Wolfgang Peschorn im Interview
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Wolfgang Peschorn: „Das schleichende Gift ist der permanente Regelbruch“

Von René Benko bis Thomas Schmid, von der Bawag bis zu den Eurofightern: Als Chef der Finanzprokuratur kennt Wolfgang Peschorn alle Staatsaffären seit 20 Jahren. Im profil-Interview erklärt er, wie man die Republik sauberer machen kann.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Bei ihm laufen alle großen und kleineren Staatsaffären zusammen: Wolfgang Peschorn ist seit 2006 Präsident der Finanzprokuratur, der eigenen Rechtsberaterin und Anwältin der Republik. Von Bawag bis Benko, von Bankenrettung bis Corona-Hilfen – in den vergangenen zwei Jahrzehnten war Peschorn maßgeblich in die Aufarbeitung beziehungsweise Lösung so gut wie jedes Skandals und jeder Krise im Land involviert. Und zwischendrin avancierte der Spitzenbeamte für einige Zeit sogar zum Innenminister: im Rahmen der Expertenregierung nach Platzen der Ibiza-Affäre. profil hat Peschorn in seinem Büro in der Finanzprokuratur zum Interview getroffen – und gleich auch auf mögliche Zukunftspläne angesprochen.

Würde Sie jemand fragen, ob Sie als Bundespräsidentschaftskandidat zur Verfügung stehen – was wäre Ihre Antwort?

Wolfgang Peschorn

Dass ich mit dem Amt als Präsident der Finanzprokuratur, das ich als die spannendste Aufgabe im Staat ansehe, sehr glücklich bin – und dass ich das Amt noch sehr lange ausüben möchte.

Sie wissen aber schon, dass es da Gerüchte gibt?

Peschorn

Nein.

Okay, dann wissen Sie es jetzt. Bis Sie vielleicht das gemütlichere Amt antreten dürfen – falls es doch so kommen sollte –, reden wir kurz über das aktuelle. Sie kennen alle Staatsaffären seit 20 Jahren in- und auswendig. Gibt es da eigentlich irgendwas, das Sie noch schockieren kann?

Peschorn

Mich schockiert selten etwas. Aber es ist immer wieder interessant zu sehen, dass Dinge, die schon vor Jahrzehnten in Österreich stattgefunden haben, in neuem Gewand wieder passieren. Postenschacher ist das eine – dass sich ein gewisser Personenkreis wechselseitig mit Informationen versorgt, um Vorteile zu erlangen, das andere. Signa ist dafür ein gutes Beispiel.

Wie meinen Sie das?

Peschorn

Ich habe schon früher – in Zusammenhang mit der Hypo-Alpe-Adria und den Eurofightern – von Berater- und Interessensnetzwerken gesprochen. Damit meine ich, dass sich Menschen über Berater im gemeinsamen Interesse vernetzen, rasch Geld zu machen – und zwar nicht immer mit regulären Mitteln.

Mich schockiert selten etwas.

Wolfgang Peschorn

Zu Causen wie Hypo-Alpe-Adria oder Eurofighter hat es jahrelange Ermittlungsverfahren gegeben. Warum schrecken solche Verfahren offenbar nicht ausreichend ab?

Peschorn

Weil die Ermittlungen schlicht und ergreifend nicht zu einem Ergebnis führen, aus dem man erkennen kann, was wirklich passiert ist. In all diesen Verfahren – ob das Hypo-Alpe-Adria war oder Commerzialbank Mattersburg oder momentan auch Signa – haben wir zwar einzelne Schuldige, wissen aber immer noch nicht umfassend, zu wessen Vorteil und zu welchem Zweck bestimmte Tathandlungen gesetzt worden sind.

Ist das ein Problem des Strafrechts an sich, dass man teils mit eng definierten Delikten und Vorwürfen vor Gericht geht und dieses Gesamtbild eher ausblendet – vielleicht auch, um sich nicht zu verzetteln?

Peschorn

Ich glaube, es ist eine Frage des Vollzugs, nicht des Strafrechts. Das Strafrecht sieht vor, dass Sachverhalte ermittelt und daraus die richtigen rechtlichen Schlüsse gezogen werden. Aber wie kann man einen Sachverhalt beurteilen, wenn man nur einzelne Puzzleteile untersucht und nicht das wesentliche Ganze?

Wie ließe sich das lösen?

Peschorn

Durch die Ermittlung des gesamten relevanten Sachverhalts und indem die neben den Staatsanwaltschaften regelmäßig betroffenen weiteren Behörden – wie Finanzbehörden, Kartellbehörden und andere – bei ihren jeweiligen Ermittlungen besser zusammenarbeiten. Es geht darum, das, was geschehen ist, vollständig aufzuklären – und nicht um die Verurteilung bestimmter Personen in einem bestimmten Strafhöchstausmaß.

Weil die Ermittlungen schlicht und ergreifend nicht zu einem Ergebnis führen, aus dem man erkennen kann, was wirklich passiert ist.

Wolfgang Peschorn

Haben Sie das Gefühl, dass die Justiz momentan ineffizient ist?

Peschorn

Ich denke, dass die Organisation des Staates in diesem Bereich Luft nach oben hat und dass Kooperation nicht so gelebt wird, wie es gerade in den großen Causen wie beispielsweise Signa notwendig wäre.

Zum Signa-Thema: Es war ein Antrag der Finanzprokuratur Anfang 2024, der letztlich dazu geführt hat, dass auch René Benko selbst – und zwar in seiner Rolle als Einzelunternehmer – Insolvenz anmelden musste. Warum haben ausgerechnet Sie Benko in den Konkurs geschickt?

Stefan Melichar

Stefan Melichar

ist Chefreporter bei profil. Der Investigativ- und Wirtschaftsjournalist ist Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). 2022 wurde er mit dem Prälat-Leopold-Ungar-Journalist*innenpreis ausgezeichnet.

Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.