Wie landete Österreich in dieser Vorreiterrolle? Wer kommt für die Studien infrage? Und könnte die neue Therapie auch bei anderen Krebsarten helfen?
Vom Silicon Valley nach Wien
Der Wiener Onkologe Gerald Prager hat einen direkten Draht ins Silicon Valley. Genauer gesagt zu Revolution Medicines, einem 2014 von drei Uniprofessoren gegründeten Biotechnologie-Unternehmen, das die neue Substanz entwickelt hat. Als weltweit führender Spezialist beriet Prager das Unternehmen in den vergangenen Jahren beim Design der klinischen Studien – nun wird er das neue Medikament in Wien selbst an Patientinnen und Patienten testen. „Unser Ziel ist es, herauszufinden, ob Daraxonrasib die bislang übliche Chemotherapie gänzlich ersetzen kann“, sagt Prager im profil-Gespräch. Nachsatz: In frühen Stadien gebe es sogar Hoffnung auf Heilung.
Bisher waren die Prognosen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs mehr als düster. Nur zwölf Prozent der Erkrankten waren fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben; war der Tumor bereits weit fortgeschritten, blieben den Erkrankten häufig nur noch wenige Wochen oder Monate. Das Pankreaskarzinom ist mit jährlich rund 2000 Neuerkrankungen in Österreich zwar nicht sehr häufig, gilt aber als einer der tödlichsten Tumore. Alarmsignale für Bauchspeicheldrüsenkrebs finden sie hier.
Sterberisiko um 60 Prozent gesenkt
Das könnte sich nun endlich ändern. Die am 1. Juni bei einer Konferenz in Chicago vorgestellten Ergebnisse besagter Studie versetzten die Fachwelt in Jubelstimmung. Von den 501 Personen in einem späten Stadium der Krankheit bekam eine Hälfte Daraxonrasib, die andere Hälfte die übliche Chemotherapie. Das Resultat: Daraxonrasib reduzierte das Risiko, zu sterben, um 60 Prozent. Zudem verdoppelte es die Überlebenszeit im Vergleich zur Chemotherapie von 6,6 auf 13,2 Monate. Die Zeit, in der die Krankheit nicht fortschritt, verdoppelte sich ebenfalls. Mit Daraxonrasib waren die Erkrankten im Schnitt 7,3 Monate progressionsfrei.
Wie macht das der neue Wirkstoff? Laienhaft erklärt, fehlt in Pankreaskrebszellen der Ausschalter. „In normalen Zellen kann man das Licht an- und ausknipsen, aber in diesen Tumorzellen herrscht Dauerflutlicht. Das macht sie so aggressiv“, sagt Onkologe Gerald Prager. Schuld ist ein defektes RAS-Protein, vergleichbar mit einem kaputten Schalter. Daraxonrasib ist ein sogenannter RAS-ON Inhibitor, dem es nun erstmals gelang, das Dauerfeuer der RAS-Proteine zu hemmen.
Chancen auf Heilung
So war es auch bei Ben Sasse, dessen Tumor um beachtliche drei Viertel schrumpfte. Hat Sasse dadurch eine Chance auf Heilung? „Leider nicht. Das muss ich meiner Mutter auch immer wieder aufs Neue erklären“, sagt der Ex-Politiker. Die Krebszellen haben bereits andere Organe befallen. Es sei „ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel“, und er hoffe, dank des neuen Medikaments noch möglichst viel Zeit mit seiner Familie verbringen zu können. Auch die 501 Probandinnen und Probanden befanden sich in späten, unheilbaren Stadien der Krankheit.
„Unsere Hoffnung ist groß, dass wir damit deutlich mehr Menschen heilen können.“
Gerald Prager, MedUni Wien
Was wäre, wenn jemand das Medikament schon früher bekommen würde? Genau das gilt es nun herauszufinden. Eine der in Wien anlaufenden Studien betrifft Erkrankte, deren Tumor entfernt wurde, bevor er streuen konnte. Üblicherweise werden diese Patientinnen nach der OP noch ein halbes Jahr mit einer Chemotherapie behandelt, um das sehr hohe Risiko eines Rückfalls einzudämmen. Sie sollen nun zusätzlich den neuen Wirkstoff erhalten. „Unsere Hoffnung ist groß, dass wir damit deutlich mehr Menschen heilen können als die bisherigen zwölf Prozent“, sagt Gerald Prager von der MedUni Wien.
Auch Studie für Darmkrebs geplant
In anderen Studien wird die Wirkung der Chemotherapie mit einer Kombination aus Chemotherapie und Daraxonrasib sowie reinen Daraxonrasib-Gaben verglichen. Insgesamt können mehrere Dutzend Personen teilnehmen. „Die Patienten laufen bereits Sturm bei uns“, berichtet Prager. Ausgesucht werden sie nach strengen Kriterien: Sie müssen etwa zu den 90 Prozent der Patienten gehören, die die besagte RAS-Protein-Veränderung besitzen, dürfen noch keine Vorbehandlung erhalten haben und an keiner zweiten Krebserkrankung leiden.
Auch für Menschen mit Darmkrebs hat Onkologe Prager eine gute Nachricht: Da etwa die Hälfte von ihnen ebenfalls das defekte RAS-Gen im Tumor trägt, besteht auch bei dieser Krebsart große Hoffnung. AKH und MedUni Wien planen eine klinische Studie für Darmkrebspatienten, wobei hier die Kombination aus Chemotherapie und Daraxonrasib getestet werden soll.
Die Nebenwirkungen
Wie er mit den Nebenwirkungen klarkomme, wurde US-Patient Ben Sasse von der „New York Times“ gefragt. „Die Pillen verursachen verrückte Sachen, zum Beispiel kann mein Körper die Haut nicht mehr richtig nachwachsen lassen, weshalb ich an ungewöhnlichen Stellen blute“, erzählte er. Sein Gesicht ist seit der Einnahme mit Ausschlag und Schorf überzogen.
Zudem berichten Patientinnen und Patienten von Durchfall sowie Entzündungen in der Mundschleimhaut. In der eben veröffentlichten Studie schnitt das neue Mittel trotzdem besser ab als die Chemotherapie. Die Nebenwirkungen waren bei Daraxonrasib seltener schwer als in der Gruppe der Chemotherapie-Behandelten (61,8 Prozent versus 69,6 Prozent) und führten seltenerer zu Therapieabbrüchen (1,2 Prozent versus 11,2 Prozent).
Krebsimpfung
Auch von anderer Seite versuchen Forschende, die aggressiven Zellen des Pankreaskarzinoms zu bezwingen. Bei der New Yorkerin Barbara Brigham gelang das möglicherweise schon (nachzulesen hier). 2020 hatte die damals 74-Jährige die deprimierende Diagnose bekommen und sich als Versuchsperson für einen neuen Wirkstoff zur Verfügung gestellt. Einer Krebsimpfung auf mRNA-Basis – jener Technologie, die als Grundlage der Covid-Impfstoffe weltweit Bekanntheit erlangte. Doch anders als herkömmliche Impfungen, die präventiv vor Viren schützen, richtet sich die Krebsimpfung gegen ein bestehendes Leiden.
Barbara Brigham hatte Glück im Unglück: Die Chirurgen am Memorial Sloan Kettering Cancer Center konnten ihren Tumor operativ entfernen und schickten eine münzgroße Gewebeprobe von New York ins deutsche Mainz, wo das Biotechnologie-Start-up BioNTech einen maßgeschneiderten Impfstoff herstellte.
Barbara Brigham bis heute krebsfrei
Ein Jahr lang erhielt die Patientin neun Injektionen mit dem Präparat, das ihr Immunsystem gegen neuerlich auftretende Krebszellen wappnen sollte. Zusätzlich bekam sie Chemo- sowie eine Dosis einer weiteren Immuntherapie. Alle drei Monate prüften die Mediziner mit CT-Aufnahmen, ob der Krebs zurückkehrte. Er tat es nicht. Bis jetzt ist Barbara Brigham frei von Krebs – so wie auch sechs weitere von insgesamt 16 Personen, die den Krebsimpfstoff im Rahmen der Studie erhalten hatten.
Können sieben von 16 Personen, also knapp 50 Prozent, als Behandlungserfolg gelten? Zumindest ist Optimismus berechtigt, auch wenn es eine sehr kleine Gruppe ist, in der die Statistik durch Zufall und Glück verzerrt sein kann. Bei acht der 16 Personen löste die Impfung einen Anstieg von T-Lymphozyten aus, jenen Immunzellen, die den Krebs attackieren – sogar in enormem Ausmaß um den Faktor 20.000.
Ben Sasses Onkologen beschreiben den Kampf gegen das Pankreaskarzinom mit dem Versuch, den riesigen Hoover-Staudamm mit Spitzhacken einzureißen. „Es gibt kleine Risse, und manchmal spritzt etwas Wasser heraus. 400 Meter weiter arbeitet jemand anderes daran, und weitere 300 Meter entfernt ist ein weiteres Team im Einsatz. Meine Ärzte sagen, dass sich diese Risse eines Tages verbinden werden und der Damm brechen wird.“