Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Blick auf die Volkswirtschaft zeigt: ohne Migration keine Pensionen

Migration darf nicht nur als „Problem“ verstanden werden. Sie ist integraler Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklung und Schlüssel zur wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit. Das schreibt der ehemalige Flüchtlingskoordinator des Bundes in seinem Gastkommentar.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Populistische Wortmeldungen zum Thema Flucht und Asyl, respektlose und kollektiv kränkende Aussagen zum Kopftuch von Musliminnen, defizitorientierte und spaltende Stellungnahmen zum Themenkreis Migration, strukturelle Schwächen und Defizite bei der Rot-Weiß-Rot-Karte, bei Nostrifizierungen – das alles tut Österreich nicht gut.

Es ist an der Zeit, auch über ideologische Gräben hinweg gemeinsame und evidenzbasierte Antworten zu finden. Wir gestalten nicht nur das Heute – wir gestalten das Österreich von morgen.

Die politischen Verantwortlichen (ich meine hier insbesondere die Regierungsparteien und eine Oppositionspartei im Parlament) in diesem Land haben nun eine neue Chance für einen zukunftsorientierten Umgang mit diesem Themenbereich. Das neu gegründete Forschungsinstitut für Migrations- und Fluchtforschung und -management (FORM) an der Wirtschaftsuniversität Wien bietet unter der Leitung von PD Dr. Judith Kohlenberger Fakten, Analysen, Erfahrungen. Es geht um neue Wege in der Integration. Und das ist mehr als notwendig.

Denn: Österreich ist ein Zuwanderungsland – und muss es weiter bleiben. Letztlich zeigt der Blick auf die Volkswirtschaft eindeutig: ohne Migration keine Pensionen.

Dazu kommt, dass der politische und mediale Diskurs aktuell klar defizitär fokussiert geführt wird. Das muss verändert werden. Denn in jeder Gesellschaft gibt es die zehn Prozent der „schwarzen Schafe“. Wenn die Politik hier in der Migrations- und Integrationsdiskussion ihre Aussagen an den zehn Prozent ausrichtet, dann verfehlt sie das Ziel, Politik für alle Menschen in Österreich machen zu müssen.

Das neue Institut an der WU mit dem Team von Judith Kohlenberger kann hier den Diskurs entscheidend verändern. Österreich ist ein Zuwanderungsland – und: Österreich muss sich auch darum bemühen, weiter ein Land zu bleiben, in das Menschen gerne zuziehen und in dem Menschen auch gerne bleiben.
In der Gestaltung der Integration und im Umgang mit der Diversität durch Zuwanderung ist in der Vergangenheit viel versäumt worden.

Internationalität, Integration, Innovation – Österreich hat das Potenzial für seine Lebensqualität, seine innere Sicherheit, das gute soziale Miteinander. Doch es gibt Kräfte, die daran arbeiten, dieses Potenzial strukturell zu zerstören

Umso größer ist die Verantwortung für das Heute und für die Zukunft. Ich bin überzeugt: Wer Integration nicht als Chance sieht, dass dieses Österreich in Vielfalt durch Zuwanderung, in seinen Talenten, in Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, Kultur weiter wachsen kann, der beschädigt und gefährdet die gute Zukunft für dieses Land.

Wer nicht erkennt und sich dafür einsetzt, dass die Menschenrechte eine wesentliche Basis sind, damit Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Österreich weiter stabil sind, beschädigt und gefährdet die gute Zukunft in diesem Land.

Internationalität, Integration, Innovation – Österreich hat das Potenzial für seine Lebensqualität, seine innere Sicherheit, das gute soziale Miteinander. Doch es gibt Kräfte, die daran arbeiten, dieses Potenzial strukturell zu zerstören.

Wir brauchen neue Allianzen in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Politik. Der Vielfalt durch Zuwanderung muss wertschätzend und nicht mit populistischem Generalverdacht und kollektiver Kränkung begegnet werden.

Wir brauchen Räume, in denen Erfahrungen und Modelle ausgetauscht werden. Unternehmen, die die selbstverständliche und notwendige Vielfalt ihrer Mitarbeiter:innen schätzen und das nach innen und außen zeigen.

Wir brauchen auch den Widerspruch im gesellschaftspolitischen Diskurs und Menschen mit Haltung, die Position beziehen, wenn die Menschenwürde verletzt wird. Denn das sichert unsere Demokratie.

Hier ist die Zivilgesellschaft besonders gefordert. Und da sind nicht nur die im Themenfeld engagierten NGOs und lokalen Initiativen gemeint. Hier können die Interessensvertretungen von Wirtschaft und Arbeitnehmer:innen, Einrichtungen der Wissenschaft und universitären Lehre, Kultureinrichtungen und Sportverbände gestaltende Verantwortung übernehmen. 

Der Blick auf die Realität von Diversität in der eigenen Organisation sollte da helfen, die tatsächlichen Größenordnungen der Herausforderungen besser in den Blick zu bekommen. Dann lassen sich auch zweifellos bestehende Herausforderungen besser und nachhaltiger bewältigen.


Österreich ist ein Zuwanderungsland – und muss das auch in Zukunft sein.
Wir gestalten nicht nur das Heute – wir gestalten das Österreich von morgen – jetzt.

Zur Person

Christian Konrad war Obmann der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien, Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes und 2015/16 Flüchtlingskoordinator im Auftrag der Bundesregierung.