam und sich in den Ruck-Leaks selbst belastete, sahen einige ihre Zeit für Rache gekommen.
Freund, Feind, Parteifreund
Zu dieser Kategorie darf man auch die Wiener ÖVP zählen. Ruck hat im Vorjahr versucht, Markus Figl als neuen Parteichef zu verhindern, jetzt schlägt das Pendel zurück. Wirtschaftsbund und ÖVP agieren schon seit Jahren, als wären sie zwei verfeindete Parteien. Auch die von Ruck mittels vorgefertigter Rücktrittserklärung abgesägte ÖVP-Nationalratsabgeordnete Maria Neumann geht in die Offensive: „Mit diesem Ansehensverlust der gesamten Wirtschaftskammer Wien und der ungeklärten Situation ist eine ordentliche Interessenvertretung nur schwer möglich.“ Und weiter: „Was zu kritisieren ist, ist der Umgang mit Menschen in seinem Umfeld. Männer und im Besonderen Frauen.“
Die Industriellenvereinigung wiederum kann es sich nicht gefallen lassen, von einem Kammerpräsidenten als „degeneriert“ vorgeführt zu werden.IV-Generalsekretär Christoph Neumayr sagt zu profil: „Respekt gegenüber den Mitgliedern ist keine Option, sondern die Mindestvoraussetzung für das Amt eines Wirtschaftskammerpräsidenten. Die Aussagen von Präsident Ruck zeigen ein Bild, das mehr als befremdlich ist und ein seltsames Verständnis von Unternehmensvertretung zeigt.“
Respekt gegenüber den Mitgliedern ist keine Option, sondern die Mindestvoraussetzung für das Amt eines Wirtschaftskammerpräsidenten.
IV-Generalsekretär Christoph Neumayer
über Rucks Entgleisungen
Wirtschaftskammerpräsidentin Martha Schultz und Kanzler Stocker sind mit Sicherheit keine Kammer-Killer. Sie fürchten schlicht, dass die Causa Ruck negativ auf sie abfärbt und haben sich deshalb deutlich von ihm – und zwar nur von ihm – distanziert. Sie bekommen den Rücken von weiteren, hochrangigen ÖVP-Funktionären gestärkt: Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler, Europaministerin Claudia Bauer und der intern mächtige Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner legten Ruck am Donnerstag den Rücktritt nahe. Diese Forderungen könnten sich allerdings als Schwäche entpuppen: Wenn sich Ruck weiter an sein Amt klammert, wären die Spitzen der ÖVP als machtlos vorgeführt; von einem Landeskammerpräsidenten wohlgemerkt.
Parteiausschluss hin oder her: Die einzige Organisation, die Ruck formal stürzen kann, ist der Wiener ÖVP-Wirtschaftsbund. Und dort hat er vor Jahren schon für bedingungslose Loyalität gesorgt. Rucks engste Vertraute fokussieren sich deshalb vor allem auf die interne Kommunikation: Sie warnen Wirtschaftsbündler vor neuen Medienberichten, verunglimpfen die Recherche als „Kampagne“ und attackieren alle, die Ruck kritisieren – sogar den Bundeskanzler, dem nahegelegt wurde, sich lieber mit dem „Bürokratiewahnsinn zu beschäftigen“. Kurzzeitig wurde medial ein potenzieller Nachfolger von Ruck kolportiert, sein Golf-Freund und Spartenobmann Martin Heimhilcher. Prompt ließ sich der Wiener Wirtschaftsbund-Direktor Florian Kollenz per WhatsApp-Chat von Heimhilcher bestätigen, dass dieser die Funktion des Präsidenten gar nicht anstrebe: „Wie kommt es zu diesem Schwachsinn?!?? Ich stehe zu 100 Prozent hinter Walter. Wann hört endlich der Versuch auf, die WB-Familie auseinander bringen zu wollen?“ Den Screenshot des Chatverlaufs schickte Kollenz an alle Funktionäre des Wirtschaftsbundes Wien weiter. Jede Umsturzstimmung soll bereits im Keim erstickt werden.
Lahme Ente
Ein Kammerkönig ohne Gefolge ist aber in Rucks Fall nur eine lahme Ente.
Am Salzburg Summit versammelt sich gerade das Großkapital des Landes. Bei der Eröffnungsgala am Mittwoch sitzen im noblen Hangar-7 von Red Bull an rund 35 Tischen die Vermögensverwalter des Landes: Regierungsmitglieder, Vorstände der größten Unternehmen, Lobbyisten und Interessenvertreter. Auch einige jener Industriellen, über die Walter Ruck in den Ruck-Leaks herzog und die er als „degeneriert“ und vom „Kaviar-Frühstück“ kommend bezeichnete, sind hier. Als Vorspeise gibt es Flusskrebse auf Avocadocreme – keinen Kaviar.
Die Tischgespräche drehen sich hier um den Wiener Kammer-Präsidenten. „Er kann das schon aussitzen, aber er ist ein dead man walking. Niemand setzt sich mehr mit an einen Tisch, um irgendetwas zu verhandeln“, sagt ein Regierungsmitglied zu profil. Eine Vorständin, die nicht namentlich zitiert werden will, formuliert es schärfer: „Ich kann zu Herrn Ruck nichts sagen. Auch wenn wir uns sehen, spricht er nicht mit mir. Vielleicht, weil ich eine Frau bin?“
Die mächtigen Geldgeber der Kammer sind verschnupft. Und gegen sie kann kein Kammer-Boss und kein Bürgermeister auf Dauer regieren.
Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.
Jakob Winter
ist Digitalchef und seit 2025 Mitglied der Chefredaktion bei profil. Gründete und leitet den Faktencheck faktiv.