Warten auf Dienstvertrag: „Die Bildungsdirektion schafft das nicht“
Es sollte ein kurzes „Rant-Video“ werden, ein Dampfablassen über die Zustände in der Schulverwaltung, das der Wiener Gemeinderat Felix Stadler (Grüne) auf der Social-Media-Plattform Instagram veröffentlichte. „Es ist völlig absurd, wie viele Lehrerinnen und Lehrer in Wien nicht das richtige Gehalt bekommen“, sagt Stadler darin. Seine Kritik äußert er aber nicht nur als Politiker, sondern vor allem als Mathematiklehrer. Er und viele andere Lehrkräfte würden teils jahrelang auf einen schriftlichen Dienstvertrag, auf die Anrechnung ihrer Vordienstzeiten oder auf die korrekte Einstufung in die Verwendungsgruppe warten. Seine Kritik richtet sich an die Wiener Schulbehörde: „Die Bildungsdirektion schafft das nicht!“
Stadler ist seit fast acht Jahren Mittelschullehrer. Laut seinem Gehaltszettel ist er jedoch erst seit einem Jahr und sieben Monaten Lehrer. Die Folge: Weil er niedriger eingestuft ist, verdient er weniger. Sein „Rant“ über die Schulverwaltung blieb nicht unbemerkt. Viele Kolleginnen und Kollegen, auch über Parteigrenzen hinweg, pflichten ihm bei. Auch profil sprach mit einem Dutzend Lehrkräften. Alle berichten unabhängig voneinander über ähnliche Erfahrungen, nicht nur in Wien.
„Ich kenne Leute, da geht es um Nachzahlungen von 500 Euro bis zu 4000 Euro“
Felix Stadler (Grüne) kritisiert die Bildungsdirektionen
Stadler kritisiert aus einer privilegierten Position. Als Lehrer und Gemeinderat bezieht er zwei Einkommen, weshalb ihn die falsche Einstufung finanziell nicht stark belastet. Dennoch trifft der Mittelschullehrer mit seiner Kritik den Nerv vieler im Lehrerzimmer. Denn eine falsche Anrechnung der Vordienstzeiten wirkt sich unmittelbar auf die Besoldung aus. „Ich kenne Leute, da geht es um Nachzahlungen von 500 Euro bis zu 4000 Euro“, sagt der Mittelschullehrer zu profil.
Weniger Geld, mehr Steuern
Solche Nachzahlungen können auch steuerrechtliche Folgen haben: Betroffene Lehrerinnen und Lehrer können Ansprüche nur bis zu drei Jahre rückwirkend geltend machen. Werden die Beträge im Nachhinein auf einmal ausbezahlt, landen sie im laufenden Steuerjahr. Wer in dem Jahr deutlich mehr verdient, kann in einen höheren Grenzsteuersatz fallen.
Mit fast 130.000 Lehrkräften gehört das Schulwesen zu den größten Arbeitgebern des Landes. Allerdings ist auch dieser Bereich – wie vieles in Österreich – durch den Föderalismus zersplittert. Gymnasialpersonal unterliegt der Bundesverwaltung, Volks- und Mittelschullehrkräfte fallen in die Landeskompetenz. In der Praxis müssen sich alle Lehrkräfte mit der jeweiligen Bildungsdirektion auseinandersetzen. Diese ist für Personalangelegenheiten zuständig, schreibt Stellen aus oder schließt die Dienstverträge ab. Bildungsdirektionen sind damit Mischbehörden zwischen Länder- und Bundeskompetenz. „Ein Riesenproblem ist, dass keine Ebene wirklich für diese Behörde zuständig ist“, sagt der Grüne-Gemeinderat und bezieht seine Kritik auf den Rechnungshof-Bericht von 2023.
Zu tun gibt es für die Bildungsdirektionen genug. Eine Pensionierungswelle rollt durch die Schulen. Seit Jahren wird vor einem Lehrermangel gewarnt, inzwischen werden jährlich bis zu 8000 neue Stellen ausgeschrieben. Das bedeutet: Bis zu 8000 neue Personalakten, die jedes Jahr von den Bildungsdirektionen abgearbeitet werden müssen. Aber erklärt das die mangelhafte Administration? Die Privatwirtschaft zeigt vor wie Konzerne mit zehntausenden Beschäftigten Dienstverträge rechtzeitig ausstellen und ihre Belegschaft korrekt einstufen können. Warum gelingt den Schulbehörden nicht, was große Personalabteilungen täglich leisten? „Es gibt dort einfach null standardisierte Prozesse“, erklärt sich Stadler die Missstände, „bis vor ein paar Jahren gab es überhaupt kein Problembewusstsein dafür, dass es hier um das Gehalt von vielen hunderten oder tausenden Leuten geht.“
Im öffentlichen Dienst weiß eigentlich niemand im Vorhinein, was Lehrer:innen verdienen werden.
Bildungssprecher, Die Grünen Wien & Mathematik-Lehrer
Mehr Lehrkräfte, weniger Absolventen
Wer in die Verwaltung hineinhorcht, hört allerdings auch: Die Amtsstuben bemühen sich, die wachsende Zahl der Personalakten mit gleichbleibenden Ressourcen abzuarbeiten. Zugleich hat sich der Lebenslauf von Lehrkräften stark verändert. Vor 30 Jahren kamen die meisten Lehrerinnen und Lehrer mit abgeschlossenem Diplom direkt von den Hochschulen ins Klassenzimmer. Ihre Vordienstzeiten waren überschaubar. Heute ist das Lehrpersonal deutlich heterogener. Besonders wegen des Lehrermangels der vergangenen zehn Jahre stehen heute viele Studierende mit befristeten Verträgen in den Klassenzimmern. Gleichzeitig setzt das Schulwesen verstärkt auf Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger aus anderen Branchen. Deren Berufserfahrung wird nach dem geltenden Dienstrecht berücksichtigt – was es kompliziert macht.
In den Bildungsdirektionen scheint sich die Anrechnung dieser Vordienstzeiten als Sisyphosarbeit zu erweisen. Jahre in der Privatwirtschaft werden nicht automatisch eins zu eins angerechnet. Frühere Tätigkeiten im öffentlichen Dienst können je nach Land und Bund unterschiedlich bewertet werden, Dienstjahre in Privatschulen werden anders gezählt als in öffentlichen Schulen. Dazu kommt, dass es für die Bildungsdirektionen in den unterschiedlichen Bundesländern keinen einheitlichen Bewertungsschlüssel geben soll. Auch Stadler kam als Quereinsteiger ins Klassenzimmer, zuerst in Niederösterreich, später in Wien. In beiden Bundesländern sei er falsch eingestuft worden. Die Bürokratie schrecke vom Beruf ab, sagt er: „Im öffentlichen Dienst weiß eigentlich niemand im Vorhinein, was Lehrer:innen verdienen werden.“
Das trifft so nicht zu. Die Gehaltstabellen für Lehrkräfte sind öffentlich und transparent
auf profil-Anfrage
Mehr Modernisierung, weniger „manuellen Aufwand“
Diese Kritik will das Bildungsministerium gegenüber profil so nicht stehen lassen. „Das trifft so nicht zu. Die Gehaltstabellen für Lehrkräfte sind öffentlich und transparent“, heißt es auf Anfrage. Für den überwiegenden Teil der Lehrerinnen und Lehrer, die ein Lehramtsstudium absolviert haben, sei vor Dienstantritt einsehbar, welche Entlohnungsstufe zur Anwendung komme. Beim Quereinstieg, der rund zwölf Prozent aller Einstellungen ausmache, gesteht das Ministerium allerdings „Verbesserungsbedarf“ ein, „weil die geltenden Regelungen einen hohen Verwaltungsaufwand verursachen und nicht mehr in allen Bereichen den Erwartungen der Bewerberinnen und Bewerber entsprechen“, heißt es aus dem Büro von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos).
Auch bei Dienstverträgen, die teils erst nach Jahren ausgehändigt werden, verspricht das Ministerium eine Modernisierung. „Dies sehen wir weder als zeitgemäß, noch gewährleistet es ein attraktives Arbeitsumfeld für die Lehrkräfte und für das Verwaltungspersonal“, heißt es. Die Prozesse würden derzeit noch mit erheblichem „manuellen Aufwand“ betrieben werden.
Allerdings geht es dabei nicht nur um Bürokratie, sondern auch um Wertschätzung für die Lehrkräfte. In einigen Bundesländern wird der Dienstvertrag an Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern im Rahmen einer eigenen Festzeremonie übergeben. Felix Stadler würde es schon genügen, wenn er zeitnah postalisch zugestellt wird.