Elfie Semotan im Porträt bei einer ihrer Ausstellungen
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Elfie Semotan: „Ich habe Naomi Campbell den Kopf abgeschnitten“

Mit Elfie Semotan starb Österreichs berühmteste Fotografin. Einst sprach sie mit profil über die nervtötende Naomi Campbell, Ornella Mutis Busen, „Germany's Next Top Model“ und ihren Begriff von wahrer Schönheit.

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profil traf Österreichs berühmteste Fotografin Elfie Semotan 2015 in ihrem Wiener Atelier zu einem großen Gespräch über Schönheit. Semotan starb am 6. Juni 2026 im Alter von 84 Jahren.

Wie schaut ein Mensch aus, den Sie schön finden?

Semotan

Als ich 14 Jahre alt war, fuhr ich mit meiner Mutter nach Italien. Dort lernten wir ein Paar kennen: einen sehr gut aussehenden Mann mit einer Frau, die weder schön noch hübsch war. Ich fragte mich damals: Warum sind die zusammen? Er ist zehnmal schöner als sie. Eine Woche lang habe ich die beiden beobachtet und festgestellt, dass die Frau einfach wunderbar war. Sie war klug und hatte ein reizendes Wesen. Damals begriff ich: Man muss nicht hübsch im landesüblichen Sinn sein, um begehrenswert zu sein. Es ist mir bis heute wichtiger, dass die Person, die ich fotografiere, interessant ist, als dass sie wunderschön ist. Und in der Liebe hat man sowieso eine ganz andere Optik. Man ist viel näher dran, sieht und spürt den Menschen in vielen Details, zieht aber kein Resümee über die Proportionen, wie ich das bei Models machen würde.

Viele Studien haben ergeben, dass es Schöne im Leben leichter haben. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Semotan

Ja, ich denke, das stimmt wirklich. Oft wird allerdings behauptet, Fotomodelle wären dumm. Diese Behauptung entstand aus der Annahme, dass Schöne nichts leisten müssen. Dieses Vorurteil betrifft besonders die Frauen, aber auch Männer.

Sie haben selbst einige Jahre lang als Model gearbeitet. Hat man Ihnen unterstellt, dumm zu sein?

Semotan

Zum Glück nicht. Ich war immer sehr aktiv und habe es den Leuten schwer gemacht, mich zu schnell abzustempeln. 

Meine Palmers-Frauen waren ein Symbol für Sex, das konnte und wollte ich nicht verhindern, aber sie strahlten auch Freiheit aus.

 

Sie haben auch in Hollywood fotografiert. Was überlegen Sie sich, bevor Sie einen Star wie Benicio del Toro treffen?

Semotan

Grundsätzlich hängen meine Überlegungen bei Hollywoodstars davon ab, welchen Agenten sie haben. Denn jeder Schauspieler hat ein Image, nach dem er sich anzieht, benimmt und nach dem er fotografiert werden will. Der Agent kommt mit und passt auf. Benicio del Toro war sehr unkompliziert. Er kam allein und war total locker. Er ist sehr gutaussehend und sympathisch, und ich versuchte, nicht allzu beeindruckt von ihm zu sein. Ich hatte ein minimalistisches Styling vorbereitet – ein paar Säcke vorbereitet, die ihm nur erlaubten, sich auf den Boden des Studios zu setzen oder sich anzulehnen. Ich wollte nicht viel Ablenkendes im Bild haben, sondern mich ganz auf ihn konzentrieren.

Model Naomi Campbell in einem weißen Kleid in Cannes
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Sie hatten auch eine der schönsten Frauen der Welt, Naomi Campbell, ein paar Mal vor der Kamera. Wie war das?

Semotan

Naomi Campbell ist sehr hübsch und hat einen unglaublich schönen Körper. Muskulös und zart gleichzeitig, fantastisch. Aber man bekommt von ihr keine spezielle Stimmung. Das interessiert sie auch gar nicht, sie arbeitet ihre Jobs einfach ab. Bei einem Mode-Shooting erzählte sie mir, dass sie früher Ballett gemacht hat. Also haben wir sie in Ballettschuhen in Positionen abgebildet, an die sie sich noch erinnern konnte. Weil sie mich mit ihrer Lustlosigkeit so genervt hat, habe ich ihr bei einem Sprung den Kopf abgeschnitten. Das Foto wurde sogar verwendet. Naomi hatte die Größe, mir später in einer Nachricht mitzuteilen, das sei für sie das schönste Bild der Serie.

Sie haben viele Künstler fotografiert. Sind sie eine spezielle Herausforderung?

Semotan

Ja und nein. In fast allen Fällen steht man einer ausgeprägten Persönlichkeit gegenüber, das kann helfen, aber auch schwierig sein. Die Lust am Experimentieren ist bei Künstlern jedenfalls größer. Marina Abramović abzulichten war nicht einfach. Sie ist eigentlich nicht an Fotos von sich als Person interessiert, sie will als Darstellerin ihrer künstlerischen Aktionen wahrgenommen werden. Trotzdem gab sie mir viel Zeit und war kooperativ. Georg Baselitz erzählte mir während eines Shootings, dass er sich meist und am liebsten von Alex Katz fotografieren lässt. Das war nicht sehr hilfreich. Meinen zweiten Mann Martin Kippenberger habe ich natürlich oft fotografiert. Er mochte das.

Hat Ihnen Ihre Schönheit Türen geöffnet?

Semotan

Ja, klar. Das erlebt jeder Mensch, der eine gewisse Hübschheit hat. Ich wollte das aber nicht wirklich zur Kenntnis nehmen. Ich wollte geschätzt werden, weil ich gut war in dem, was ich tat. Aber natürlich kann man das nicht trennen. Anerkennung ist immer eine Mischung aus dem, wie ich aussehe, und dem, was ich mache.

Wie suchen Sie Ihre Models aus?

Semotan

Ich würde nie ein Model nur nach ihren Bildern aussuchen. Ich muss die Person kennenlernen. Wenn ich jemanden schön finde, bin ich wahrscheinlich auch von dessen Persönlichkeit beeinflusst. Ich habe oft Mädchen fotografiert, die man fast als hässlich bezeichnen könnte. Oder sagen wir, Mädchen, die garantiert nicht schön waren. Aber sie hatten andere Dinge, die ich sehr interessant fand. Damit kann ich Fotos machen, die spannend sind. Es ist mir bisher nur ein Mal passiert, dass ich mit einem Model arbeiten musste, das mir gar nicht gefiel.

Was fehlte der Frau?

Semotan

Sie war sehr schön und hatte die schönsten Beine der Welt. Sie wollte aber auf den Fotos immer lächeln oder lachen. So etwas stört mich. Wir waren einander einfach unsympathisch. In den USA werden schon die Kinder aufs Lächeln trainiert. Eine Person kann schön anzuschauen sein, aber wenn sie nichts vermittelt, wird sie schnell langweilig. Alle guten Models haben diese Präsenz.

Verleger Nikolaus Brandstätter, Cordula Reyer und Elfie Semotan 2011
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Verleger Nikolaus Brandstätter, Cordula Reyer und Elfie Semotan 2011 bei einer Buchpräsentation in Wien

Cordula Reyer wurde durch Sie und den Modeschöpfer Helmut Lang zum Topmodel. Auch Reyer ist ein sehr spezieller Typ, oder?

Semotan

Cordula Reyer ist eine sehr spezielle Frau, die dem gängigen Schönheitsideal der 1980er-Jahre überhaupt nicht entsprach. Sie hat diese verschwollenen Augen wie meine Lieblingsschauspielerinnen Monica Vitti und Charlotte Rampling, und diesen extrem großen Mund. Das war alles sehr attraktiv, aber Cordula fand sich selbst nicht attraktiv. Das mussten wir mit ihr erarbeiten. Schönheit spielte in der Zusammenarbeit mit Helmut Lang eine große Rolle. Die Models mussten aber etwas ganz Besonderes, eine moderne Art von Schönheit haben.

Werbe- und Modefotos werden oft bis zur Unkenntlichkeit retuschiert. Bearbeiten Sie Ihre Bilder nach?

Semotan

Von den Menschen, die ich fotografiere, möchte ich so viel wie möglich sehen. Wenn man sehr viel retuschiert, geht viel von der Eigenständigkeit verloren. Ich korrigiere Hautunreinheiten, aber ich lege niemals einen Filter über alles. Und ich würde nie die Konturen eines Menschen verändern.

In Österreich wurden Sie in den 1970er-Jahren mit Ihren revolutionären Palmers-Werbeplakaten bekannt. Sie mussten aber auch Kritik von Feministinnen einstecken. Warum?

Semotan

Die Palmers-Plakate waren meine erste Erfahrung mit Frauen in Unterwäsche. Ich arbeitete mit Modellen, die mit dieser Vorgabe einverstanden waren. Es war damals wichtig, Frauen zu zeigen, die selbstbewusst, im vollen Bewusstsein ihrer Schönheit und ihrer Weiblichkeit, einfach nur dastehen. Ohne Umschweife, losgelöst von schönen Autos oder anderen Situationen, in denen sie sonst gezeigt wurden. Das war neu.

Trotzdem mussten Sie viel Kritik einstecken.

Semotan

Ja, die Feministinnen haben die Frauen in Schutz genommen, was ich auch verstanden habe. Ich habe in dieser Situation nach bestem Wissen gehandelt. Trotzdem: Auch meine Palmers-Frauen waren ein Symbol für Sex, das konnte und wollte ich nicht verhindern, aber sie strahlten auch Freiheit aus.

Sind Männer in Unterhosen einfacher zu fotografieren?

Semotan

Kurze Zeit später habe ich das gemacht. Da gab es dann Aufregung, weil eine Frau halbnackte Männer fotografiert. Grundsätzlich ist es mit Männern leichter, weil Unterhosen weniger kompliziert sind als BHs, Höschen und Strümpfe. Die Frisur, das Make-up, die Ästhetik des Körpers und dessen Verletzlichkeit - das ist alles komplexer bei Frauen. Männer haben es leichter, sie werden nicht so genau betrachtet und nicht so streng beurteilt. Eitel sind die Männer aber genauso.

Männer haben es leichter, sie werden nicht so genau betrachtet und nicht so streng beurteilt. Eitel sind die Männer aber genauso.

Sie haben 2005 den Jungbauernkalender gemacht. Wie kam es dazu?

Semotan

Die Jungbauern haben mich gefragt, und ich fand es toll. An den bis dato erschienenen Kalendern hat mich die amerikanische Playboy-Erotik gestört. Aus meiner Kindheit auf dem Land hatte ich eine ganz andere Erotik im Kopf. Es hat mir richtig Spaß gemacht, einen ganz jungen Bauern in total altmodische Unterhosen zu stecken, was ihn zuerst zur Verzweiflung brachte, ihm aber zuletzt gefallen hat.

Wie fotogen ist eigentlich Kanzler Werner Faymann?

Semotan

Er ist fotogen. Ich habe ihn für den Wahlkampf 2008 im Auftrag der Werbeagentur Demner, Merlicek & Bergmann fotografiert. Werner Faymann weiß, wie wichtig gute Bilder sind, und war sehr kooperativ. Er hat später in einem Interview gesagt, er wäre nicht wie sonst üblich retuschiert worden. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich gutes Licht gemacht habe.

Wenn ich Kinder in einem bestimmten Alter hätte, die „Germany's Next Topmodel“ sehen wollten, würde ich mich daneben setzen und ihnen meine Erfahrungen schildern.

Haben Sie sich auch mit Hässlichkeit beschäftigt?

Semotan

Mich beschäftigt und fasziniert Hässlichkeit. Vielleicht bezeichnen wir aber auch nur das uns nicht Bekannte, Unübliche als hässlich. Ich bin fasziniert von sehr eigenwilliger Selbstdarstellung, ich bewundere die Menschen, die ununterbrochen ihrem eigenen Anderssein ausgesetzt sind. Ohne Hässlichkeit gibt es außerdem keine Schönheit.

Wie sieht ein Foto aus, das Sie wegschmeißen?

Semotan

Langweilig. Ich saß einmal in einer Jury eines Fotowettbewerbs bei Kodak. Die meisten Fotos richteten sich nach dem gerade gängigen Mainstream. Dazwischen entdeckte ich recht unbedarfte Bilder von einem Mädchen, das sich selbst in einem halbdunklen Zimmer sitzend fotografiert hatte. Die Fotos waren nicht schön oder perfekt, aber man konnte spüren, dass ihr diese Fotos wichtig waren. Das war für mich viel überzeugender als die Wiederholung dessen, was gerade als angesagt galt. Sie wurde ausgezeichnet.

Haben Sie ein Lieblingsfoto?

Semotan

Ein Foto von einer Kulisse für ein Shooting, für das wir einen Wald aus Birkenstämmen aufgebaut haben. Man sieht erst auf den zweiten Blick, dass es kein echter Wald ist.

Hängen Sie Ihre eigenen Bilder an die Wand?

Semotan

Ja, der Birkenwald hängt in meinem Haus in Jennersdorf.

Legen Sie privat Wert auf Schönheit?

Semotan

Natürlich. Für mich ist es wichtig, dass es in meiner Wohnung so aussieht, wie ich es möchte. Hängt an der Wand ein Bild, das ich nicht mag, dann nervt mich das jede Sekunde.

Was halten Sie von Schönheitsoperationen?

Semotan

Ich habe sehr wenige erfolgreiche Ergebnisse von OPs gesehen. Wahrscheinlich gibt es ein paar, die richtig gut sind. Ich selber möchte es nicht. Ich halte es für sinnlos, mit 70 zu versuchen, jung und schön auszusehen. In meinem Alter ist es wichtiger, wie man als Person ist. Natürlich will ich auch im Alter schön sein, aber es ist eine andere Art von Schönheit. Renée Zellweger zum Beispiel verstehe ich nicht. Sie war wunderbar! Jetzt ist sie nicht wiederzuerkennen. Und Nicole Kidman ist Mitte 40, da ist man doch noch schön, oder?

Ornella Muti in weißem Kleid vor vielen Fotograf:innen in Cannes
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„Ich sagte Ornella Muti, sie habe einen wundervollen Busen, und sie sagte lächelnd: Ein Geburtstagsgeschenk.“

Bei Ornella Muti finden Sie es aber nicht so schlimm, dass sie sich operieren ließ?

Semotan

Ja, weil sie dazu steht. Sie hat sich einmal während eines Shootings umgezogen und hatte keinen BH darunter. Ich sagte ihr, sie habe einen wundervollen Busen, und sie sagte lächelnd: „Ein Geburtstagsgeschenk.“ Sie brauche ihn für ihren Job, sie müsse schließlich die Regisseure inspirieren, erklärte sie mir.

Wir sind permanent von makelloser Schönheit umgeben. Auf Plakaten, im Fernsehen, im Internet. Ist das auf Dauer ungesund?

Semotan

Für mich ist es relativ leicht, mich von diesen Illusionen zu befreien. Ich weiß, wie sie entstehen. Der Anspruch auf diese Perfektion ist völlig verkehrt. Wir brauchen sie nicht und werden sie auch nie erreichen. Es ist sicher auch ungesund, sich ununterbrochen mit seinem Äußeren zu beschäftigen. Schönheit ist vergänglich, es ist ein aussichtsloser Kampf. Aber sicher kann jeder Mensch gut aussehen, egal ob er schön ist oder nicht, wenn er sich richtig kleidet.

Schauen Sie sich Heidi Klums Castingshow „Germany's Next Topmodel“ an?

Semotan

Nein. Wenn ich Kinder in einem bestimmten Alter hätte, die es sehen wollten, würde ich mich daneben setzen und ihnen meine Erfahrungen schildern. Ich habe selbst erlebt, dass Mädchen oder Burschen ankamen und das Modeln als Lösung aller Probleme sahen. Modeln ist kein leicht verdientes Geld, man muss für diesen Job eine wirkliche Begabung haben. Nur wenige können dieses glamouröse Leben verwirklichen – viele scheitern tragisch. Ich sage den jungen Menschen, sie sollen zuerst die Matura machen. Man muss unterscheiden, ob man verkaufsfördernder Hintergrund für Illusionen sein will oder ob man versucht, herauszufinden, was man gut kann. Dann führt man wahrscheinlich ein nicht weniger erfülltes und mit Schönheit befasstes Leben.

Franziska Dzugan

Franziska Dzugan

schreibt für das Wissenschaftsressort, ihre Schwerpunkte sind Klima, Medizin, Biodiversität, Bodenversiegelung und Crime.