Alltagsrassismus: Bein verletzt, Spital besucht, von der Polizei abgeführt
Eine Reihe unglücklicher Ereignisse führte dazu, dass Oliver* gestürzt ist und seinen Fuß schwer verletzt. Seine Partnerin, Eva* wählt sofort den Notruf. Die Rettung ist binnen weniger Minuten da und nimmt den am Fuß verletzten Mann mit in ein Wiener Spital. Angekommen bekommt Oliver erstmals eine Computertomografie (CT), also eine Röntgenuntersuchung, die detaillierte Schnittbilder verschiedener Organe, Knochen und Gelenke macht. Der Arzt, der Oliver behandelt, bemerkt, dass er keinen leeren Magen hat und fragt ihn, was seine letzte Mahlzeit war: „Fufu“, antwortet er dem Arzt.
Bei Fufu handelt es sich um einen Brei, der aus Maniok (stärkehaltige Wurzelpflanze) oder Yams (stärkehaltige Knollenpflanze) und Kochbananen zubereitet wird; ein Gericht, das Oliver, der selbst auch Wurzeln aus dem westafrikanischen Raum hat, besonders gut kennt.
Wer Fufu allerdings weniger gut kennt, ist Olivers behandelnder Arzt. Der stellt zwar nach einer Internetrecherche fest, was Fufu ist, der Chefarzt hält Olivers Mittagessen allerdings für unplausibel. Er ruft die Polizei, Oliver wird anstatt behandelt, festgenommen. Der Verdacht? Oliver soll statt Fufu, Drogen in seinem Dickdarm verstecken.
Zwei Tage lang wird Oliver von der Polizei beobachtet, verhört, muss für Drogentests nüchtern bleiben und erhält keinerlei medizinische Behandlung. In der Zwischenzeit wird Evas und Olivers Wohnung durchsucht. Darüber, dass Oliver Drogen schmuggelt, also Bodypacking vorliegt, ist sich ein Polizeibeamter sicher, „weil das bei Afrikanern immer so sei“.
Doch alle Drogentests sind negativ. Oliver wird entlassen, eine Entschuldigung seitens Behörden bleibt allerdings aus.
Olivers Rassismuserfahrung ist für den Wiener traumatisierend, allerdings kein Einzelfall. Sein Fall ist nur einer von 105, die im Jahr 2024 im Bereich staatlicher Behörden und Institutionen an ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismusarbeit) gemeldet wurden. Im neuen, alljährlichen Rassismusreport stellt ZARA die im Vorjahr eingegangenen Meldungen über rassistische Vorfälle vor.
2024 wurden in Summe 1647 Meldungen dokumentiert. Die meisten rassistischen Vorfälle (1009, 61 Prozent) ereigneten sich Online. Rassismus zeigt sich allerdings trotzdem in allen Lebensbereichen – sowohl auf struktureller, als auch auf individueller Ebene. In mehr als einem Zehntel der Fälle findet Rassismus in der Öffentlichkeit statt.
Traumatisiert von den Erlebnissen sucht Oliver mit seiner Partnerin das „neunerhaus Gesundheitszentrum“ auf und wird dort endlich behandelt. Nach der gesundheitlichen Versorgung und Beratung sucht er ZARA für eine rechtliche Beratung auf. Oliver und Eva wollen den Vorfall nicht auf sich sitzen lassen. Gemeinsam mit der ZARA-Beraterin arbeiten sie das Verhalten der Polizei auf, Oliver wendet sich außerdem an die Gleichbehandlungsanwaltschaft des Spitals, um das Verhalten des Chefarztes zu melden.
*Name von der Redaktion geändert