660.000 Euro für Pförtnerhaus: Walter Rucks teures Drittbüro im Schloss Hernstein
Die Wiener Wirtschaftskammer leistet sich für ihren Präsidenten Walter Ruck nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Büros. Eines davon auf dem Areal des feudalen Schloss Hernstein. Interne Unterlagen zeigen nun, dass Umbau, Sanierung und Miete das Kammerbudget massiv belasten.
US-Präsident Donald Trump hat Camp David, der Papst Castel Gandolfo. Und der Wiener Wirtschaftskammer-Präsident Walter Ruck hat Schloss Hernstein in Niederösterreich. Wobei der Schlossherr in diesem Fall nicht direkt in dem Palais im neugotischen Stil residiert. Dort ist ein feines Hotel untergebracht – auch als passende Location für Hochzeiten, Seminare und sonstige Festivitäten. Rucks Reich ist das schmucke, denkmalgeschützte Pförtnerhäuschen – in klassischem Understatement-Chic.
Hier, eine gute Stunde von Wien entfernt, empfängt er auf schönen Massivholz-Leder-Möbeln Funktionärinnen und Funktionäre, die er auch schon einmal eigens aus der Bundeshauptstadt anreisen lässt. Das berichten zumindest einige, die dort zur Audienz gewesen sein wollen. Das kammerweite Rauchverbot werde dabei ab und an ausgesetzt, wird erzählt – Ruck raucht gern Zigarre.
Bemerkenswert ist die Residenz im Grünen, weil Ruck als Präsident der Wiener Wirtschaftskammer (WKW) bereits zwei Büros in Wien zur Verfügung stehen. Das Pförtnerhäuschen ist somit sein Drittbüro auf Kammerkosten. Rucks Interesse für Hernstein könnte auch daher rühren, dass er in Niederösterreich lebt – ganz in der Nähe des Schlosses.
Für Ruck mag das praktisch sein, für Funktionäre ärgerlich – für die Kammer ist das Drittbüro jedenfalls teuer: Zuletzt flossen 660.000 Euro allein in die Ausstattung des 110 Quadratmeter großen Häuschens am Rand des Schlossparks. Letzten Endes auf Kammerkosten. Das geht aus internen Unterlagen der Wirtschaftskammer Wien hervor, die profil und „Krone“ vorliegen. Dafür nimmt der Präsident offenbar sogar in Kauf, dass eine Tochter-GmbH der Kammer hohe Verluste schreibt.
Das Häuschen im Grünen erzählt viel über Rucks Amtsverständnis, über den Umgang mit den Pflichtbeiträgen der Mitglieder – und über seine Gegner, die ihn zwar kritisieren, aber nicht loswerden können.
Wachsame Augen
Das einstige Portierhaus aus Bruchsteinmauerwerk wacht am Eingang des historischen Schlossparks. Die Augen eines gusseisernen Löwen – passend zu Rucks Sternzeichen – sind auf Türen und Fenster des heutigen Bürogebäudes gerichtet. Ebenso wie zahlreiche Überwachungskameras. Das Haus liegt am Rande eines kleinen Gartens und im Schatten der Schlossmauer. Der alte Apfelbaum trägt eine selten gewordene Sorte. Dass hier beinharte Machtpolitik gemacht wird, ist bei all der Idylle rundherum kaum vorstellbar.
Eine Schotterallee führt am Pförtnerhäuschen vorbei durch den Schlossgarten zum Teich und weiter zu Schloss Hernstein. Sein heutiges Antlitz verdankt das Schloss dem Wiener Ringstraßenarchitekten Theophil Hansen, der auch das Heeresgeschichtliche Museum und das Parlament errichtete. Nach zahlreichen Eigentümerwechseln gehört das Schloss seit den 1960er-Jahren der WKW. Heute wird es als Seminar- und Veranstaltungshotel geführt.
Zurück zum Eingang: Ende 2022 mietete die WKW das einstige Pförtner-Domizil als Büro – auf unbestimmte Zeit und um 1500 Euro netto pro Monat. Dies quasi von sich selbst: Vermieterin ist die Schloss Hernstein Hotelbetriebsgesellschaft mbH, die über eine Zwischengesellschaft im Eigentum der WKW steht. Rund um die Anmietung sanierte die Vermieterin das Häuschen noch einmal auf eigene Kosten – um satte 660.000 Euro. 220.000 Euro flossen in die Adaptierung als Büro, weitere 440.000 Euro in die Sanierung, wie aus den profil vorliegen Unterlagen hervorgeht. Wieso nimmt man so viel Geld für das Herrichten eines lediglich 110 Quadratmeter großen Büros in die Hand? „Das Pförtnerhaus wurde 2022 im Sinne des Denkmalschutzes saniert und wird ausschließlich zu Besprechungs- und Bürozwecken genutzt“, heißt es dazu knapp von der Wirtschaftskammer.
Sehr viel Geld floss übrigens auch in eine Küchensanierung auf der anderen Seite des Schlossteichs: Aus den Unterlagen geht hervor, dass die Schlossküche um 2,1 Millionen Euro saniert wird. Hier wird unter anderem für Großveranstaltungen gekocht.
Das ist viel für eine Betreibergesellschaft, die seit Jahren Verluste schreibt und sich solche Investitionen eigentlich nicht leisten kann. Beim Pförtnerhäuschen werden die Kosten bei einer Nettomiete von 1500 Euro monatlich so schnell auch nicht wieder hereinkommen. Laut Firmenbuch (Wirtschafts-Compass) verdoppelte die Schloss Hernstein Hotelbetriebsgesellschaft mbH ihren Bilanzverlust nahezu: von 4,2 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 8,1 Millionen Euro im Jahr 2024. Der Jahresabschluss für 2025 ist noch nicht veröffentlicht.
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Kammerkönig
Walter Ruck genießt innerhalb der Kammer eine enorme Hausmacht. In der Stadt Wien bekommt er von seinem Freund und Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) politische Rückendeckung. Und auch der Wiener Wirtschaftsbund hat ihn erst kürzlich als Obmann wiedergewählt - ohne Gegenkandidaten und mit ganz wenigen Gegenstimmen.
Die Verluste gehen in diesem Fall auf Kosten der Kammer – und letzten Endes ihrer Pflichtmitglieder. Vereinfacht gesagt: Wenn die Gesellschaft nicht performt, muss die WKW die Verluste ausgleichen. Aus dem Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2024, der profil vorliegt, geht hervor, dass die WKW als Gesellschafterin „einen unwiderruflichen, nicht rückzahlbaren Gesellschafterzuschuss in Höhe von EUR 2.855.000,00 gewährt hat“. Außerdem schoss die übergeordnete Wiener Wirtschaft Holding – sie ist eine 100-prozentige Tochter der WKW und nunmehrige Mutter der Schloss Hernstein Hotelbetriebsgesellschaft mbH – später zur „Sicherstellung des Liquiditätsbedarfs“ rückwirkend für das Geschäftsjahr 2,3 Millionen Euro zu. Oder anders gesagt: Die Kammer musste wiederholt aus eigenen Mitteln Verluste in jener Gesellschaft ausgleichen, die das Büro des Kammerpräsidenten umbaute.
„Das gesamte Ensemble – Schloss, Parkanlage und Pförtnerhaus – steht unter Denkmalschutz. Laut Bundesdenkmalamt liegt die Erhaltung des Denkmals im öffentlichen Interesse; daraus ergeben sich für die Eigentümerin laufende Erhaltungs- und Instandhaltungsverpflichtungen, denen sie verantwortungsvoll nachkommt“, schreibt ein Kammersprecher in einer schriftlichen Stellungnahme. Das beantwortet freilich nicht, wie die WKW die Verluste in den Griff bekommen will und ob es – Denkmalschutz hin oder her – wirklich zweckmäßig ist, ein Drittbüro in Hernstein zu finanzieren. Fragen dazu ließ die WKW bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Der unantastbare Präsident
Ruck, der seit zwölf Jahren an der Spitze der Wiener Kammer steht, wird von heutigen und vor allem auch von ehemaligen Weggefährten als machtbewusster Stratege beschrieben. Er hat sich innerhalb der Wirtschaftskammer in den vergangenen Jahren nicht nur Freunde gemacht. Langjährige Wirtschaftsbund-Größen bugsierte er aus dem Amt, darunter auch seine Vizepräsidentinnen. profil berichtete wiederholt über den umtriebigen Kammerpräsidenten: Er musste sich dem Vorwurf des Postenschachers stellen, weil er seinen Söhnen und seiner Frau zu lukrativen Posten in der Sozialversicherung verholfen haben soll. Mittels vorgefertigter Rücktrittserklärungen soll er Kammer- und Wirtschaftsbund-Funktionäre zum Rücktritt gedrängt haben. Am 22. Juni droht neues Ungemach: Dann entscheidet der Kontrollausschuss der Wirtschaftskammer, ob ein umstrittener Immobiliendeal mit Signa näher untersucht wird. Vier Fraktionen im Wirtschaftsparlament – die Freiheitliche Wirtschaft, die Unos, die Grüne Wirtschaft und der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband – haben einen entsprechenden Antrag eingebracht.
Aus dem Umfeld von Bundes-Kammerpräsidentin Martha Schultz ist zu hören, dass sie wenig Freude mit den Skandalen rund um Ruck habe. Sie präsentiert Ende Juni ihre Kammerreform und hat vorab bereits angekündigt, jede vierte Stelle in der Bundeszentrale zu streichen. An Ruck perlt all das bisher ab. Mit seinem Freund und Trauzeugen, Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), hat er einen mächtigen Verbündeten im Wiener Rathaus. Auch im Wirtschaftsflügel der ÖVP, dem Wiener Wirtschaftsbund, sitzt Ruck fest im Sattel. Am 13. Mai ließ er sich einen Monat vor Mandatsende und ohne Gegenkandidaten erneut zum Obmann wählen.
Das passende Credo zur Schlosshistorie: Die Kammer, das bin ich.
Mitarbeit: Jakob Winter
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(profil.at)
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Stand:
Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.
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