Kolumne

Glückstropfen

Wer glaubt, sein Glück gäbe es umsonst, läuft in sein Unglück.

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Der große polnische Autor Stanisław Lem, bekannt durch seine fantastischen Geschichten über Raumfahrer und Zukünfte, war nicht nur einer der Vordenker und profunden Kritiker der künstlichen Intelligenz. Sein Spott galt auch allen Sozialingenieuren, die meinen, dass das Glück der Menschen planbar sein sollte, eine Frage der Technik sozusagen, bei der es nur darauf ankäme, das Richtige zu schlucken. Dann würden die Menschen nicht mehr verloren nach sich selbst suchen, was ja bekanntlich nur Ärger bringt, sondern harmonisch und friedvoll miteinander auskommen. Nächstenliebe total sozusagen, das Glück der Menschheit schlechthin.

In seinem Gleichnis „Altruizin und andere kybernetische Beglückungen“ erfand Lem eine Droge, die dazu führt, dass das Böse ein Ende hat, jedenfalls war das der Plan. Wer immer von Altruizin schluckte, konnte sich ganz hervorragend in seinen Nächsten einfühlen – dem gemeinsamen Glück wären keine Grenzen gesetzt. To know you is to love you.

Ist das nicht, was alle empfehlen? Lebensberater, Glücksfeen, Influencer, Küchen- und Diplompsychologen, Coaches, Politiker und andere Seelenverkäufer. Mehr Empathie – mehr Glück –, und alles wird gut. Ein paar Tropfen

Altruizin ins Wasser, und alles wird gut.

Lem beschrieb, was dann passiert. Wer die Glücks- und Mitgefühlsdroge nimmt, der hat nun nicht nur seine eigenen Sorgen und Ängste und Leiden, sondern auch noch die der anderen. Vor lauter Mitgefühl springen Zahnschmerzen von einem auf die andere über, zum Beispiel, und so kommt es, dass eine Horde einen alten Mann mit einem schmerzenden Zahn mit einer Kneifzange malträtiert, um seine, nein, jetzt auch „ihre“ Schmerzen zu lindern.

Ein Mann stirbt, und seine todunglückliche Witwe überträgt ihren Schmerz und ihre Trauer auf all die anderen in ihrer Umgebung, was sie auf der Suche nach dem totalen Glück aber nicht aushalten, deshalb jagen sie die Arme aus der Stadt. Mord und Totschlag herrschen überall dort, wo finstere Gefühle in Menschen sind. Trauer, Depression, Zweifel, all das hat in der Welt der totalen Empathie, des Glücks, keinen Platz. Solidarität nur mit Leuten, die uns von ihrem Glück was abgeben können!

Erinnert uns das nicht an die Fundamentalisten unserer Tage, die Extremos, die punktgenau so denken und handeln, wie Lem es beschrieb? Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein – das ist ein altes, bitteres Lied. Gut gemeint ist meistens das Gegenteil von gut gemacht. Vor dem Hintergrund einer mehr als ernsten Weltlage ist das eine wichtige Erkenntnis.

Alle einfachen Lösungen sind irre. Und: Wir sind solche Konsumidioten geworden, dass wir heute meinen, es könnten sich Mitgefühl, Solidarität, Glück, Freude, Reichtum und – Hallo, KI – Intelligenz und Kreativität durch einfaches Zukaufen oder Schlucken von irgendwelchen Tropfen einstellen. All das ist dumm. All das ist falsch. Wer von neuen Technologien profitieren will, muss das Gleiche tun, was immer schon angesagt war: Lernen, verstehen, sich anstrengen. Und wer die Welt besser machen will, darf nicht auf plakative Lösungen setzen, sondern muss erst mal selbst anfangen, sich zu verbessern. Solange 90 Prozent der Leute ihre Trägheit, ihr Mitläufertum, ihr Wegschauen damit begründen, dass es die anderen auch so

machen, helfen keine Tropfen und keine Sprüche, und übrigens, vielleicht ist das jetzt für die eine oder den anderen neu, auch keine Selfies. Was hilft, ist Arbeit, und weil die so lange liegen geblieben ist, in der Illusion, dass man auf alles Anstrengungslose Anspruch hat, handelt es sich um harte Arbeit.

Man kann das natürlich lassen, das freut Musk, Trump und ihre ganzen Spießgesellen sehr. Genau solche Gegner brauchen sie, genau solche Untertanen, zu denen wir dann auch bald gehören. Aus Bequemlichkeit. Und das Gleiche gilt für Plattformen, die uns digital erzählen, wir wären alle Brüder und Schwestern, um unsere Daten zu klauen und uns ein wenig digitales Altruizin zu verhökern. Es gibt nichts umsonst.

Wissen macht erst Arbeit, dann zufrieden.

Wolf  Lotter

Wolf Lotter

ist Autor und Journalist und schreibt einmal monatlich eine Kolumne für profil, wo er von 1993 bis 1998 Redakteur war.