Gottheit und Philosophenkönig: Der blaue Personenkult um Parteichef Herbert Kickl
Alice Weidel hat eine überraschende Facette an der Protestpartei FPÖ entdeckt, eine, die berufsmäßigen Beobachtern bisher verborgen geblieben war. Sie fühle sich „im Kreise der FPÖ zu Hause“ und schätze „insbesondere die positive Energie“. Am Samstag, dem 20. Juni, feiert die vermeintlich positiv-energetische FPÖ in einem Festakt in der Wiener Hofburg ihren 70. Geburtstag: die Herren in Anzug oder Lederhose, die Damen im Sommerkleid oder Dirndl.
Die Chefin der Alternative für Deutschland richtet als Ehrengast Grußworte an die blaue Schar, wie auch der rechtspopulistische niederländische Parteichef Geert Wilders und der langjährige ungarische Premier Viktor Orbán. Erster spricht seine Gastgeber auf Deutsch als „Helden der FPÖ“ an; Letzterer lobt auf Englisch „Leadership“ und „Courage“ von „Dear Herbert“. Der Angesprochene, FPÖ-Obmann Herbert Kickl, ist gerührt. Seine Festansprache wird später zur Liebeserklärung an die eigenen Funktionäre, „bewährte und gestählte Frauen und Männer aus allen Phasen unserer Geschichte“, wie er sie nennt, und an denen er „Verletzungen und Narben“ sehe, „die ihr aus euren Kämpfen davongetragen habt“.
Dieser Tage feiert die FPÖ nicht nur ihr rundes Jubiläum als Altpartei, sondern einen zweiten Festtag: fünf Jahre FPÖ-Obmann Herbert Kickl, der insgesamt 14. Parteichef der blauen Geschichte. Am 19. Juni 2021 war er bei einem Bundesparteitag in der Arena Nova in Wiener Neustadt mit 88 Prozent der Stimmen zum FPÖ-Chef gewählt worden. Höhepunkt von Kickls bisheriger Obmannschaft war die Nationalratswahl am 29. September 2024, bei der er seine Partei zur stärksten Kraft im Land machte. Seit diesem Tag genießt er in blauen Reihen Heldenstatus, der sich mittlerweile zu einem regelrechten Personenkult gesteigert hat.
Beim Festakt in der Hofburg erreicht Kickls Heroisierung ihren vorläufigen Höhepunkt. Im Rahmenprogramm gibt eine Violinistin – mit Orchester-Begleitung aus der Konserve – den vierten Satz aus Gustav Holsts Suite „Die Planeten“ zum Besten. Der deutsche Titel des Satzes lautet „Jupiter, der Bringer der Fröhlichkeit“ – was an Alice Weidels „positive Energie“ erinnert. Moderatorin der Veranstaltung ist – wie meistens bei FPÖ-Events – Lisa Schuch-Gubik, die dank Kickls Stimmenzugewinnen aus dem Jahr 2024 auch ein Nationalratsmandat ergatterte. Sie interpretiert den „Jupiter“ anders. „Der König der Götter“ stehe „für Führungskraft, für Stärke, für Zuversicht und für Erfolg“. Alle „bewährten und gestählten Frauen und Männer“ im Saal – und wohl auch Weidel, Wilders und Orbán – ahnen, wer aus Schuch-Gubiks Sicht Jupiter ist.
System-Habsburger
Ranghöchster Freiheitlicher beim Festakt ist Nationalratspräsident Walter Rosenkranz, der sein Amt ebenfalls Kickls verdankt und dem Chef entsprechend huldigt. Rosenkranz übernimmt beim Festakt die bildungsbürgerliche Verantwortung und hält ein Referat über das weite Feld „Freiheit“ mit Buzzwords wie „Schiller“, „Napoleon“, „Vormärz“ oder „Metternich“. Die geschichtlichen Ausführungen kulminieren – ausgerechnet in der Hofburg – in einer Lobpreisung ungarischer und böhmischer Freiheitskämpfer des Revolutionsjahrs 1848, die sich gegen „die Herrschaft der absolutistischen Habsburgermonarchie“ erhoben. Aus FPÖ-Sicht müssen auch die Habsburger jahrhundertelang Teil des Systems, ja das System selbst, gewesen sein.
Dass an der Spitze der FPÖ ein Mann steht, der in Philosophie bewandert ist, gereiche „absolut zum Vorteil“, sagt Rosenkranz: „Es erleichtert das Denken in größeren Dimensionen, lieber Herbert!“ Und dann führt Rosenkranz aus, es habe in der Geschichte erst „zwei Philosophen auf dem Thron“ gegeben: Marc Aurel und Friedrich den Großen. Jeder im Saal weiß, wer der dritte Philosophenherrscher der Geschichte sein wird.
Herbert Kickl proklamiert sich in seiner Ansprache weder zum römischen Kaiser noch zum Preußen-König, sondern – fast schon bescheiden – zum Volkskanzler.
Und weil er Philosoph ist, zitiert er auch andere weise Männer: Martin Heidegger etwa und Friedrich Nietzsche: „Wer ein Warum zum Leben hat, kann jedes Wie ertragen.“ Dabei handelt es sich zwar um eine Verkürzung des ursprünglichen Zitats, aber mit Nietzsche tut sich Kickl ohnehin schwer. Dessen Worte „Gott ist tot“ schrieb er einmal – ausgerechnet – dem linkslinken Karl Marx zu.
Das „Warum“, das ihre Existenz erträglich macht, ist für die Funktionäre ihr Parteiobmann. Kickl beschwört in seinen Reden eine blaue Schicksalsgemeinschaft, die wegen ihres Freiheitskampfs verfolgt wird. Die Opferrolle, in die er seine Partei drängt, grenzt an Paranoia, erfüllt aber ihren Zweck. Wer wie Kickl überall Gefahr wittert, kann sich als Retter inszenieren. Erst macht er den Seinen Angst, dann nimmt er sie ihnen.
Überhöhung und Mystifizierung
Das wirkt auch bei den Bürgern. Ein paar Hundert Meter von der Hofburg entfernt, am Stephansplatz, findet an diesem Samstag die Volksfest-Variante der Geburtstagsfeier statt. Der Personenkult zeigt sich in Utensilien wie Plastikbechern mit Kickl-Konterfei und auf bombastische Art in Form zweier X-Large-Fahnen mit Kickl-Ganzkörperporträts.
Kickls Heldenstatus zeigt sich in der Strapazierung des „Volkskanzler“-Begriffs – in der Realität ist er nur ein oppositioneller Klubobmann. Die Überhöhung der Persönlichkeit ist nach einer gängigen, dem Historiker Reinhard Löhmann folgenden Definition ein Merkmal des Personenkults. Das zweite besteht in der Monumentalisierung, indem die Partei Kickl etwa für ein strategisches Politgenie hält, das allen Mitbewerbern überlegen ist, selbst dem früheren Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), mit dem sich Kickl am 3. Juni – wie profil exklusiv berichtete – im Parlament traf.
Auf Kurz wie auf Kickl trifft auch das dritte Merkmal eines Personenkults zu: die Mythisierung. Der FPÖ-Obmann wird von den Seinen als Erlöser und Heiland verehrt, sein Bildnis auf Fahnen, Postern und eben auch Plastikbechern verewigt. Dass Kickl gern Veranstaltungen vor dem Stephansdom abhält und quasi-religiöse Werbeslogans verwendet („Euer Wille geschehe“), wirkt in diesem Zusammenhang stimmig.
Die Glorifizierung ihrer Bundesparteiobmänner hat in der FPÖ Tradition. Heinz-Christian Strache wurde von seinem Generalsekretär Kickl als revolutionärer Che Guevara mit Barett und in Comics als Superheld vermarktet.
Der blaue Personenkult um den im Jahr 2008 tödlich verunglückten Jörg Haider wirkt bis heute. Herbert Kickl macht sich Haiders immerwährenden Legendenstatus zunutze, indem er sich zu dessen politischem Erben erklärt. Im Mai brachte FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker einen Antrag im Nationalrat ein, den Koralmtunnel in „Dr.-Jörg-Haider-Tunnel“ umzubenennen, da sich dieser als Kärntner Landeshauptmann um das Projekt verdient gemacht hatte. Die Initiative blieb allerdings erfolglos. Die anderen Fraktionen lehnten diese Art der Monumentalisierung geschlossen ab.