Mikl-Leitner und Landbauer im Wirtshaus
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

„Schnitzelbonus“ in Niederösterreich: Jedes 5. Lokal wieder geschlossen

Niederösterreich zahlt 10.000 Euro Förderung, um Wirtshäuser zu retten. Die Sinnhaftigkeit ist fraglich: jeder fünfte geförderte Betrieb sperrte wieder zu, und die Förderrichtlinien entsprechen nicht der politischen Kommunikation.

Drucken

Schriftgröße

Pürbach ist ein Ort, den man landläufig als Dorf bezeichnen könnte. Die Ortschaft gehört zur niederösterreichischen Gemeinde Schrems, liegt rund zehn Autominuten von der tschechischen Grenze entfernt und ist beinahe so groß wie die Wiener Donauinsel. Allerdings leben hier rund 230 Menschen. Wie viele andere Dörfer kämpft auch Pürbach für den Erhalt seiner Infrastruktur. Dazu zählen der örtliche Bauernladen, der Bankomat und das einzige Wirtshaus der Ortschaft: der Landgasthof Braunstein.

Noch im Vorjahr stand das einzige kulinarische Angebot Pürbachs kurz vor dem Aus. Die Inhaberfamilie Braunstein ging in den Ruhestand, händeringend wurde nach einer geeigneten Nachfolge gesucht. Wenige Einwohner bedeuten weniger Umsatz und ein kleineres Arbeitskräftepotenzial. Für eine personalintensive Branche wie die Gastronomie eine schwierige Ausgangslage. Besonders in Landgasthäusern steht oft noch der Wirt oder die Wirtin selbst in der Küche und serviert den Gästen das Schnitzel. Für Junge ein bedingt attraktiver Beruf. Mittlerweile unterstützt das Land bei der Übernahme von Gasthäusern – auch monetär.

2023: Mikl-Leitner und Landbauer
Bild anzeigen

„Wir wollen nicht, dass sich die Bevölkerung irgendwann das letzte Schnitzel im Museum anschauen kann.“

Udo Landbauer (FPÖ)
LH-Stellvertreter, Niederösterreich

Weil der Stammtisch symbolisch für den „sozialen Treffpunkt“ in ländlichen Regionen steht, subventioniert die öffentliche Hand dieses Kulturgut in Niederösterreich. Bereits 2023 trommelte Udo Landbauer (FPÖ) öffentlichkeitswirksam für eine Wirtshausprämie. „Wir wollen nicht, dass sich die Bevölkerung irgendwann das letzte Schnitzel im Museum anschauen kann“, formulierte es der FP-Landeshauptfrau-Stellvertreter Landbauer damals überspitzt. Die Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) trug die Initiative der Blauen mit und betonte, das Wirtshaus gehöre zu Niederösterreich „wie das Erdäpfelpüree zu den Fleischlaberln oder die Marille zur Wachau“.

Wirtshausprämie

Den Worten folgten Taten: Seit 2024 vergibt die schwarz-blaue Landesregierung 10.000 Euro für neu eröffnete oder übernommene Gasthäuser: die Wirtshausprämie. profil liegt die vollständige Liste aller Förderwerber vor. Im ersten Jahr nach Einführung der Wirtshausprämie, 2024, bekamen 35 Wirte die Förderung zugesprochen. Im Vorjahr, 2025, kamen 22 Betriebe in den Genuss des Zuschusses. Insgesamt erhielten bisher 57 Betriebe die Prämie. 

Wirte, die die Prämie beantragen, verpflichten sich, ihr Lokal mindestens fünf Jahre lang zu den Förderkriterien geöffnet zu halten. Andernfalls fordert das Land die Wirtshausprämie in voller Höhe zurück. Auf profil-Anfrage beim zuständigen Landesamt war das bisher elf Mal aufgrund von Betriebsschließungen der Fall.

Jedes fünfte geförderte Wirtshaus hat also wieder geschlossen. Das Land Niederösterreich kann in solchen Fällen versuchen, als Gläubiger den Zuschuss aus der Konkursmasse zurückzufordern - für gewöhnlich ist jedoch bei einer Gastro–Pleite nur wenig zu holen. 

Dass das Land Wirten unter die Arme greift, ist übrigens keine rein niederösterreichische Erfindung. Bereits 2019 wagte sich Tirol an ein ähnliches Förderprogramm für Wirte. Das Ergebnis: Von 2019 bis 2024 riefen lediglich sieben Betriebe die Subvention ab. Ein wesentliches Förderkriterium war, dass die örtliche Verpflegungssituation „ernsthaft gefährdet“ sei, profil berichtete.

Schnitzelbonus

In Pürbach hat sich mittlerweile ein Nachfolger für das örtliche Gasthaus gefunden. Die Familie Braunstein übergab ihren Gasthof an ein Ehepaar aus Oberösterreich, das seit September Schnitzel, Schweinsbraten und Palatschinken zubereitet. Die lokale Bezirksstelle der Wirtschaftskammer beschreibt die Kochkünste als „bodenständige und gut bürgerliche Küche“. Eine Voraussetzung dafür, dass sich der Betrieb für die Wirtshausprämie qualifizierte. Denn wesentliches Förderkriterium ist das „regionale Speisen- und Getränkeangebot“. Der Wirtshausprämie brachte das den hämischen Namen „Schnitzelbonus“ ein.

Dabei zeigen die Förderrichtlinien und die geförderten Betriebe ein ganz anderes Bild, das mit der politischen Ankündigung nicht zusammenpasst: Denn entscheidend ist gar kein regionales Speisenangebot in Form von Schnitzel und Schweinsbraten, es sollten bloß „regionale Produkte“ verarbeitet werden. 

Wer den Zuschuss erhalten möchte, muss der Förderstelle offenlegen, von welchen Lieferanten die Produkte bezogen werden, wie lange die Öffnungszeiten sind, und möchte auch das Landesamt wissen, ob ein Stammtisch vorhanden ist. Fotos und Speisekarte sind zwecks „Plausibilitätsprüfung“ durch die Behörde vorzulegen.

Gibt es einen Stammtisch?
Bild anzeigen

Ein genauerer Blick in die Speisekarten der geförderten Lokale zeigt: Nicht überall wird typisch österreichische Küche serviert. Manche Wirte bieten zusätzlich Pizza an, andere mexikanische oder Thai-Gerichte. Auch im Landgasthof Braunstein steht Schweinsbraten mit Wok-Gemüse und Sushireis auf der Karte. Ein Bruch der Förderkriterien? Auf Nachfrage im Landhaus heißt es aus dem Büro der Landeshauptfrau: „Entscheidend für die Fördervergabe ist nicht, dass ausschließlich österreichische Küche angeboten wird, sondern die regionale Verankerung der Betriebe.“

Fördermaxxing?

Dem neu übernommenen Landgasthof Braunstein wurde die Prämie zugesprochen, auch weil es als letztes Wirtshaus in der Ortschaft idealtypisch die Förderkriterien erfüllt. Ein genauerer Blick in die Liste der geförderten Wirte zeigt allerdings: Nicht alle betreiben das letzte Gasthaus ihrer Ortschaft. Auch in Klosterneuburg, Wiener Neustadt oder sogar in der Landeshauptstadt St. Pölten wurden Wirtshausprämien ausbezahlt, allesamt Gemeinden mit einem keineswegs überschaubaren gastronomischen Angebot.

Ein geringer oder fehlender gastronomischer Bestand wird im Sinne der Zielsetzung berücksichtigt, ist aber kein zwingendes Kriterium

Wie passt das mit der politischen Ankündigung zusammen, das letzte Wirtshaus im Dorf zu retten? „Ein geringer oder fehlender gastronomischer Bestand wird im Sinne der Zielsetzung berücksichtigt, ist aber kein zwingendes Kriterium, insbesondere regionale Verankerung, ganzjährige Öffnung, regelmäßige warme Küche, ausreichende Sitzplätze und die Funktion als sozialer Treffpunkt. Diese Kriterien werden aus Sicht des Landes Niederösterreich als unterstützenswert erachtet“, erklärt das Büro der Landeshauptfrau.

Aber reicht die Wirtshausprämie, um das Wirtesterben in Dörfern zu stoppen? „Die Wirtshausprämie ist kein Allheilmittel, sondern ein Mosaikstein im Kampf gegen das Wirtshaussterben“, lässt die Landeshauptfrau über ihren Sprecher ausrichten. Neben der Prämie stellt das Land Niederösterreich weitere Förderungen im Rahmen ihres Wirtshauspakets für seine Wirte bereit.

So kommt es, dass ein einziges Gasthaus in der Stadt Krems an der Donau mehr als 55.000 Euro an Zuschüssen bekam. Und zwar aus der Wirtshausprämie, dem Programm „Gestalten und Verbessern 2024“ und „Unternehmerische Investition - Gründung und Übernahme“. 

Von Bundesseite können Wirte übrigens mit einer „Jungunternehmerförderung“, einem Zuschuss von fünf Prozent für Investitionen ab 50.000 Euro, durch die Tourismusbank zusätzlich unterstützt werden.

Kevin Yang

Kevin Yang

seit 2024 Redakteur und Faktenchecker bei profil Digital. Schwerpunkte: Arbeitsmarkt, Wirtschaftsrecht und Wohnbau. Davor bei „Wiener Zeitung“ und ORF.