Geschichte wird gemacht: Diagonale-Kinopreise für Holzinger, Harawe und Polster
Vielschichtig kuratierte Filmfestivals sind nicht nur dazu da, als politisch-ästhetische Gegenwarts-Bestandsaufnahmen zu dienen; sie können auch historische Linien nachzeichnen, die über die Jahrzehnte so blass geworden waren, dass sie kaum noch wahrnehmbar erschienen. Und plötzlich leuchten diese Linien wieder auf: Wenn etwa eine legendäre Gestalt der österreichischen Avantgarde, der inzwischen 85-jährige Filmemacher, Autor und Expanded-Cinema-Pionier Hans Scheugl, im Rahmen des Filmfestivals Diagonale davon erzählt, wie er in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre die spätere Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek kennengelernt hat, wird Folgenreiches sichtbar.
Er habe, berichtete Scheugl in einem Gespräch nach der Vorführung seiner vieldeutigen, im Sommer 1986 entstandenen Wahn- und Alltagsstudie „Was die Nacht spricht“, in der Elfriede Jelinek als Darstellerin auftrat, in den Jahren davor im österreichischen Filmarchiv gearbeitet; dort sei Jelinek vorstellig geworden, weil sie den antisemitischen, mit Paula Wessely besetzten NS-Propagandafilm „Heimkehr“ (1941) sehen wollte – was in der Prä-YouTube-Ära eben nur am Schneidetisch des Filmarchivs möglich war. Scheugl zeigte der Schriftstellerin also, wie sie mit der „Heimkehr“-Kopie hantieren, wie sie diese in die Apparatur einspannen und betrachten, vor- und zurückspulen konnte. Die Recherche hatte Folgen: Jelineks Wessely- und Nachkriegsfaschismus-Anklage „Burgtheater“, einst als „Nestbeschmutzung“ skandalisiert, ist eine gespenstisch aktuell anmutende Obduktion rechtspopulistischer Verblendung. In sechs Wochen wird das Werk, aus gegebenen Anlässen, wieder auftauchen: Am 18. Mai 2025 wird Jelinek sagenumwobenes Stück, das nach der Bonner Uraufführung im November 1985 40 Jahre lang von der Autorin gesperrt war, erstmals und exklusiv in Österreich wieder gespielt werden – als Produktion der Wiener Festwochen, inszeniert von Intendant Milo Rau, sinnträchtigerweise am Burgtheater selbst.
Unzumutbare Flüchtlingspolitik
Als hochpolitisch begreift sich aber auch Österreichs vielgestaltiges Gegenwartskino, wie die heute zu Ende gehende Diagonale 2025 demonstrierte. Bei der nach kurzfristiger Absage der Moderatorin charmant improvisierten Preisverleihung gestern Abend im Grazer Annenhofkino wurde eine Reihe von Arbeiten ausgezeichnet, die der gesellschaftlichen Verdunkelung, die wir weltweit erleben, mit teils grellen Schlaglichtern begegnen, die den Monstren Krieg und Menschenhass unverwandt ins Auge blicken.
Mo Harawes in Somalia gedrehte Überlebenserzählung „The Village Next to Paradise“ (profil berichtete) wurde als bester Spielfilm – und für die beste Kameraarbeit – ausgezeichnet; zum besten Dokumentarfilm wurde Lisa Polsters „Bürglkopf“ gekürt, eine äußerst präzise Untersuchung der Zustände in einem den Blicken der Öffentlichkeit entzogenen, in den Tiroler Bergen gelegenen Internierungslager für Geflüchtete, die man nicht abschieben kann, aber durch unzumutbare Unterbringung zur freiwilligen Ausreise bewegen will. „Bürglkopf“ erhielt zudem den Preis für den besten Nachwuchsfilm.
Als stärksten Kurzspielfilm würdigte man Reza Rasoulis Flucht-Tragödie „Night of Passage“, als besten kurzen Dokumentarfilm Josephine Ahnelts intime Krankheitserzählung „lll“, in der die Vulnerabilität des Protagonisten in fein texturierte analoge Filmbilder übersetzt wird. Der Preis für innovatives Kino ging an eine erfindungsreiche Mockumentary, an Michael Gülzows ironisch-verschwörerische Echsenmenschen-Spurensuche, die der Regisseur „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ genannt hat.
Echsenmenschen
Die dramaturgisch produktivste Montage erkannte man in Roland Stöttingers Arbeit an Kurdwin Ayubs „Mond“ sowie in Michael Palms inspiriertem Materialspiel in Alexander Horwaths „Henry Fonda for President“. Mit den Preisen für das beste Szenenbild (Klaudia Kiczak) und das beste Kostüm (Monika Buttinger) bedachte man Alexandra Makarovás mitreißendes Iron-Curtain-Melodram „Perla“, als beste Schauspielerinnen ehrte die Jury zwei sonst eher der Bühnenkunst verpflichtete Performerinnen: Florentina Holzinger („Mond“) und Marie-Luise Stockinger („Gina“).
Aber auch unter den nicht prämierten Werken fanden sich starke Diskursvorgaben: Paul Poets „Der Soldat Monika“, das spielerisch-abgründige Porträt der sich in der Nähe rechtsextremer Milieus bewegenden Transfrau und Corona-Leugnerin Monika Donner, fiel da ebenso auf wie der feministische Crashkurs „Girls and Gods“ mit der couragierten Femen-Gründerin Inna Shevchenko.
In einem Jahr der sich verfinsternden Kulturpolitik, angesichts drohender budgetärer Einschnitte in der blau-schwarz regierten Steiermark sind Filme wie diese, die von Humanismus und Kampfgeist zeugen, nötiger denn je. Der steirische Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl erklärte der Kulturszene am Diagonale-Abschlussabend, wie sehr er sie zu schätzen wisse und dass er sich für sie ins Zeug legen werde, erging sich in Stabilitätsversprechungen und Vertrauenszusicherungen. Er wird daran zu messen sein. Oder wie es die deutsche Band Fehlfarben 1980 formulierten: Keine Atempause. Geschichte wird gemacht.