Ein Kind geht durch Ruinen in Gaza
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Raus aus Gaza: „Ich glaube, wir waren ein Testballon“

Eine Familie aus Gaza erhält von einer fragwürdigen Organisation das Angebot, das Kriegsgebiet zu verlassen und landet auf verschlungenen Wegen in Österreich. Ist ihr Fall ein Versuch der Aussiedelung der Palästinenser aus Gaza? Eine Spurensuche.

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Als die Frau, der Mann und ihre drei minderjährigen Kinder sich am 27. Mai 2025 auf den Weg machten, um dem Krieg in Gaza zu entkommen, war es knapp nach vier Uhr morgens. Sie eilten durch die Straßen von Deir al-Balah, einer Stadt in Zentralgaza, wo sie nach der sechsten Vertreibung innerhalb des schmalen Landstrichs Zuflucht gefunden hatten, deren Antlitz jedoch längst zur Ruine gebombt war. In der Finsternis begegnete der Familie keine Menschenseele. Sie hörte auch keine Stimmen; nur das Surren, Knattern und Donnern israelischer Drohnen, Hubschrauber und Kampfjets.

Niemand sollte sie bemerken. Niemand durfte erfahren, was sie vorhatten. Sie selbst wussten nicht, wohin sie diese Reise führen würde. Nur eines: raus aus Gaza. Es war ein „secret“, sagt die Frau. Ein Geheimnis.

Mehr als ein Jahr später sitzt die Frau aus Gaza am Küchentisch in ihrer Dreizimmerwohnung – irgendwo in Österreich. profil hat die Familie besucht. Ihr Aufenthaltsort sowie weitere Details wie Namen, Berufe, Alter sollen aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich werden.

Ihr Mann wuselt durch die Wohnküche, schraubt Fruchtsaftflaschen auf, hantiert mit Neapolitaner-Schnitten-Packungen und einer Schachtel mit fein säuberlich geschlichteten Datteln, setzt Wasser für arabischen Kaffee auf, der den Raum in wenigen Minuten mit Kardamomgeruch erfüllt haben wird. In Gaza, sagt der Mann, hat das Brot, das sie aßen, nach Schimmel gestunken. Im Mehl wimmelte es vor Würmern und Larven.

An diesem Sommertag spielen die beiden älteren Kinder im Hof Fußball. Das jüngste liegt auf dem Boden zwischen Bett und Fernseher und zeichnet ein Haus auf einer Blumenwiese. In Gaza hatte sich das Kind noch seinen Namen auf die Unterarme kritzeln müssen, erzählt der Vater. Damit man seine Leiche identifizieren könnte, sollte es im Fall eines Bombardements unter den Trümmern eingeschlossen werden.

Die Umstände der Ausreise der Familie aus Gaza sind brisant. Die dahinterliegenden Pläne könnten in die höchsten Kreise der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu reichen und weit darüber hinaus: Sie sind im Sinne der Gaza-Politik des US-Präsidenten Donald Trump. Dieser sagte öffentlich, die knapp zwei Millionen Palästinenser sollen weg aus Gaza.

Die Familie, die nach Österreich gekommen ist, könnte ein kleines Mosaiksteinchen in einem großen Vorhaben sein: die Aussiedelung der palästinensischen Bevölkerung aus Gaza. Sie kam mithilfe einer Organisation aus Gaza heraus, die schleierhaft bleibt und nicht einmal auf dem Papier zu existieren scheint.

Nina Brnada

Nina Brnada

ist Redakteurin im Österreich-Ressort. Davor Falter Wochenzeitung.