Betrachten Sie sich nach über zwei Jahrzehnten in der Szene überhaupt noch als Produzenten von Clubmusik?
Koze
Ein, zwei Tracks auf dem Album würde ich schon als Clubmusik bezeichnen. Das reicht dann aber auch, wenn die auf dem Punkt sind. Ich bin ein älterer Mann, dem es nicht mehr nur um monotone Bassdrum-Rhythmen geht. Clubmusik ist Formelmusik. Für mich ist es aber viel interessanter, wenn das Ende offen ist. Clubmusik steckt einen oft sofort in ein Korsett.
Auch wenn es Ihnen gelungen ist, sich aus diesem Korsett zu befreien – in Ihrer Funktion als DJ ist diese Mission schon herausfordernder, oder? In einem vollen Club will man doch einfach nur tanzen.
Koze
Ja, klar. Als DJ hat man einen ganz anderen Job. Clubmusik reagiert zeitversetzt auf das Weltgeschehen, auf neue Ideen und Einflüsse. Da wird immer wieder ein neues Loch in den Zaun gefräst, durch das ich schlüpfen und mich austoben kann. Bei einem Album denkt man eher wie bei einem Roman, da kann man sich auch vergaloppieren, man schraubt Jahre dran, und am Ende denkt man: Alter, was ist das für ein Scheiß?
Wenn man derzeit durch die Löcher im Zaun schaut, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Clubmusik in den letzten Jahren viel schneller geworden ist. Ihre eigene Musik erscheint dagegen erstaunlich gedrosselt.
Koze
Dieses groteske ADHS-Tempo ist vielleicht auch eine Folge von Corona. Bei mir ist das der Gegenentwurf. Ich denke so: Stress mich nicht, gib mir nicht zu viele Signale, gib mir lieber die Essenz. Die findet man oft bei 120 beats per minute, nahe am Herzschlag. Da hast du mehr Platz zwischen den Schlägen, um etwas zu erzählen. Das fühlt sich auch abends bei einem Glas Rotwein richtig an. 130 BPM machen mich hingegen schon nervös.
In Interviews zu ihrem 2018 erschienenen Album „Knock Knock“ haben Sie Ihre oftmalige Kollaborateurin Róisín Murphy gern kokett mit der Bemerkung zitiert, dass es darauf ja gar keine Ohrwürmer gäbe. Wie fällt Ihre Bilanz der neuen Platte in dieser Hinsicht aus?
Koze
Ich mag Popmusik, aber irgendwie kann ich das nicht so richtig. Meine Musik ist eine komische Version davon, die an der Hafenmauer zerschellt, bevor sie richtig an Land kommt. Ich mag Stimmen, ich mag Melodien, ich mag, wenn ein Lied sich öffnet. Ich würde ja gerne Mark-Ronson-mäßig an die Sache rangehen, nach einem gewissen Schema, aber wahrscheinlich ist das eben nicht die Musik, die ich machen sollte.
Der US-Producer-Megastar Timbaland erzählte unlängst beseelt davon, dass er an einem Morgen gleich vier perfekte K-Pop-Songs produzieren könne – mit einer KI, die er für die Zukunft des Musikmachens hält.
Koze
Das alles steckt ja noch in den Kinderschuhen. Vielleicht ist das einfach die Zukunft, und wir sind Nostalgiker, wenn wir denken, dass Timbaland lieber kratziges Vinyl sampeln sollte. Vielleicht hat er auch schon gemerkt, dass das alles nichts bringt und fügt sich in sein Schicksal – jegliches Wollen ist Leiden! Ich bin sogar ein bisschen neidisch auf Timbaland. Irgendwie fühle ich mich gerade abgehängt.
Sie stehen allerdings für eine höchst originäre, verspielte Klangästhetik, die schwer zu reproduzieren sein dürfte – es gibt ja auch kaum menschliche Producer, die sich erfolgreich an Ihrem Stil versucht hätten.
Koze
Meine neue Platte ist vielleicht die letzte Pirouette auf dem dünnen Eis der Unersetzbarkeit. Mir bleibt nichts übrig, als es so zu machen, wie ich es fühle. Das ist der einige Kompass, den man wirklich hat. Es gibt keine Gewissheit und keine Formel mehr, das ist vielleicht auch gut so. Ich habe das Gefühl, dass ohnehin niemand wirklich weiß, wie das Musikbusiness gerade funktioniert.
Decken sich die Beobachtungen des Musikers DJ Koze mit jenen des Labelbetreibers Stefan Kozalla?
Koze
Die Plattenfirmen setzen derzeit auf viele Aktien, wie bei einem Bankgeschäft. Hoffentlich kommt einer ins Ziel; keiner weiß, was los ist. Ich spüre, dass ein tierischer Druck auf allen lastet, die Musik machen. Viele denken über einen Exit-Plan nach, sind desillusioniert, dass diese FinTech-Arschlöcher unseren Kulturzweig einem Algorithmus unterjochen. Das ist alles so gottlos. Mir tun die Jungen leid, die von Musik leben wollen. Ich weiß nicht, wie das gehen sollte.
Sie haben auf Ihrem Album markante Gaststimmen versammelt: Blur-Sänger Damon Albarn taucht auf, auch die Österreicherin Anja Plaschg, bekannt als Soap&Skin, die da den 1980er-Italo-Disco-Evergreen „Vamos a la playa“ covert. Plaschg eilt ja der Ruf voraus, fremde Songs auf unnachahmliche Weise zu ihren eigenen zu machen. Wie kam es dazu?
Koze
Irgendwann habe ich Anja nachts geschrieben: Lass uns „Vamos a la playa“ machen! Monate später schickte sie mir ihre Version – ohne jegliche Absprache. Dieser Text ist ein trojanisches Pferd. Ich weiß ja ungefähr, wie der Hase läuft, aber dann kommt Anja und knallt mit ihrem Wahnsinn rein, fantastisch. Eine Frau voller Wunder.
Wie sieht denn Ihr übliches Prozedere in der Zusammenarbeit mit anderen aus?
Koze
Musiker haben oft das Gefühl, sie müssten Stundenzettel ausfüllen und richtig leiden, damit es einen Wert hat, was sie tun. Wie ein Tischler, der 60 Stunden an einem Möbelstück arbeitet. Aber das ist Quatsch. Irgendwann kann man auch in zwei Stunden einen Tisch fertigstellen. Du magst die Vocals einfach in den Laptop gesungen haben, aber das genau kann es sein! Oft ist weniger eben mehr; aber mehr ist selten mehr.