Das Erbe Rudolf Steiners: Wie seine okkulte Esoterik bis heute nachwirkt
Schriftgröße
Rudolf Steiner hätte in einem anderen Leben ein großer Naturwissenschafter werden können. Von frühester Kindheit an hatte er moderne Technologie vor Augen. Sein Vater war Bahnbeamter, und so lebte die Familie an Knotenpunkten des Schienennetzes, im späten 19. Jahrhundert Symbol für Fortschritt und Aufbruch, genau wie Dampfantrieb, Telegrafie und Elektrifi-zierung. Die Steiners übersiedelten von Bahnstation zu Bahnstation; von Kraljevec, heute Kroatien, wo Rudolf am 27. Februar 1861 zur Welt kam, nach Mödling und weiter nach Pottschach, Neudörfl, Inzersdorf.
Rudolf Steiner war ein stilles, introvertiertes Kind mit einer Neigung zu Mathematik und Geometrie. Der Vater, ein Freigeist mit Bildungsinteresse, schickte ihn auf die Realschule nach Wiener Neustadt und nach der Matura an die Technische Hochschule in Wien. Neben Mathematik studierte er ab 1879 Chemie und Physik, Geologie und Maschinentechnik.
Esoterik statt Naturwissenschaft
Doch statt eine akademische Karriere einzuschlagen, sollte Steiner, der vor 100 Jahren, am 30. März 1925, starb, Österreichs berühmtester Guru werden – Gründer eines esoterischen Kults samt Hellseherei, Karma und Reinkarnation sowie Geheimwissen aus kosmischen Sphären, in denen Engel, Dämonen, Gnome und Geistwesen regieren. Steiner schuf die Anthroposophie, seine „Weisheit vom Menschen“, mit allen Zügen einer religiös-spirituellen Weltanschauung.
Man könnte die Anthroposophie als Sekte bezeichnen, wäre da nicht ihr weitreichender Einfluss bis in die Gegenwart. Steiners Esoterik bildet das geistige Fundament der Waldorf-Pädagogik, die in 1283 Waldorf- und Steiner-Schulen in rund 70 Ländern praktiziert wird – von Ägypten bis Ungarn. In Österreich gibt es 23 solche Schulen, in Deutschland 256.
Steiners Gedankengebäude findet auch Niederschlag in der biodynamischen Landwirtschaft. Allein unter dem Siegel „Demeter“ bewirtschaften 265 österreichische Betriebe 8650 Hektar Fläche. Auch der Markenname „Weleda“ ist seine Kreation. Das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz vertreibt Naturkosmetika und anthroposophische Arzneimittel und wies für 2023 einen Umsatz von 421 Millionen Euro aus. Schließlich hinterließ Steiner die anthroposophische Medizin, die in Österreich von einigen Dutzend Ärzten praktiziert wird.
Grund genug, ein Jahrhundert nach dem Ableben des Schöpfers der Anthroposophie einigen Fragen nachzugehen: Wie wandelte sich Rudolf Steiner vom Technikstudenten zum erleuchteten Meister? Was besagen seine Lehren, in welchem Ausmaß hallen sie nach? Lässt sich argumentieren, dass Steiners Weltsicht Impfgegnerschaft und Verschwörungsglauben befördert und die traditionell niedrigen Impfquoten in deutschsprachigen Ländern mit erklärt? Erst diese Woche wurden Zahlen veröffentlicht, wonach Österreichs Impfraten gegen Keuchhusten die niedrigsten in Europa sind, während die Infektionszahlen auf das Niveau der 1960er-Jahre stiegen. Immer wieder sind Waldorf-Schulen Quelle von Masernausbrüchen, in Österreich etwa in den Jahren 2008, 2009 und 2014.
Rassismus und Antisemitismus
Doch begleiten wir Steiner zunächst auf seinem Weg zum Propheten. Sein Technikstudium brach er ab, auch weil er finanziell chronisch klamm war. Stattdessen nahm er 1884 eine Stelle als Hauslehrer bei der wohlhabenden jüdischen Familie Specht in Wien an. Schon damals zeigte er einen manischen Drang, Gedanken zu fast allem zu Papier zu bringen – 89.000 Seiten sollten es bis zum Lebensende werden. Steiner interessierte sich für Goethes Naturforschung, für Schopenhauer, betätigte sich als Literaturkritiker. Seine Rezension zum antisemitischen Machwerk „Homunculus“ sollte ihm den Vorwurf des Antisemitismus einbringen. Darin finden sich Sätze wie jener, das Judentum habe „sich längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte“.
Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte.
Rudolf Steiner
Bis heute streiten Kritiker und Anhänger Steiners unversöhnlich, ob er Rassist und Antisemit war. Die Verteidiger sagen, problematisch seien nur wenige Passagen, vernachlässigbar im Lichte des Gesamtwerks, und Steiner habe sich bloß vom Zeitgeist mitreißen lassen. Weniger gnädige Interpreten wenden ein, rassistische Motive würden sich durchs gesamte Konstrukt der Anthroposophie ziehen. Außerdem: Wenn man antisemitische Äußerungen damit rechtfertige, Steiner habe lediglich Strömungen seiner Zeit aufgegriffen, könne man dies genauso gut für alle anderen seiner Thesen behaupten – statt davon zu schwärmen, ein hellsichtiger Messias habe seine Lehre im Alleingang dank höherer Mächte aus der Geisterwelt „geschaut“.
Tatsächlich spricht viel dafür, dass Steiner stark von den Moden seiner Zeit geprägt war. Weniger höflich ausgedrückt: Er pflückte Versatzstücke damaliger Ideen, aus Anthropologie und Darwinismus, aus Psychologie, Theosophie und Ernst Haeckels Evolutionslehre und puzzelte daraus sein Weltbild zusammen, das er als Geheimwissen aus der Schatzkiste okkulter kosmischer Kräfte ausgab.
Die Legende vom Geheimwissen
In Wien besuchte Steiner Kaffeehäuser wie das Griensteidl, ein Magnet für Literaten, Philosophen und Esoteriker. Die nächste Station war Weimar, wo er seinen Abschluss als Doktor der Philosophie gerade noch schaffte. Dann wechselte er nach Berlin, und auch hier diskutierten Intellektuelle eifrig: Die Naturwissenschaften machten enorme Fortschritte, Physiker studierten Atome, Mediziner physiologische Funktionen bis in die Körperzelle. Die Welt schien der Mystik und ihrer Geheimnisse beraubt, stattdessen wuchs ein mechanistisches Verständnis der Natur, vielfach als kalt und rein materialistisch bemängelt.
So sprossen Gegenbewegungen und leisteten Widerstand gegen die unromantische Aufklärung: Seancen und Geisterbeschwörungen gerieten zur hippen Salonbeschäftigung, Lebensreformer predigten Naturnähe samt Körperkult, vegetarischer Ernährung und spiritueller Betätigung. Materialismus war verpönt – diese Haltung ist eine Konstante in Steiners Schriften.
Den Berufswechsel zum Sektengründer vollzog er über den Umweg der Theosophie, einer ebenfalls dem Übersinnlichen entlehnten esoterischen Bewegung. Im Jahr 1902 übernahm Steiner die Leitung der deutschen Sektion der Theosophie. Zehn Jahre später spaltete er nach internen Querelen seinen eigenen Zweig ab. Das war die Geburtsstunde der Anthroposophie.
Deren Kernstück ist eine eigenwillige Evolutionserzählung, in der alles mit allem kosmisch verbunden ist. Die Grundzüge hielt Steiner in Schriften wie „Die Geheimwissenschaft im Umriss“, „Offenbarungen des Karma“ und „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ fest. Sein Werk besteht aus rund 400 Bänden, in die weite Teile seiner fast 6000 Vorträge einflossen, die mitstenografiert wurden.
Kompakt ausgedrückt, besagt die Anthroposophie-Story: Das Universum und die Lebewesen darin unterliegen einem Stufenmodell. Alles entwickelt sich von einer Stufe zur nächsten, auch Planeten. Die Erde ist die Wiederverkörperung eines alten Planeten, genau wie Sonne und Mond. Die Menschheit durchläuft sieben Phasen, beginnend mit der polarischen Epoche. Seit dem Untergang von Atlantis 7227 vor Christus leben wir im nachatlantischen Zeitalter, das sich wiederum in sieben Kulturepochen teilt, wobei die gegenwärtige germanisch-angelsächsische Epoche noch bis ins Jahr 3573 dauert.
Anfangs sprach Steiner nicht von Kulturepochen, sondern von „Wurzelrassen“. Die Begriffe, die ihm ebenfalls Rassismusvorwürfe einhandelten, hatte er aus der Theosophie übernommen. Und er fabulierte über Unterschiede zwischen den Rassen, über degenerierte Indianer, triebhafte Schwarze und fortgeschrittene Europäer. Immerhin äußerte er keine Vernichtungsideen, sondern dachte, so bizarr die Vorstellung ist, angeblich an eine Art Weiterentwicklung des Menschen zu einem Punkt, an dem Rassenbegriffe obsolet werden.
Die magische Sieben
Auch der Mensch muss – erraten – sieben Stufen bewältigen, wobei unsere Spezies erst vier davon erklommen hat. Das Dasein beginnt laut Steiners „Hüllenanthropologie“ mit dem physischen Leib, der den Naturgesetzen unterliegt. Ab dem siebten Lebensjahr schält sich der „Ätherleib“ heraus, der für die Temperamente nach antiker Vorstellung zuständig ist. Weitere sieben Jahre später folgt der „Astralleib“ und mit ihm das Bewusstsein. Das „Ich“ bildet sich erst im Alter von 21 Jahren. Diese Einteilung wirft die Frage auf, ob Kinder in Waldorf-Schulen eigentlich als vollwertige Menschen betrachtet werden.
Nur das Ich des Menschen kehrt unentwegt auf die Welt zurück und inkarniert sich stets in neuen Körpern, wobei die Inkarnationen auf Höherentwicklung abzielen, aber auch Verfehlungen früherer Inkarnationen abgedient werden müssen. Das derart verpflichtete Ich kann geradezu hinstreben in eine miese Weltgegend mit brenzliger Sicherheitslage, dürftiger Hygiene und brutalen Eltern. Konsequent weitergedacht, wären nach dieser Logik missbrauchte Kinder selbst an ihrem Schicksal schuld.
Karma spielt eine zentrale Rolle bei Steiner, auch bei Erkrankungen. Ob Krampfanfälle, psychische Leiden oder die Pocken – durchwegs karmische Folgen schlimmer Taten oder von Egoismus und Lieblosigkeit in früheren Leben. Allerdings geht es mit dem Inkarnieren irgendwann zu Ende, und zwar um das Jahr 5700. Da werde der Mensch, prophezeite Steiner, „nicht mehr die Erde so betreten, dass er sich verkörpert in Leibern, die von physischen Eltern abstammen“. Außerdem würden die Frauen dann unfruchtbar und keine Kinder mehr gebären.
Der Mensch wird, wenn er seine richtige Entwickelung über die Erde hin vollzieht, nicht mehr die Erde so betreten, dass er sich verkörpert in Leibern, die von physischen Eltern abstammen. Ich habe öfters gesagt, die Frauen werden in diesem Zeitalter unfruchtbar.
Rudolf Steiner
Bei all dem handelt es sich nicht um Metaphorik. Steiner erhob den Anspruch von Wahrheiten im Sinne einer Wissenschaft samt Beweisen, die gleichberechtigt neben der Naturwissenschaft stünden (womit Steiner ein früher Verfechter alternativer Fakten war). Doch wie sieht Evidenz für den Astralleib aus, wie ein Reinkarnations-Experiment? Wer solch schnöde Belege fordert, ist für Beweise nach Steiners Façon genauso wenig reif wie Personen, die sich bei seiner Allergietherapie die Augen reiben. Demnach helfe es, wenn man „den ganzen Wassermenschen auf seine normale Größe zusammenzieht“, auch wenn dieser dadurch „zunächst etwas trübe“ werde. Wer solche Einsichten, so Steiner, mit gewöhnlicher Naturwissenschaft verstehen wolle, sei von der echt geistigen Forschung sehr weit entfernt.
Wer Steiner nicht kapiert oder für krass abwegig hält, besitzt somit einfach nicht die nötige mentale Reife. Wahr ist im Zweifelsfall, was der Meister sagt, der zwar über Beweise verfügt, diese aber nicht preisgibt, weil er der Geisterwelt gegenüber leider zur Geheimhaltung verpflichtet ist. Damit ist die Anthroposophie ein autoritärer Kult.
Lebenslang auf Tour
Freilich einer mit gigantischem Erfolg. Das Publikum stürmte Steiners Vorträge, die zeitweilig von einer Konzertagentur organisiert wurden. Für den Rest seines Lebens sollte der Mann, der den Aufstieg vom hungernden Philosophen zum verehrten Prediger geschafft hatte, auf Tour sein. Bewunderer waren elektrisiert von der Show des Propheten in Schwarz, dessen Reden hypnotisch gewirkt haben sollen.
Aber nicht alle waren beeindruckt. Der Literat Kurt Tucholsky spottete über den „Jesus Christus des kleinen Mannes“, der hauptsächlich „wolkiges Zeug“ absondere, von dem er wohl selber kein Wort glaube. Tucholsky schloss einen Artikel über Steiner mit den Worten: „Danke, ich kaufe nichts.“ Albert Einstein, der sich ebenfalls einen Vortrag anhörte, hielt Steiners Gerede schlicht für Unsinn. Nicht mal von Geometrie habe er einen Dunst.
In seinen späten Jahren steigerte Rudolf Steiner sein Arbeitspensum beständig, oft bis zur völligen Erschöpfung. Aus dieser Phase stammen die meisten Kreationen, mit denen man die Anthroposophie heute verbindet, darunter seine Medizin, die ebenfalls die „Hüllen“ des Menschen, geistig-spirituelle Dimensionen sowie das Karma einschließt, dem mitunter die Schicksalsentscheidung über Leben oder Tod zu überantworten sei. Profaner betrachtet, war der medizinische Zweig der Anthroposophie wohl eine Antwort auf eine technisierte Medizin, die Krankheit normieren und messen wollte. Als Kontrast versprach Steiner eine individuelle Heilkunde, die Patienten in ihrer Gesamtheit betrachtete und sich nicht rein aufs Organische beschränkte – wenn auch auf Basis schon damals überholter Vorstellungen wie der Viersäfte-Lehre sowie astrologischer Elemente.
Zusätzlich darf der anthroposophische Arzt, sofern nicht das Karma in die Quere kommt, Arzneien anwenden, die auf pflanzlichen, mineralischen oder metallischen Substanzen beruhen und häufig verdünnt werden, teils angelehnt an die Homöopathie. Heute werden mit solchen Arzneimitteln in Deutschland mehr als 100 Millionen Euro im Jahr umgesetzt.
Ob diese Präparate auch nach dem Maßstab evidenzbasierter Medizin halten, was sie versprechen, prüften soeben Forschende der Medizinischen Universität Wien. Unter Leitung von Harald Sitte, Professor für Pharmakologie, stellte die Forschergruppe diese Woche ein systematisches Review fertig, eine Zusammenschau bisheriger Studien zum Thema. Nur 17 von 360 gesichteten Arbeiten erfüllten die Kriterien, die für wissenschaftlich belastbare Aussagen gefordert werden. Darunter waren Studien zur Wirkung anthroposophischer Arzneien gegen Allergien, Schmerzen oder die Folgen von Schlaganfällen. Das Resultat war ernüchternd: Auch
20 Jahre nach einer ersten solchen Übersichtsarbeit habe sich an der Evidenzlage nichts geändert, schreiben die Autoren: „Wir schließen daraus, dass diese Therapien nicht durch sichere Evidenz gestützt werden.“
Waldorf, benannt nach einer Zigarettenfabrik
Das Haupterbe der Anthroposophie ist aber gewiss die Waldorf-Pädagogik. Sie entstand 1919, nachdem Steiner von der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik zu einem Vortrag eingeladen worden war. Der Direktor hatte eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter im Sinn. Waldorf-Bildungsstätten tragen somit den Namen einer Zigarettenfabrik.
Wenn Eltern ihre Kinder heute dorthin schicken, ist das Motiv wohl kaum Steiners okkulte Esoterik – wie auch die meisten Menschen Demeter-Äpfel gewiss nicht wegen Steiners Landwirtschaftskonzept kaufen, das von magischen Ritualen geprägt ist. Dieses sieht etwa vor, Kuhhörner samt Fäkalien darin im Herbst zu vergraben, im nächsten Frühjahr als „geistigen Mist“ auszubuddeln, in Wasser zu verrühren und nach astrologischen Regeln Felder damit zu düngen.
Fällt die Wahl auf eine Waldorf-Schule, ist der Hauptgrund sicher die Erwartung eines freundlichen Umfeldes, in dem Kinder individuell betreut werden, wenig Leistungsdruck herrscht, Tanzformen wie Eurythmie stattfinden und handwerkliche sowie kreative Fähigkeiten hohen Stellenwert haben. Anthroposophie selbst ist und war nie Lerninhalt. Dennoch gilt die Lehre Steiners ungebrochen als Grundlage der Waldorf-Pädagogik – samt „Epochen“-Unterricht in fachlichen Blöcken, einer Sitzordnung nach Temperamenten und Einbeziehung der siebenjährigen Entwicklungsstufen, wobei Lerninhalte dem Äther- oder Astralleib angepasst sein sollen.
In welchem Ausmaß diese der Wissenschaft widersprechende Mystik in der täglichen Praxis durchschlägt, hängt stark von der einzelnen Schule und dem Lehrpersonal ab. Ein früherer Waldorf-Schüler, der alle zwölf Schuljahre in der Steiermark absolvierte, berichtet, Anthroposophie sei zwar explizit nie Thema gewesen, doch Steiners Geist sei in der Luft gelegen, und alternative Wahrheiten seien aus allen Mauerritzen gedampft: beim „Morgenspruch“ mit spiritueller Schlagseite; beim Zeichnen von Runen; wenn Lehrer von Erzengeln erzählten; wenn unpässliche Schüler Globuli oder Bachblüten erhielten; wenn Aufklärung über die Gefahren von Handystrahlung am Programm stand. Die Lehren des Meisters haben keine Rolle gespielt, wichtig sei ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Art geschütztem Hort gegen die kalte Welt draußen gewesen, zu einem Bollwerk gegen die Moderne.
Keimzellen der Impfskepsis
Und was ist mit dem Minenfeld des Impfens? Belegt ist, dass die Impfraten an vielen Waldorf-Schulen signifikant geringer sind als an öffentlichen Einrichtungen. Auf Steiner können sich Impfverweigerer allerdings kaum berufen. In seinem ausufernden Werk finden sich Abschnitte, in denen er den Nutzen von Impfungen betont, vor allem gegen die Pocken. Auch äußerte er seine Missbilligung über schon damals bestehende Tendenzen der Impfskepsis.
Zugleich formulierte er befremdliche Alternativen zur Medizin: „Mehr als durch alle wissenschaftlich-materialistischen Mittel können wir durch geistige Vorstellungen segensreich gegen die Bazillen wirken.“ Oder: „Bei der Pockenimpfung handelt es sich sehr stark um etwas Psychisches.“ Oder: „Mammon, der Geist der Hindernisse und der Finsternis, hat ungezählte Helfer, die sich viel in den Bakterien und Bazillen verkörpern.“
Hier klingen auch heute gern geäußerte Behauptungen an, die das Krankheitspotenzial von Viren relativieren, eine starke „natürliche“ Konstitution über medizinische Intervention stellen oder bösartige Mächte hinter Infektionskrankheiten vermuten. Trotzdem würde es zu kurz greifen, einen Hang zur Impfverweigerung direkt Steiner oder den Waldorf-Schulen anzulasten. Tatsächlich dürfte ein Mix von Faktoren im Spiel sein, wie eine Analyse der Universität Basel und der Heinrich-Böll-Stiftung über die Ursachen der Corona-Proteste ausführte.
Mehr als durch alle wissenschaftlich-materialistischen Mittel können wir durch geistige Vorstellungen segensreich gegen die Bazillen wirken.
Rudolf Steiner
In dem Report kommen Lehrer zu Wort, die sagen, Ablehnung von Covid-Impfungen oder Masken käme selten von innen, sondern eher von außen, etwa von störrischen Eltern, die aufgrund längst bestehender Grundhaltungen Waldorf-Schulen wählten. Weiters habe sich in der Pandemie der Protest weniger gegen die Impfstoffe selbst gerichtet, sondern vor allem gegen einen Staat, der sich plötzlich in die elitäre, heile Welt des Waldorf-Kosmos einmischte – ein Affront für Menschen, denen Selbstbestimmung über alles geht.
Alles ist mit allem verbunden
Das „anthroposophische Milieu“, wie es die Studienautoren nennen, gedeiht vermutlich auf einem Nährboden, der bestellt wird von äußeren Erwartungen an die Schulen, zudem von einer intern beförderten antiaufklärerischen Grundstimmung und Empfänglichkeit für irrationale Erklärungen der Welt. Obendrauf kommt, je nach Schule, das Wort des Meisters, der alternative Wahrheiten und geheime Welten hinter den mit den bekannten Sinnesorganen erfassbaren Welten postulierte – und ein Mantra pflegte, das auch heute in gewissen Neigungsgruppen in Mode ist: Alles ist mit allem geheimnisvoll verbunden.
Ob Steiner auch voraussah, dass seine Esoterik 100 Jahre später zu gesellschaftlichen Verwerfungen beitragen würde, wissen wir nicht. Die letzte Lebensphase verbrachte er rastlos wie immer, bis ihn die Strapazen und womöglich Magenkrebs aufs Krankenbett zwangen. Er zog sich in einen Trakt des von ihm entworfenen Goetheanum zurück (Bild oben), eines wuchtigen, tempelartigen Baus in der Schweiz, Zentrale der Anthroposophie. Als Rudolf Steiner am 30. März 1925 gegen zehn Uhr morgens im Alter von 64 Jahren starb, hatte er zwei kinderlose Ehen hinter sich. Er bestimmte keinen Nachfolger, sodass das Wort des Propheten bis heute gilt, konserviert für die Ewigkeit auf fast 90.000 Seiten.
Kurt Tucholsky gelang eine Bewertung in nur einem Satz: „Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt.“

Alwin Schönberger
Ressortleitung Wissenschaft