Ein Mann sitzt mit seinem Sohn in einem Verhörraum. Beide schauen verzweifelt auf den Boden.
Morgenpost

Das schwarze Loch im Internet

Laut einer neuen Jugendstudie geht es einem Viertel der österreichischen Jugendlichen schlecht. Ein Grund: Social Media. Die Netflix-Serie „Adolescence“ trifft auch deswegen einen Nerv.
Eva Sager

Von Eva Sager

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„Geschieht ein Mord, ist das oft ein Anlass, sich mit der grausamen Normalität zu befassen, in der er stattgefunden hat – einer Normalität, die auch schon vorher grausam war“, schreibt Antonia Baum in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. Der Mord, der uns momentan beschäftigt, ist zwar nicht wirklich passiert, aber er könnte es sein – das reicht.

Die britische Netflix-Produktion „Adolescence“ hat international eine Debatte rund um die Verbreitung von Misogynie und toxischer Männlichkeit unter Jugendlichen angeheizt und Fragen über den Einfluss sozialer Medien aufgeworfen. Die vierteilige Miniserie brach gleich mehrere Streamingrekorde, mittlerweile wurde sie fast 100 Millionen Mal gestreamt. „Adolescence“ erzählt die Geschichte des 13-jährigen Jamie Miller (gespielt von Owen Cooper), der unter dem Verdacht steht, seine Mitschülerin Katie Leonard ermordet zu haben. Die Serie beleuchtet die Auswirkungen dieser Anschuldigung auf Jamies Familie, insbesondere auf seinen Vater Eddie (Stephen Graham), auf das Ermittlerteam und die örtliche Gemeinschaft.

Inmitten dieser Debatte – Wie sehr macht das Internet unsere Kinder kaputt? – sind nun die Ergebnisse der ESPAD-Erhebung (European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs) veröffentlicht worden. Sie ist die weltweit größte Schüler:innenbefragung zu Konsum- und Verhaltensweisen mit Suchtpotenzial. Ein Fokus: Social Media. „Wir sehen sehr viele Jugendliche, die uns berichten, dass sie ihr eigenes Nutzungsverhalten als problematisch einschätzen und wir haben auch etwa zehn Prozent, wo es Hinweise gibt, dass diese Jugendlichen tatsächlich ein problematisches Nutzungsverhalten haben“, sagt Julian Strizek, Soziologe und Suchtforscher der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), am Montagvormittag im Ö1-Journal.

In Österreich zeigen laut der ESPAD-Erhebung etwa zwei Prozent der Befragten Hinweise auf eine Computerspielstörung; bei Burschen fällt diese Schätzung doppelt so hoch aus wie bei Mädchen. Die Social-Media-Nutzung wird von einer großen Zahl der Schüler:innen als problematisch erlebt und als größeres Problem wahrgenommen als Glücksspiel oder digitale Spiele. Für zehn Prozent der befragten Schüler:innen gibt es Hinweise auf eine problematische Nutzung von Social Media; bei Mädchen ist dies häufiger (12 %) der Fall als bei Burschen (7 %). 

Ein Viertel aller befragten Jugendlichen (26 %) weist ein niedriges Wohlbefinden auf, und jede:r Zehnte zeigt Indizien für hohe psychische Belastungen; Mädchen sind davon häufiger betroffen als Burschen. Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) betont die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Unterstützung der psychischen Gesundheit junger Menschen.

Willkommen in der „Manosphere“

Auch Jamie Miller von „Adolescence“ geht es nicht gut. Die meiste Zeit verschanzt er sich in seinem Kinderzimmer, sitzt bis spät nachts vor dem Computer. In der Schule wird er gemobbt, Mädchen machen sich im Internet über ihn lustig, sonderlich viele Freunde hat er nicht. Halt bekommt er von Influencern aus der „Manosphere“, einem „Mosaik aus frauenfeindlichen Subkulturen“.

Mein Kollege Sebastian Hofer hat sich erst vor kurzem mit dem neuen, antifeministischen Zeitgeist beschäftigt. In seinem Artikel, hier zu lesen, schreibt er: „Die internationalen Gurus der Männersphäre wie Jordan Peterson, Andrew Tate, Myron Gaines oder Logan Paul bedienen in ihren Streams und Podcasts beharrlich das Lebensgefühl vieler junger, aber durchaus auch Männer im besten Alter, die sich abgehängt, unverstanden und insgesamt benachteiligt fühlen. Ausweg: Stärke zeigen, Kerl sein, Erfolg haben. Mittel zum Zweck: die guten alten Rollenmodelle. Nächste Station: Frauenhass.“

Extremismusforscherin Julia Ebner bestätigt das: „Es ist sicherlich eines der größten Probleme im Moment, dass junge Männer kaum gute Vorbilder von liberal-progressiven Männern haben. Stattdessen gibt es auf TikTok und YouTube zahlreiche Influencer, die zutiefst frauenfeindliche Weltbilder vorbringen. Das ist gerade in einer Zeit, in der Vertrauen vor allem personenbasiert ist und in der auch Fakten nicht mehr so stark wirken wie personenbasierte Emotionen, enorm gefährlich“.

In der Shell-Jugendstudie 2024, der größten derartigen Umfrage im deutschsprachigen Raum, sieht man das Ergebnis: „Themen, die in der öffentlichen Debatte häufig als ,progressiv‘ eingeordnet werden, finden bei jungen Frauen deutlich mehr Beachtung als bei Männern. Ihnen ist Feminismus wichtiger (59 % zu 20 %), ebenso eine vielfältige, bunte Gesellschaft (72 % zu 56 %) und auch vegane Ernährung (21 % zu 7 %). Für junge Männer sind andere Themen relevant: Männlichkeit (67 % zu 20 %), sportliche Autos oder Motorräder (48 % zu 14 %), Wettbewerb (44 % zu 36 %) und Markenkleidung (44 % zu 35 %).“

Natürlich wäre es unfair, dem Internet als Medium den antifeministischen Backlash in die Schuhe zu schieben – die „Manosphere“ entsteht schließlich nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum, das Patriarchat hört nicht auf, sobald sich jemand mit dem Wlan verbindet. Leugnen kann man allerdings nicht, dass wir als Gesellschaft noch keinen Umgang mit der maskulinistischen Radikalisierung im Netz gefunden haben. Dass wir noch nicht wissen, wie wir mit einem Jamie Miller umgehen sollen – bevor etwas passiert.

Eva Sager

Eva Sager

seit November 2023 im Digitalteam. Schreibt über Kultur, Gesellschaft und Gegenwart.