Radikalisierungsexperten klar für Social Media-Verbot: „Letzter Ausweg“
Stefan Meingast schafft es immer wieder, die Jugendlichen in seinen Workshops über Online-Radikalisierung zu überraschen. Denn die Influencer, die Teenager Tag für Tag sehen, sind nicht immer so harmlos, wie die jungen Menschen glauben. „Sie sind dann ganz verblüfft, dass sie von mir hören, dass manche Extremisten sind. Das ist dann oft so ein Aha-Moment, bei dem sie merken, sie sollten kritischer sein.“
Meingast geht für den Verein Scenor in Schulen und in AMS-Bildungseinrichtungen, um junge Menschen resilienter gegen Online-Extremismus und Radikalisierung zu machen. Und das scheint bitter nötig: Denn Radikalisierung hat sich verändert, findet online viel schneller und niederschwelliger statt. Die Fälle von Radikalisierung im Netz hätten sich zwischen 2022 und 2024 verdoppelt, meinte der zuständige Staatssekretär Jörg Leichtfried (SPÖ) bei der Präsentation des jüngsten Verfassungsschutzberichts 2025. Auch der mittlerweile 15-Jährige, der einen Anschlag auf den Westbahnhof geplant hatte, radikalisierte sich im Netz.
Am Dienstag, 24. März 2026 ist am Landesgericht Wien zum zweiten Mal binnen acht Monaten wegen terroristischer Straftaten gegen jenen 15-jährigen IS-Anhänger verhandelt worden, der im Zusammenhang mit Anschlagsplänen gegen den Wiener Westbahnhof im Vorjahr zu drei Jahren teilbedingter Haft verurteilt wurde.
Am Dienstag ist am Landesgericht Wien zum zweiten Mal binnen acht Monaten wegen terroristischer Straftaten gegen jenen 15-jährigen IS-Anhänger verhandelt worden, der im Zusammenhang mit Anschlagsplänen gegen den Wiener Westbahnhof im Vorjahr zu drei Jahren teilbedingter Haft verurteilt wurde. Er radikalierte sich online.
Nicht nur Islamisten versuchen, die Jugendlichen über Social Media zu erreichen: Neben den Salafisten hebt Meingast in seinen Workshops die Identitäre Bewegung hervor: „Weil wir beobachtet haben, dass diese besonders aktiv sind und die Jugendlichen am ehesten mit ihnen in Berührung kommen.“ Natürlich gebe es auch andere Gruppierungen, „aber wir glauben, wenn sie die Manipulationslogik dieser beiden Gruppen verstehen, können sie auch andere Gefahren besser bewerten.“
Algorithmen befördern extremes Gedankengut
Radikalisierung hat sich seit Social Media radikal verändert, erklärt Pisoiu, Senior Researcherin am Österreichischen Institut für Internationale Politik und Mitglied im EU Knowledge Hub zur Prävention von Radikalisierung. Sie hat mit Meingast Scenor gegründet.
Der Kontakt funktioniert über die Sozialen Netze viel schneller, daran sind auch die Algorithmen schuld. Das liegt daran, dass extreme – und vor allem rechtsextreme – Inhalte auf Social Media belohnt werden, wie eine aktuelle finnische Studie zeigt. Die Forschenden erstellten Avatare, die Jugendliche zwischen 18 und 24 auf Tiktok, Instagram und X in Finnland, Frankreich und Rumänien simulierten. Die Accounts bekamen im Durchschnitt 58 Prozent mehr rechtsgerichtete als linksgerichtete politische Inhalte auf ihren Kanälen zu sehen. Pisoiu führt aus: Beiträge, die vom Algorithmus belohnt werden, müssen schockieren, negativ sein, Angst machen.
Junge Menschen werden also mit extremen Inhalten geflutet, auch wenn sie eigentlich Interessen an linkem Content bekunden, wie die finnischen Forscher zeigten.
Immer an der Grenze zum Sagbaren
Radikale Gruppen sind geschickte Menschenfänger im digitalen Raum. Das Team von Scenor eklärt: Ein Salafist tritt nicht auf und sagt, er wäre Islamist und wolle den Westen unterwerfen, sondern: Ich erkläre euch, wie der Islam funktioniert.
Es sind nicht die Ideologien, die Jugendliche gewinnen. Es ist die Ästhetik, der Lifestyle, den die Influencer vermitteln. Etwa die knöchellangen Hosen der Salafisten, die viele zunächst als Modestatement übernehmen. Dieser Lifestyle-Content ist eine Rutsche in die Echokammern der Radikalen. Pisoiu: „Die Jugendlichen denken sich, das sind einfach nette Menschen, die diese Weisheiten mit ihnen teilen wollen. Sie haben einfach ein naives Verständnis davon, was hier eigentlich passiert.“
Auch diejenigen, die ideologisch nur oberflächlich radikalisiert sind, sind gefährlich. Da braucht es eigentlich nur mehr ein Messer, ohne dass komplexe Terroranschläge geplant werden müssen.“
Radikalisierungsexpertin
Die ideologische Verankerung ist zwar online schwächer ausgeprägt, erklärt die Expertin. Doch: „Auch diejenigen, die ideologisch nur oberflächlich radikalisiert sind, sind gefährlich. Da reichen eine spontane Idee und der Wunsch, sich zu beweisen oder berühmt zu werden. Vorbilder gibt es genug in der Szene. Dann braucht es eigentlich nur mehr ein Messer, um diese Ziele zu erreichen, ohne dass komplexe Terroranschläge geplant werden müssen.“
Kommunikationswissenschafter: Hinterfragen, woher das Interesse kommt
Je jünger die Jugendlichen, desto weniger sind sie gewappnet für die Extremisten im Netz, meinen Pisoiu und Meingast. Vor allem die unter 14-Jährigen seien besonders beeinflussbar und hätten noch nicht die Fähigkeit, mit der Flut an Inhalten umzugehen.
Daniela Pisoiu ist deswegen an dem Punkt, an dem sie sagt: „Ein Social-Media-Verbot ist der letzte Ausweg.“ Die Online-Radikalisierung sei auch eine ressortübergreifende Motivation für die Einführung des Social Media-Verbots, heißt es aus dem Büro Leichtfried . Neben den Argumenten zu psychischer Gesundheit und Wohlbefinden. Aber so wie bei diesen Themen gibt es auch bei der Radikalisierung Gegenstimmen, die meinen, ein Verbot verschiebe das Problem nur.
Kritiker des Social-Media-Verbotes wie die Kinder-, und Jugendanwaltschaft fordern, die Plattformen in die Pflicht zu nehmen, statt den Kindern etwas wegzunehmen. Radikalisierungsexpertin Pisoiu hält dagegen: „Das ginge nur, wenn die Plattformen kooperieren würden, aber das tun sie nicht. Sie reagieren nur auf Verbote. Gäbe es kein Gesetz, dass sie terroristische Inhalte entfernen müssen, würden sie es auch nicht tun.“
Ob Altersgrenzen Radikalisierung verhindern können, diskutierte sie unter anderem mit Jörg Matthes, Medienexperte an der Universität Wien, bei einer Veranstaltung des Diskurs Wissenschaftsnetzes. Der Kommunikationswissenschafter ist gegen ein Verbot, und betont, das Internet sei nicht der einzige Grund für die Radikalisierung und die Ursachen im realen Raum werden mit einem Verbot nicht angegangen. Auch die Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst DSN sagt, Radikalisierung findet in den meisten Fällen nicht ausschließlich online statt. Matthes plädiert stattdessen dafür zu hinterfragen, wieso die Inhalte so interessant für junge Menschen sind, und: „Der Wille, etwas nicht zu tun, muss von uns selbst kommen. Das sind Normen und Verhaltensweisen, die wir selbst entwickeln müssen.“
Warten auf Ergebnis zu Social Media-Verbot-Verhandlungen
Fakt ist, Gefährder werden jünger: 2021 waren noch 14 Prozent der Tatverdächtigen für Terrordelikte unter 18, 2024 schon 40 Prozent, wie Zahlen des Verfassungsschutzes zeigen. Das Durchschnittsalter bei Hochrisikogefährdern sank von 31 im Jahr 2020 auf 23 im Jahr 2025. Ein Social Media-Verbot wird wohl nicht reichen, um diesen Trend zu stoppen. Die Altersgrenze sei nur ein erster Schritt, bestätigt das Büro des Staatssekretärs für Staatsschutz. Mit Schulungen für Kinder wie auch für Erwachsene wolle man zusätzlich Präventionsarbeit leisten.
Bereits seit fast zwei Wochen betont die Regierung, die Altersbeschränkung sei auf der Zielgerade und soll zeitnah im Ministerrat behandelt werden. Doch auch beim dieswöchigen Ministerrat am Dienstag wartete man vergeblich auf die Präsentation. Die Neos meinen, für sie ist eine Altersgrenze nur sinnvoll, wenn den Kindern gleichzeitig mehr Medienkompetenz beigebracht wird. Wie man hört, wollen die Neos Themen aus dem Bildungsbereich für ihre Zustimmung zum Social-Media-Verbot abtauschen. ÖVP und SPÖ wollen lieber beim Social Media-Verbot bleiben. An einer nationalstaatlichen Rechtsgrundlage wird im roten Medienministerium bereits gearbeitet.