Rotschimmelkäse
Eines muss man der SPÖ lassen: Sie geht ihren Weg unbeirrt weiter. Der führt zwar in die mittlerweile nicht mehr völlig unverdiente Bedeutungslosigkeit – aber das wenigstens konsequent. Die Bundespartei hantelt sich geschickt von einem historischen Umfrage-Tiefststand zum nächsten, mittlerweile reden wir da von 17 Prozent. Das geht gerade noch als Mittelpartei durch, vor allem, wenn man bedenkt, dass andere europäische Chorsänger der Internationalen schon einige Schritte weiter sind beim von jeglicher Selbsterkenntnis unangekränkelten Marsch in den Untergang – die deutschen Sozialdemokraten etwa grundeln bei 12 Prozent herum, Tendenz weiter fallend. Aber die Zeichen an der Wand haben auch für die SPÖ mittlerweile die Größe einer „Bild“-Schlagzeile, sollten also durchaus zu entziffern sein – wenn, ja wenn dabei nicht immer die Ideologie dazwischenkäme, die die rote Fähigkeit zum Buchstabieren leider mittelschwer beeinträchtigt. Das sozialdemokratische Elend manifestiert sich also quasi nicht nur in der traumwandlerisch sicheren Beherrschung von Excel, sondern schon eine Microsoft-Stufe tiefer: bei Word.
In der Woche nach der Wahl in der immerhin zweitgrößten Stadt Österreichs, in der sich gezeigt hat, dass nicht mehr nur die Pleampln draußen am Land nicht zu würdigen wissen, dass die SPÖ noch vor schlappen 50 Jahren, also praktisch gestern, echt cool war, sondern jetzt auch schon die Städter nicht – 5,6 Prozent in Graz sind nichts anderes als eine Katastrophe –, überlegte sich Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner offensichtlich sehr genau, wie man den Karren wieder flottbekommen könnte. Möglicherweise wollte sie auch beweisen, dass sie nach ihrem kleinen Hoppala mit der sehr salopp angekündigten drastischen Kürzung des Universitätsbudgets wenigstens in ihrem anderen ministeriellen Fachgebiet firm ist – also dem gerade sehr hippen intersektionalen Jammer-Feminismus für ganz Arme. Also gab sie dem „Falter“ ein Interview, in dem sie eine Wahlrechtsreform forderte. Nach ihrem Willen sollten künftig nur mehr Parteien zu Wahlen zugelassen werden, die auf ihren Kandidatenlisten eine verpflichtende Frauenquote erfüllen. Also wenn’s geht 50 Prozent. Holzleitner hätte allerdings sicherlich auch nichts gegen 60 oder mehr Prozent einzuwenden, schließlich müssen ja die Feministinnen von heute, die so furchtbar am Unrecht leiden, das Frauen vor Jahrhunderten zugefügt wurde, irgendwie für die andauernde Unbill entschädigt werden, nicht sofort bei Geburt einen Opferausweis ausgestellt bekommen zu haben, der ihnen lebenslang alle gerade gewünschten Türen schon allein qua Gender öffnet.
Nun ist es ja durchaus zulässig, eine intersektionale Feministin zu sein. Andere Leute haben schließlich auch reichlich schräge Hobbys. Und selbstverständlich darf man sich als Linke, die den steten Drang verspürt, die Welt mit ihrer Weisheit zu befruchten, nicht um solche Kinkerlitzchen kümmern wie zum Beispiel, dass eine die Entscheidung anderer Parteien, welche Kandidaten sie für eine Wahl aufstellen, den berühmten feuchten Kehricht angeht – weil das doch irgendwie ein Kernstück unserer Demokratie, die freie Wahl, ad absurdum führen würde. Kleiner Kollateralschaden, mehr nicht. Und ja, selbstverständlich würde die SPÖ kollektiv in Schnappatmung verfallen, wenn etwa die FPÖ Pläne vorstellen würde, wie sie die roten Wahllisten in ihrem Sinne umzugestalten gedenkt. Aber wenn zwei das Gleiche tun, ist es ja bekanntlich noch lange nicht dasselbe. Und die Guten dürfen so was halt einfach. Blöderweise zeigte sich aber bei der letzten Nationalratswahl, dass sich das Wahlverhalten von Männern und Frauen nur mehr marginal unterscheidet. Soll heißen: Auch bei den Frauen war die FPÖ der klare Sieger – trotz des geringen Frauenanteils. Das kann man nur als hochgradig undankbar bezeichnen. Und mit einer bedauerlichen Differenz in der Intensität der Liebe zu inhaltsleerer Symbolpolitik, die sich vor allem dem moralisch versteiften Zeigefinger und dem Ausdruckstanz um diverse Kühe, die man dummerweise weitgehend allein als heilig betrachtet, widmet.
Aber auch die SPÖ Wien hatte eine famose Idee, ihr Imätsch aufzupolieren. Journalisten, die beim Donauinselfest akkreditiert sind, wird in guter alter demokratischer Tradition – und zwar jener der DDR – verboten, irgendetwas zu veröffentlichen, „das dem Ansehen des Donauinselfestes schadet“. Also etwa ein Foto, in dem Michael Ludwig trotz lässig über die Schulter geworfenen Sakkos Schweißflecken am Hemd hat. Oder Peter Hacker einer seiner roten Hosenträger gerissen ist.
Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin mir jedenfalls sicher: So wird garantiert alles wieder gut!