Die Erkundigung, ob seine Lieder denn Protestsongs seien, konterte er schon wieder belustigt: „Es sind mehr mathematische Lieder, mathematische Lieder gegen Hunger und Durst.“
Tatsächlich war der Sohn eines Elektrohändlers schon am ersten Tag im Jänner 1961, als er aus dem Nichts von Hibbing, Minnesota, in New York City ankam, Bildhauer seines eigenen Mythos. Er erzählte in den Clubs der Folk-Szene im pulsierenden Greenwich Village, dass er eigentlich in New Mexiko groß geworden, früh von zu Hause ausgerissen sei, sein musikalisches Handwerk bei nomadisierenden Cowboys gelernt, auf den Dächern von Zügen geschlafen und eigentlich schon Platten aufgenommen habe, allerdings unter einem Pseudonym, und dass er die Rauheit des Blues bei einem schwarzen Musiker mit nur einem Auge namens Wigglefoot studiert habe.
Elektrischer Sündenfall
Nichts oder nur ein minimaler Teil davon stimmte, wie Elijah Wald, Gitarrist und Musikhistoriker, in seinem Buch „Dylan Goes Electric“ (das als Vorlage für James Mangolds Film diente) beschreibt. Inspirationsquelle für eine vor farbenfroher Folklore und Lügengeschichten nur so strotzenden Do-it-yourself-Biografie war der Folk-Sänger Woody Guthrie, Dylans Idol seit Teenager-Tagen. Guthrielag damals schon schwer gezeichnet von der neurologischen Huntington-Krankheit in einem Spital in New Jersey, wo Dylan ihn mehrfach besuchte und sich den Sanktus für das Lied „Song to Woody“ holte, das auf seinem ersten Album („Bob Dylan“) im März 1962 erscheinen sollte.
In seinen Memoiren, die er „Chronicles“ nannte, beschreibt Dylan seine Ankunft in Manhattan: „Ich kannte keine Menschenseele in dieser dunklen, frostigen Metropole, aber das sollte sich ändern – und zwar bald. Vor mir lag die ganze Stadt. Ich hatte eine lebhafte Vorstellung davon, wo alles war. (…) Ich hatte geschärfte Sinne und feste Gewohnheiten, ich war unpraktisch und obendrein ein Visionär. Die Zukunft bereitete mir keine Sorgen. Sie stand vor der Tür.“
Seine Mentorin und spätere Liebesgefährtin Joan Baez beschrieb die Magie des frühen Dylan ganz simpel: „Er hatte das massivste Charisma, das ich je auf einer Bühne gesehen habe.“ Und selbst die Vertreter der Highbrow-Medien begaben sich damals
in die dunklen Clubs und stickigen Cafés im boomenden Künstlerviertel Greenwich Village, um den sagenumwobenen Neuankömmling zu inspizieren. „Er sieht wie eine Kreuzung aus Chorknabe und Beatnik aus und komponiert neue Songs schneller, als er sie sich überhaupt merken kann. Es besteht kein Zweifel daran, dass er vor Talent aus allen Nähten platzt“, schrieb die „New York Times“ 1961. Und das „Time Magazine“ urteilte zwei Jahre später, als Dylan bereits drauf und dran war, mit Songs wie „Masters of War“ und „Blowin’ In The Wind “ zum Posterboy der Protestbewegung zu avancieren (wogegen er sich naturgemäß sehr bald zur Wehr zu setzen wusste): „Hauklotz-Gitarre, Keuchhusten-Harmonika, ein dünnes Stimmchen. Er ist ein Philosoph der Groschenware, ein Drugstore-Cowboy. Im allerbesten Fall klingt seine Stimme, als ob sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums geweht wäre – aber das ist ein Teil des Reizes. Er hat etwas Neues zu sagen, und er sagt es.“
Jede Art der Vereinnahmung hatte bei Dylan schon in dieser Frühphase zu Widerstand geführt. So sehr er sich nach Ruhm gesehnt hatte, so sehr begann ihn seine wachsende Bekanntheit als singender Botschafter der Bürgerrechtsbewegung auch einzuengen: „Ich hatte die Schnauze gestrichen voll, zum Obermufti geweiht worden zu sein.“
„Play it fucking loud!“
So wollte Dylan schon bald weniger gegen Atomkraft und den Vietnam-Krieg singen, sondern lieber als singender Lyriker mit französischen Poeten wie Arthur Rimbaud und Paul Verlaine verglichen werden. In den „Chronicles“ schreibt er: „Die Reporter feuerten ihre Fragen auf mich ab, und ich erklärte ihnen immer wieder, dass ich kein Wortführer für irgendwas oder irgendwen sei, sondern nur ein Musiker. Sie sahen mir in die Augen, als wollten sie Anzeichen dafür finden, dass ich Bourbon und schaufelweise Amphetamine konsumierte. Ich hatte keine Ahnung, was sie dachten. Später erschien dann ein Artikel mit der Überschrift ,Wortführer will kein Wortführer sein‘.“
Dabei hatte Dylan nach seinem Folk-Sündenfall, der auch das Nervenzentrum ist, um das der Film kreist, ein offensichtliches Drogenproblem, wie man den Konzertaufnahmen aus der Zeit und dem berühmten Clip im Fond einer Limousine mit John Lennon entnehmen kann. Lennon, im Gegensatz zu Dylan eher nüchtern, weist da den brabbelnden Dylan schmallippig mit den Worten „Pull yourself together, man“ (Reiß dich zusammen, Alter) zurecht. Es war der 25. Juli 1965, als Dylan im heiligen Gral der Folkmusik, als Headliner des Newport Festivals, seine (so er selbst) „Electrocution“ beging, indem er seine Gitarre einstöpselte und „Maggie’s Farm“ gleich „einer Rakete in die feindselige Dunkelheit abschoss“. Die Fans pfiffen und buhten empört, und die Feindseligkeit sollte sich auch bei späteren Konzerten in Europa fortsetzen, als Dylan wie ein wild gewordener Faun mit einer Fender Stratocaster bizarr-poetische Balladen wie „Like A Rolling Stone“ ins Publikum feuerte. Je intensiver die Buh-Wellen und „Judas!“-Rufe über ihn schwappten, desto heftiger schrie er seiner Band zu: „Play it fucking loud!“ Dass Dylans Mentor Pete Seeger während des Newport-Konzerts die Stromkabel mit einer Axt durchtrennen wollte, ist einer der vielen Mythen, die sich um das Ereignis rankten.
Tatsächlich sind die „Chronicles“ die beste Quelle, um in das Innere jenes Mannes vorzudringen, der von vielen Pop-Chronisten und Musik-Feuilletonisten als das größte Genie unter den Songschreibern des 20. Jahrhunderts gehandelt wird. Sie sind von erstaunlicher Klarheit, Distanz zum eigenen Mythos und zeugen durchaus auch von Selbstironie. Der von Dylanologen sehnlich erwartete zweite Band wird auf der Verlagswebsite mit 2030 angekündigt, da wäre Dylan dann 88, er scheint also entweder mit viel Humor gesegnet zu sein oder dem Narzissmus geschuldet, an seine Unsterblichkeit zu glauben.
Wie narzisstisch und durchaus grausam er schon in seinen ersten Karrierejahren in Greenwich Village war, bezeugten jene beiden Frauen, die auch im Film Denkmäler gesetzt bekamen: Suze Rotolo, Kunststudentin aus radikal linkem Aktivistenmilieu, und Joan Baez, „die Jungfrau im weißen Kleidchen mit der Engelsstimme“ (Baez ironisch über Baez), die den „jüdischen Rotzlöffel“ mit auf die Bühne genommen hatte und damit zu seinem kometenhaften Aufstieg beigetragen hatte. Doch schon bald sollte Dylan die Karten neu mischen, und Baez kam sich auf einer Englandtournee vor „wie überflüssiges Handgepäck. Die Tour war die Hölle, alle waren auf Drogen, und er hatte mich kein einziges Mal gefragt, ob ich mit ihm auf die Bühne wollte.“
Das Foto ihrer Vorgängerin Suze Rotolo, die am Cover des zweiten Studio-Albums „The Freewheelin’ Bob Dylan“ in einem grünen Trenchcoat, eng geschmiegt an ihren Freund, durch die eisigen Straßen von Greenwich Village trottet, ist längst zu einer Ikone avanciert. Rotolo, die 2011 an Krebs starb und deren Name im Film auf Dylans Betreiben geändert wurde, veröffentlichte ein knappes Jahr vor ihrem Tod mit „A Freewheelin’ Time“ ihre Memoiren und brach erstmals ihr Schweigen über Dylan: „Der Erfolg hatte meinen Freund mehr und mehr in einen Egozentriker verwandelt. Die Persönlichkeit verändert sich, sobald du allen ein Begriff bist. Man entwickelt eine unkontrollierbare Egomanie. Es macht klick, und plötzlich kann diese Person nichts mehr wahrnehmen, außer sich selbst. Und es wurde jeden Tag schlimmer.“ Irgendwann wollte sie nicht mehr „Dylans Puppe“ sein – und dieser Trennung verdankt die Popgeschichte Songs wie „Don’t Think Twice, It’s All Right“ oder „One Too Many Mornings“.
Fest steht, dass Dylan im ersten Jahrzehnt seiner sechs Dekaden umspannenden Karriere seine besten Songs geschrieben hat. In einem seiner raren Fernsehinterviews, das er 2004 gab, sein erstes nach 20 Jahren, antwortet Dylan auf die Frage des Journalisten Ed Bradley, wie diese frühen Songs entstanden: „Es war magisch, aber nicht wie Siegfried-und-Roy-Magie. Es schien mir fast, als ob diese Lieder wie von selbst, ohne mein Zutun entstanden sind. Diese Art von Lyrik konnte ich danach nie wieder schreiben.“
Seine Verhaltensoriginalität, hat sich Dylan, 83, bis heute erfolgreich erhalten. Bei den wenigen Preisverleihungen, bei denen er persönlich erschienen ist, benimmt er sich in der Regel wie ein aus der Spur gerückter Psychiatriepatient, den man unvorsichtigerweise zu früh entlassen hat. Und als er 2016 den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam, schickte er seine Freundin Patti Smith nach Schweden, die dann dort so nervös war, dass sie bei der Performance von „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ vor dem Komitee ein Text-Blackout erlitt und den Song von vorn beginnen musste. Er selbst holte sich die Urkunde drei Monate später in Stockholm inkognito ab, erschien mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze unter Hinterlassung eines Eindrucks von Verwirrtheit. Bei Konzerten der „Never Ending Tour“, deren Name Programm ist, steht er bisweilen mit dem Rücken zum Publikum und zertrümmert seine Klassiker wie „Blowin’ in the Wind“ (einen Song, den er angeblich in zehn Minuten geschrieben hat) oder „The Times They Are A-Changin’“ bis zur Unkenntlichkeit.
Dylan, der 1970 von der US-Universität in Princeton die Ehrendoktorwürde verliehen bekam, schrieb über den Festakt in seinen Memoiren „Chronicles“: „Der Typ, der mir den Ehrendoktor verlieh, erklärte den Leuten, dass ich die Weltabgeschiedenheit vorzöge. Er sagte es so, als ob ich in einem Eisensarg lebte und mir das Essen durch eine Luke reichen lassen würde.“ Manchmal, wenn man das Archivmaterial durchforstet, scheint dieser Verdacht nicht allzu weit hergeholt zu sein. Nach seinem geheimnisumwitterten Motorradunfall 1966 war Dylan für mehrere Jahre im totalen Öffentlichkeitsrückzug geblieben und hatte mit seiner Frau Sara und einer Kinderschar in Woodstock gelebt.Und wie immer lässt sich das Rätsel Dylan am besten mit dessen eigenen Worten dechiffrieren. In einem „Playboy“-Interview erklärte er ganz pragmatisch: „Du musst dich nicht suchen oder finden, das ist Schwachsinn,; du musst dich erfinden.“