FPÖ

Nationalratspräsident Rosenkranz: Aufstand der Abgeordneten

Walter Rosenkranz führt das Parlament mit juristischer Hoffart. Nun wendet sich eine Mehrheit der Abgeordneten gegen ihn.

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Nationalratspräsident Walter Rosenkranz, FPÖ, ist Abonnent der „Wiener Sprachblätter“. Die vom Verein „Muttersprache“ verlegte Vierteljahresschrift hat sich der Pflege der Sprachkultur unter besonderer Berücksichtigung des österreichischen Deutsch verschrieben. Dem Gendern widmet die Schriftleitung der „Sprachblätter“ regelmäßig Beiträge. Besonders in Erinnerung blieb Rosenkranz eine Kolumne über den Begriff „Samenspender:innen“. Auch der Nationalratspräsident ist ein Gegner des Genderns. Demnächst wird er einen Leitfaden zur geschlechtergerechten Sprache im Schriftverkehr des Parlaments erlassen. Binnen-I, Gender-Sternchen und Doppelpunkt werden verschwinden.

Seit fünf Monaten ist Walter Rosenkranz, 62, Nationalratspräsident und damit Herr im Hohen Haus. Den Usancen entsprechend steht der stärksten Parlamentspartei das Amt zu. Rosenkranz verkörpert somit den Triumph der FPÖ bei der Nationalratswahl am 29. September des Vorjahres. Der „Volkskanzler“ blieb der FPÖ unter Herbert Kickl verwehrt. Ist Rosenkranz ein „Volkspräsident“?

Bei der Wahl des Nationalratspräsidiums in der konstituierenden Sitzung am 24. Oktober erhielt Rosenkranz 100 von 183 möglichen Stimmen. Am Ende sei ihm „ein Stein der Erleichterung“ vom Herzen gefallen. Vor der Sitzung hatte die Israelitische Kultusgemeinde davor gewarnt, mit Rosenkranz ein Mitglied einer deutschnationalen Burschenschaft ins hohe Amt zu wählen.

Der Präsident gab sich in seiner ersten Rede einsichtig. Er werde, wie sein Vorgänger Wolfgang Sobotka (ÖVP), den Antisemitismus bekämpfen. Sollte es bei Holocaust-Gedenkveranstaltungen im Parlament Vorbehalte gegenüber seiner Person geben, sei er bereit, zugunsten des Zweiten Präsidenten Peter Haubner (ÖVP) oder der Dritten Präsidentin Doris Bures (SPÖ) „zur Seite zu treten“.

Was „zur Seite treten“ in der Praxis bedeutet, könnte bald schwere parlamentarische Verwerfungen auslösen.

Abwahl als Nationalfonds-Vorsitzender?

Gesetzlich ist der Nationalratspräsident Vorsitzender des Kuratoriums des Nationalfonds der Republik Österreich für NS-Opfer. Die Israelitische Kultusgemeinde legte sich allerdings im vergangenen November fest, an Sitzungen des Nationalfonds unter Rosenkranz’ Leitung nicht teilzunehmen. Der Nationalratspräsident kündigte daraufhin Gespräche mit den Parlamentsfraktionen an, um eine Lösung zu finden. Stattgefunden haben diese offenbar nie.

Am Donnerstag beschloss der Nationalrat mit Stimmen von SPÖ, ÖVP, Neos und Grünen eine Änderung des Nationalfonds-Gesetzes, die es dem Präsidenten ermöglicht, auf den Vorsitz im Kuratorium des Nationalfonds dauerhaft zu verzichten. Mit einer Zusatzklausel: Sollte er es nicht tun, kann ihn der Hauptausschuss des Nationalrats abwählen.

Rosenkranz lässt es im Gespräch mit profil offen, ob er sich zurückzieht oder es darauf ankommen lässt, vom Hauptausschuss abgewählt zu werden: „Ich habe in meiner ersten Rede angekündigt, zur Seite zu treten. Jetzt stelle ich die Frage: Ist Zur-Seite-Treten dasselbe wie Zurücktreten?“

Den Beschluss der Kultusgemeinde, keinen Umgang mit ihm zu pflegen, „respektiert“ Rosenkranz, wie er sagt: „Ich kann die Gesprächsbereitschaft eines Gegenübers nicht erzwingen. Daher nehme ich zur Kenntnis, dass ich von der Israelitischen Kultusgemeinde kein Entgegenkommen ernte.“

Gernot Bauer

Gernot Bauer

ist seit 1998 Innenpolitik-Redakteur im profil und seit 2025 Leiter des Innenpolitik-Ressorts. Co-Autor der ersten unautorisierten Biografie von FPÖ-Obmann Herbert Kickl.