Warum Primärversorgungszentren plötzlich boomen
Gute Nachrichten aus dem österreichischen Gesundheitssystem sind selten geworden: lange Wartezeiten, Pläne für Spitalsschließungen und immer mehr Kassenpraxen, die leer stehen, weil sich kein Arzt dafür findet, sorgen bei Patienten und Gesundheitspersonal für Frust.
Zumindest an einer Front läuft es besser: Der Ausbau von Primärversorgungseinheiten (PVE) geht derzeit schneller voran als je zuvor.
Hoffnung in Primärversorgungszentren
Aus Patientensicht bietet das Prinzip Gruppenpraxis gleich mehrere Vorteile: statt einem Hausarzt oder einer Hausärztin kümmern sich an einem Standort neben mehreren Allgemeinmedizinern noch weitere Professionisten um die Versorgung der Kranken: etwa Pflegekräfte, Physiotherapeutinnen, Sozialarbeiter und weitere Gesundheitsberufe.
Das Modell ermöglicht längere Öffnungszeiten und eine breitere Leistungspalette. Befürworter hoffen, dass die Zentren die Spitäler entlasten, weil mehr Behandlungen im niedergelassenen Bereich stattfinden können – und dass das Modell attraktiver für Jungärzte ist. International geht der Trend zu solchen Zentren, Österreich ist eher hintennach.
„Es bietet mehr, kann mehr und hat länger offen“, beschrieb ÖGK-Obmann Andreas Huss vor eineinhalb Jahren den Unterschied zwischen Einzelordinationen und Primärversorgungseinheiten gegenüber profil. Wobei: Die Zentren sind auch kein Allheilmittel, sie sind ein Modell für dicht besiedelte Gebiete, in ländlichen Regionen wird es weiterhin klassische Hausärzte brauchen; wenn sich welche finden.
Das steckt hinter dem Boom der PVE
PVE werden nicht nur von Gesundheitspolitikern und Krankenkassen-Funktionären als Ordinationen der Zukunft gepriesen, sondern auch von renommierten Gesundheitsökonomen. Dennoch blieb das Konzept lange ein Minderheitenprogramm, die Realität konnte mit den ambitionierten Ausbauplänen nie mithalten.
Das ändert sich: Im ersten Quartal 2025 wurden bisher 18 PVE eröffnet, mehr als eines pro Woche – und gleich viele wie in den Jahren 2019 bis 2021 zusammengerechnet. Das zeigt eine Aufstellung der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), die profil vorliegt. Unter den neuen Zentren finden sich etwa die „Hausärztinnen Eggenberg“ in Graz, das „KinderÄrzteZentrum Dornbirn“ in Vorarlberg, zwei neue Zentren im 20. Wiener Gemeindebezirk und die „Grüntalpraxis“ in Schärding (OÖ).
Wie ist dieser Boom zu erklären? Und warum geht er in einigen Bundesländern deutlich schneller voran als in anderen?
Die Kurve der PVE-Neugründungen zeigt ab 2023 merklich nach oben. Der Grund: Österreich sicherte sich für das Projekt Primärversorgung 100 Millionen Euro aus EU-Fördermitteln. Ein Ärztezentrum kann dabei bis zu 1,6 Millionen Euro an Fördergeldern erhalten, maximal 50 Prozent der Gesamtkosten für die Einrichtung und die Geräte. Dadurch sinkt das ökonomische Risiko für die Ärztinnen und Ärzte, die das Zentrum betreiben.
Zum Zweiten schwächte der damalige Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) mit der Novelle des Primärversorgungsgesetzes im Jahr 2023 das Vetorecht der Ärztekammer. Und er ermöglichte es gemeinnützigen Organisationen wie der Diakonie, ebenfalls solche Zentren zu eröffnen.
Die Frist für Förderanträge läuft noch bis Mitte 2025 und könnte bis Jänner 2026 verlängert werden. Danach ist allerdings Schluss. Umso erstaunlicher, dass in einigen Bundesländern das Geld bisher nicht abgerufen wurde. Ausgeschrieben werden die PVE von Ärztekammer und Krankenkasse.
Das Länder-Ranking bei der Primärversorgung
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wo der größte Aufholbedarf besteh: Mit 1. April 2025 sind österreichweit 95 PVE in Betrieb, davon 13 kindermedizinische Zentren (die vollständige Liste findet sich auf der Plattform Primärversorgung). Und es sollen bis Ende des Jahres noch deutlich mehr werden, in Summe 133. Das geht aus den neun regionalen Strukturplänen Gesundheit hervor, in denen die Länder gemeinsam mit der Sozialversicherung die Gesundheitsversorgung in Fünfjahresschritten planen. Die aktuelle Periode endet 2025.
Salzburg hat als einziges Bundesland sein Ziel von fünf PVE bereits übererfüllt, dort gibt es mit April bereits sieben. Ebenfalls voll im Plan ist Vorarlberg (drei von drei).
Der Wiener Plan war der ambitionierteste, auch weil in der Bundeshauptstadt aufgrund der Bevölkerungsdichte die besten Bedingungen für Großpraxen herrschen: 31 PVE gibt es bereits, fünf müssten laut Plan bis Jahresende noch eröffnet werden. Das entspricht einer Zielerreichungsquote von 86 Prozent. Dahinter reihen sich die Steiermark (21 von 30 geplanten PVE eröffnet) und Niederösterreich (14 von 20) ein, gefolgt von Oberösterreich (16 von 25).
Die schlechtesten Quoten haben das Burgenland, Kärnten und Tirol. Dort wurde je nur ein PVE eröffnet, geplant wären aber drei, fünf bzw. sechs gewesen.
Während in Kärnten die fehlenden vier Zentren bereits ausgeschrieben wurden, ist man im Burgenland und Tirol noch nicht so weit. Das dürfte neben geografischen Gründen auch an den Landesärztekammern liegen, die den Zentren reserviert gegenüberstehen.
Diese beiden Länder werden ihre Ziele daher aus heutiger Sicht verfehlen. Mehr noch: Mit dem Ende des Förderprogramms werden Neugründungen wieder risikoreicher.
Der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka bewertet den Ausbau zwar sehr positiv, er sieht nur eine Gefahr: „Für die Sozialversicherung kosten die Zentren mehr Geld als wenn die Ärztinnen und Ärzte alle Einzelpraxen hätten, weil die Zentren mehr Angebot bieten. Angesichts des Defizits könnte man auf die Bremse steigen.“
Vorerst jedenfalls geht der Ausbau munter weiter. Wenn das bisherige Tempo anhält, wird in fünf bis sechs Wochen das hundertste Primärversorgungszentrum starten. Bis 2030 hält Czypionka eine Verdoppelung der Zentren für realistisch.