Flaggen und Streifen: Ein unbekannter Fotograf dokumentierte die Befreiung des KZ Dachau durch US-Truppen am 29. April 1945.
Fotografie

Zwei neue Bildbände erzählen Geschichten, die nie vergessen werden dürfen

Vor 80 Jahren endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Die Fotos von den damaligen Ereignissen sind bis heute Erinnerung und Mahnung.

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Der Untergang des Nationalsozialismus verlangte klare Sicht. Im Frühjahr 1945 stieß Martha Gellhorn mit US-Truppen von Westen her ins Innere des Dritten Reichs vor. „Niemand ist ein Nazi“, notierte die amerikanische Reporterin: „Niemand ist je einer gewesen.“ Erwartet hatte Gellhorn fanatisierte Hitler-Anhänger – „Werwölfe“, wie sie schrieb. Stattdessen war sie mit Wehgeschrei konfrontiert: „Wir haben nichts Unrechtes getan; wir sind keine Nazis. Man müsste es vertonen.“

Der Refrain der Opfer und Täter wird 80 Jahre nach Kriegsende allmählich leiser. Das Bild dagegen, davon war schon der französische Denker Roland Barthes überzeugt, ist unwiderruflich: „Es hat immer das letzte Wort; kein Wissen kann ihm widersprechen, es zurechtrücken, es verfeinern.“ Der Bildband „1945“ ist ein Buch zur Warnung und Erinnerung, Beleg einer Epochenzäsur; ein Beweisband mit 108 berühmten, oft auch schockierenden Bildern von 42 Fotografinnen und Fotografen, in dem das Jahr vom Kriegsende, von frühen Kriegsverbrecherprozessen und Konzentrationslager-Dokumentationen immerwährend eingekapselt scheint.

Wer die vergangenen Dekaden nicht auf einer Scholle im Polarmeer verbracht hat, dürfte viele dieser Bildikonen kennen: Der menschenleere Lagerkomplex von Auschwitz, vom polnischen Fotografen Stanisław Mucha bald nach der Befreiung am 27. Jänner 1945 dokumentiert; der gefallene GI auf einer Wiese des Ruhrgebiets, dessen Fallschirm sich in einer Hochspannungsleitung verfangen hat, aufgenommen vom ungarisch-amerikanischen Kriegsreporter Robert Capa; der Blick des Dresdners Richard Peter auf die vollkommen zerstörte Altstadt seiner Geburtsstadt; die Baracke 56 des KZ Buchenwald nach der Befreiung, 16. April 1945: Der US-Soldat Harry Miller hält mit seiner Kamera zu Skeletten abgemagerte Gefangene fest, denen die Blechnäpfe zugleich als Kopfkissen dienten. Wenige Tage darauf, am 20. April 1945, lichtet der britische Fotoreporter George Rodger, neben Capa einer der Mitbegründer der legendären Agentur Magnum, einen Buben ab, der an Hunderten Toten vorbeigeht, die im KZ Bergen-Belsen ermordet worden waren. Die Amerikanerin Lee Miller wiederum feierte den Sieg über Nazi-Deutschland auf eigene Art: Sie ließ sich von ihrem Kollegen David E. Scherman in Hitlers Badewanne in dessen ehemaliger Privatwohnung am Münchner Prinzregentenplatz fotografieren. Auf dem Wannenrand steht ein Hitler-Porträt, der Diktator scheint die entblößte Fotografin mit dem Waschlappen auf der Schulter ungläubig anzustarren.

Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.