Chaos, Cameos & Cringe: Die lustigste Serie des Jahres
Wie soll man von der elektrisierenden, heftige Lach- und Fremdscham-Attacken auslösenden Serie „The Studio“ von und mit Seth Rogen berichten – in schwärmerischer Absicht gar? Schon allein die Aufzählung all der Stars, die sich in dieser aus Chaos, Cameos und Cringe komponierten Comedy über das Hollywood-Studiosystem (abzurufen auf Apple TV+) in verzerrten Versionen ihrer selbst der Lächerlichkeit preisgeben, würde genügen. Aber auch der Weg vertiefender Plot-Synopsen der individuellen Episoden, die in beachtlicher Breite die aktuell heißesten Eisen der Entertainment-Industrie auf- und angreifen, wäre gangbar. Oder vielleicht zitiert man einfach nur all die messerscharfen One-Liner, die hier in irrwitziger Taktung abgefeuert werden? Seitenweise Unterhaltung wäre garantiert.
Um des unbefangenen Schauvergnügens willen ist jedoch Zurückhaltung angesagt. Nur so viel: Martin Scorsese wird zum Weinen gebracht, sein Regiekollege Ron Howard zur Weißglut, Zoë Kravitz von psychoaktiven Pilzen an den Rand ihres Bewusstseins getrieben. Und ja, eine Folge dreht sich ausschließlich darum, nicht die Nerven, die Reputation oder beides zu verlieren, während man die ethnisch unproblematischste Besetzung für einen Blockbuster über das Kool-Aid-Maskottchen sucht. Und, oh ja, schillernde Sentenzen hagelt es hier wirklich im Dauertakt – stellvertretend diese: „Wenn es nach mir ginge, würden wir uns darauf konzentrieren, den nächsten ,Rosemary’s Baby’ oder ,Annie Hall’ zu machen – oder irgendeinen großartigen Film, der nicht von einem verdammten Perversen gedreht wurde.“
Das Zitat stammt von Rogens (fiktiver) Hauptfigur, einem idealistischen, aber auch wendehalsigen Filmliebhaber, der unversehens die Karriereleiter hinaufstolpert, um sich eines Tages an der Spitze eines angeschlagenen Hollywood-Großstudios wiederzufinden. Hin- und hergerissen zwischen der eigenen Cinephilie und dem auferlegten Gebot der Profitmaximierung wird er bald eine fragwürdige Entscheidung nach der anderen treffen, während er versucht, filmische Qualität in der rauen Realität des Studioalltags hochzuhalten – Eskalationen, gekränkte Eitelkeiten und erhebliche Selbstzweifel sind vorprogrammiert.
Obwohl es letzthin kaum einen Mangel an seriellen Showbiz-Studien gab (hier die exzellenten Formate „Barry“ und „The Other Two“, dort das platte „The Franchise“) und auch die Realität – mit zur Steuerersparnis nach Fertigstellung eingestampften Big-Budget-Produktionen – reichlich absurde Vorlagen lieferte, durchkämmt „The Studio“ Hollywoods Minenfeld mit exemplarischem Punch – und stilistischer Meisterschaft. Über weite Strecken in lange, fließende One-Takes (derer sich neulich auch der aufwühlende Netflix-Hit „Adolescence“ versicherte) gefasst, versteht die Show bei allem Schabernack auch Dynamik und Sogkraft zu entfalten. Tiefgreifende Branchenkenntnisse setzt diese beißende, mit echten Herzblut vorgetragene Weigerung, den Traum von Hollywood schon abzuschreiben, beim Publikum gar nicht voraus – die Liebe zum Kino reicht völlig. Oder, wie es hier einmal mit fast beiläufiger Gewissheit heißt: „Wenn du einen wirklich guten Film machst, dann ist er für immer gut“.