Spardruck in der Gesundheitskasse: Kann es der Chefarzt richten?
Wer bei der Gesundheit spart, spart selten freiwillig – und beim System erst recht nicht. Die öffentliche Gesundheitsversorgung ist teuer, und dafür zahlen die Menschen in Österreich solidarisch jeden Monat ihren Anteil. Trotzdem gerät das staatliche System zunehmend in Schieflage.
„Das derzeitige Gesundheitssystem ist nicht nachhaltig“, sagt Judit Simon, Professorin und Leiterin der Abteilung Gesundheitsökonomie am Zentrum für Public Health an der MedUni Wien. Durch die demografische Entwicklung wächst die Zahl der Menschen, die altersbedingt mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen, während gleichzeitig weniger Versicherte ins System einzahlen. Dazu kommen noch neue teure Technologien und Medikamente. Gesundheitsökonomen wie Simon warnen seit Jahren vor den strukturellen Problemen der Gesundheitsversorgung.
Leere Kassen
Aktuell spürt das vor allem die größte Körperschaft der Republik, die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK). Sie rechnet für dieses Jahr mit einem Defizit von 800 Millionen Euro – trotz 18 Milliarden Euro Einnahmen. Anders als bei den Sozialversicherungen der Selbstständigen, Bauern und Beamten umfasst die ÖGK neben den Beschäftigten auch Arbeitslose und Menschen in der Grundversorgung. Mit rund 7,6 Millionen Versicherten ist sie der größte Sozialversicherungsträger und damit zentraler Player im Gesundheitssystem.
Ein Teil des Defizits ist auf die schlechte Wirtschaftslage zurückzuführen: Sinkt die Produktivität, verlieren Menschen ihren Job – und mit ihnen sinken die lohnabhängigen Versicherungsbeiträge. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für die Versorgung von Arbeitslosen.
Eine schnelle Rettung aus dem Bundeshaushalt ist nicht zu erwarten. Die unbequeme Wahrheit: So rasch wird sich die Konjunktur nicht erholen. Einnahmen werden in nächster Zeit nicht sprudeln. Dennoch hat Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) Selbstbehalte für Versicherungsnehmer kategorisch abgelehnt. Auch Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) will „nicht über Leistungskürzungen sprechen.“
Doch kann das überhaupt funktionieren: Einsparen, ohne die Leistungen für Patientinnen und Patienten zurückzufahren? Durchaus: Dass viele Leistungen die Krankenkassen unnötig belasten, ist ebenfalls Teil der unpopulären Wahrheit. „In der Gesundheitsökonomie geht es nicht um moralische Schuldzuweisungen, sondern um die Feststellung ungünstiger Anreize“, sagt Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien (IHS). Welche Leistungen erbracht werden, vereinbaren Ärzte und Patienten – „im Zweifelsfall eher mehr als weniger“, betont Czypionka. Immerhin gehe es um die eigene Gesundheit, aber: „Das Gesamtsystem leidet darunter, dass einfach zu viel verbraucht wird.“
Kostenkontrolle
Eine Möglichkeit, kurzfristig unnötige Leistungen einzudämmen, wäre, die Mitsprache des chefärztlichen Dienstes wieder zu stärken. Ein von der Krankenkasse beauftragter Mediziner, der die Notwendigkeit von Untersuchungen überprüft – sei es durch Aktenstudium oder persönliche Vorladung.
Für Patienten wäre dieses Korrektiv mitunter unangenehm, immerhin wird dadurch der Zugang zu Therapiemöglichkeiten verkompliziert. Für die Kassenbudgets hingegen wäre es eine spürbare Entlastung. Gesundheitsexperten sprechen von einer „Lenkungsmaßnahme“, durch die sogar Patienten nach Dringlichkeit gereiht werden können.
Beispielhaft ist dafür die bildgebende Diagnostik (MRT- und CT-Untersuchungen). Bund und Länder bauen seit Jahren die dafür notwendigen Kapazitäten aus. Dennoch warten nach wie vor Patienten teils wochenlang auf einen Termin. Mitgrund: Überweisungen werden oft ohne Prüfung ausgestellt – unabhängig davon, ob ein MRT überhaupt notwendig oder ob bereits ein CT vorhanden ist. Das führt zu überfüllten Wartezimmern und unnötigen Kosten für die Krankenkassen.
Während der Pandemie wurde der chefärztliche Dienst aus Infektionsschutzgründen schrittweise zurückgefahren. Für MRT- und CT-Untersuchungen ist für Versicherte bis 2027 gar keine Bewilligung notwendig. Dass in dieser Zeit unnötig viele Untersuchungen verordnet werden, erscheint daher als logische Konsequenz. Wie viele chefärztliche Bewilligungen (ausgenommen Arzneimittel) überhaupt erteilt werden, ist selbst für die Gesundheitskasse bisher unbekannt. „Nicht bei allen Bewilligungen besteht eine systematische Erfassung“, teilt die Versicherungsanstalt auf profil-Anfrage mit, „wir wollen, dass die Wartezeiten für jene die die Untersuchungen aufgrund einer weiteren therapeutischen Konsequenz (sei es eine Operation oder medikamentösen Therapie) zeitnahe erhalten.“
Akute Überversorgung
Ein weiterer Kostenfaktor ist das medizinische Angebot selbst – manche sprechen gar von Überversorgung. Egal ob Hausarzt, Facharzt, Primärversorgungszentrum, Ambulanz oder Spital – für Patienten zählt nur, dass sie schnell behandelt werden. Die Krankenkassen hingegen leiden darunter, dass viele Menschen direkt ins Krankenhaus gehen.
„Die Behandlung im Spital ist die teuerste Form der Gesundheitsversorgung“, bemängelt Simon. „Österreich liegt mit rund 670 Spitalsbetten pro 100.000 Einwohner im europäischen Spitzenfeld.“ Die Lösung liege in einer Stärkung des niedergelassenen Bereichs, inklusive einem verbesserten Mix von Gesundheitsfachkräften, mehr Prävention und besserer Untersuchung der Kosteneffektivität und der Auswirkung von neuen Therapien auf das Budget, meint Simon. Die Bundesländer haben dieses Problem bereits erkannt, denn das nötige Personal für die Versorgungsinfrastruktur zu finden, wird auch von Jahr zu Jahr schwieriger, das effizientere Modell Primärversorgungszentrum boomt.
Gesundheitsexperten empfehlen seit Langem, Leistungen aus den Spitälern in den niedergelassenen Bereich auszulagern. Sei es Wundversorgung, Blutzuckereinstellung oder psychologische Betreuung – alles Leistungen, die Spitäler vollumfänglich anbieten können, aber kosteneffizienter in kleineren Einheiten wie Primärversorgungszentren geleistet werden können. Politisch spricht man beispielsweise in Niederösterreich bereits von „Spitalszusammenlegungen“ – Schließungen wären aus Sicht der politischen Kommunikation desaströs und werden bei Kommunalwahlen abgestraft, wie die Steiermark gezeigt hat.