Interview

Club-Klangzauberer DJ Koze: „Für reines Geballere bin ich zu alt"

Der Hamburger Musiker und Produzent DJ Koze, ein internationaler Star der elektronischen Musik, lässt House, Pop und Techno versponnen tanzen. Anlässlich seines neuen Albums erzählt er im profil-Gespräch von den Limits der Clubmusik, von KI-Kompositionen und „FinTech-Arschlöchern“.

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Ein Vierteljahrhundert ist es nun her, dass sich DJ Koze, bürgerlich Stefan Kozalla, heute 53, exklusiv der elektronischen Musik zuwandte. Nach der Auflösung seiner ikonischen Hip-Hop-Formation Fischmob wird er zunächst Teil des deutschen AllStar-Projekts International Pony, um ab Mitte der Nullerjahre die bereits parallel erprobten Solo-pfade zu beschreiten. Peu à peu entwirft er eine unverkennbare, freidrehende Klangästhetik zwischen House, Techno und bald auch Pop, wobei ihm versponnene Experimente, psychedelisch verschlungene Umwege und verschmitzter Witz stets näher liegen als Purismus oder nüchterne Funktionalität. In der internationalen DJ-Beletage nimmt er damit längst eine Ausnahmestellung ein.

In klarer Abgrenzung zur Schnelllebigkeit seiner Branche, in der steter Output als zermürbender Standard gilt, lässt sich Koze für seine Platten die nötige Zeit: Sieben Jahre nach seiner letzten LP „Knock Knock“ (zwischendurch produzierte er Tonträger für Róisín Murphy und Marteria) erscheint nun auf dem eigenen Label Pampa Records sein viertes Studioalbum: „Music Can Hear Us“. Gemeinsam mit Vokalprominenz wie Damon Albarn, Soap&Skin und Markus Acher schlägt er darauf eklektisch und unverkrampft Brücken – von tribalistischem House („Buschtaxi“) über zart knisternden Indiepop („What About Us“) und melancholischen Techno („Die Gondel“) bis hin zu etwas, das man gerne deutschen Soul nennen möchte („Wie schön du bist“). Es ist eine Musik, die nicht nur selbst zuhört, sondern neugierig stets auch das Unerwartete und Gegenläufige sucht. Genau wie Kozalla selbst, wie das profil-Interview mit ihm deutlich macht.

"Music Can Hear Us“, der Titel Ihres neuen Albums, suggeriert, dass die Musik auch uns hört. Ein beruhigender Gedanke, zumal einem diese wärmenden Klänge nun auch noch im ersten Frühlingssonnenschein begegnen.

Koze

Eigentlich dachte ich, es wäre eine Herbstplatte – düster, tiefgründig und melancholisch. Aber eine Veröffentlichung schon im Herbst haben wir nicht hinbekommen. Dann dachte ich: Lass los! Weil: Jegliches Wollen ist Leiden. Im Winter versinkt man oft in sich selbst, in Weltschmerz und Traurigkeit – und braucht genau diesen Soundtrack. Gerade in der aktuellen Weltlage. In diesem Sinne kann man „Music Can Hear Us“ auch als politisches Statement verstehen: Wenn uns niemand mehr versteht, bleibt vielleicht noch die Musik. Ich glaube, dass die Musik widerspiegelt, was mich oder uns alle bedrückt. Sie hat sich quasi durch mich hindurchgearbeitet. Selbst Clubmusik muss für mich eine gewisse Tiefe haben. Für reines Geschrubbe und Geballere bin ich zu alt.