El Niño kurz erklärt
Im 18. Jahrhundert fiel den Küstenfischern vor Südamerika auf, dass die Fische zur Weihnachtszeit alljährlich weniger wurden. In manchen Jahren blieben sie sogar ganz aus. Sie nannten den alle zwei bis sieben Jahre auftauchenden Zyklus „El Niño“, spanisch für „der Bub“ oder auch „das Christkind“.
Was aber passiert in diesen Phasen, was lässt die Fische ausbleiben? El Niño ist eine natürliche Wechselwirkung zwischen den Meeren und der Atmosphäre. Das Phänomen beginnt damit, dass sich das Oberflächenwasser im Pazifik sehr stark erwärmt – wie es die dort angebrachten Messbojen aktuell vermelden. Der Auftrieb des kalten Wassers nimmt in der Folge stark ab, weshalb sich der gesamte Pazifische Ozean langsam erwärmt. „Damit wirkt er wie eine Heizplatte und erhitzt auch die Atmosphäre“, erklärt Gerhard Wotawa, Klimaforscher beim nationalen Wetterdienst Geosphere Austria. In der Luft entsteht in der Folge ein großes Durcheinander: Die Passatwinde ermatten oder drehen sich sogar um, wodurch sich die Regenbänder von Indonesien bis Südamerika völlig verschieben (siehe Grafik unten). Üblicherweise dauert das Phänomen um die zwölf Monate, der Höhepunkt ist um Weihnachten.
„Vereinfacht gesagt regnet es in feuchten Regionen viel zu wenig, in trockenen Gebieten viel zu viel“, sagt Wotawa. Betroffen ist vor allem die Südhalbkugel, aber auch Nordamerika und Indien leiden an den Folgen von El Niño. In Indonesien, Australien, Indien und Südafrika drohen vor allem Dürren und Waldbrände, in Süd- und Nordamerika Stürme und Überschwemmungen. Die Fische trifft El Niño ebenfalls oft hart: Weil der Auftrieb aus der Tiefe fehlt, bleiben auch die Nährstoffe aus – was häufig zu einem Massensterben unter Meerestieren führt.
Der anrollende Super-El-Niño schickt bereits Vorboten. In Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, wurde vor Kurzem der Wassernotstand ausgerufen. Die Behörden rechnen bis Weihnachten mit schweren Dürren im Großteil des Landes. In Indonesien forderte die Regierung die Bäuerinnen und Bauern auf, schon jetzt mit dem Pflanzen von Reis zu beginnen – ganze fünf Monate früher als sonst. Der Grund: Sie befürchten einen deutlich geschwächten Monsun im Dezember, die Pflanzen würden vertrocknen. Auch Indien rechnet mit dem schwächsten Monsun seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, und fürchtet schlechte Ernten sowie galoppierende Lebensmittelpreise.
Was heißt Super-El-Niño?
Von einem El Niño spricht man, wenn die Temperaturen im äquatorialen Pazifik über mehrere aufeinanderfolgende Monate mindestens 0,5 Grad Celsius über dem Durchschnitt liegen. Klettern die Temperaturen dort auf zwei Grad über dem Schnitt, ist es ein Super-El-Niño. Solche gab es 1983, 1997/98 und zuletzt 2016.
Die Folgen waren verheerend: Massen toter Krabben färbten die Strände Kaliforniens vor zehn Jahren in tiefem Rot, und das Great Barrier Reef an der Ostküste Australiens musste die bis dato schlimmste Korallenbleiche verkraften. An Land gab es außerdem so viele Dürren wie noch nie zuvor. Mindestens zwölf Prozent der globalen Landoberfläche waren ab der zweiten Jahreshälfte von katastrophalen Trockenperioden betroffen – ein Rekord, wie die Wetterbehörde NOAA vermeldete. Besonders hart getroffen hat der letzte Super-El-Niño den Nordosten Brasiliens, Westbolivien und Peru, aber auch Westkanada und Kalifornien (Bild unten).
In Österreich beobachtet Gerhard Wotawa bei der Geosphere Austria die El-Niño-Modelle ganz genau. Zwar betrifft Europa das Phänomen kaum direkt, indirekt dafür umso mehr. Im menschengemachten Klimawandel wirke es „wie ein Brandbeschleuniger“, warnte Antonio Guterres kürzlich. Damit habe der UN-Generalsekretär „vollumfänglich recht“, bestätigt Gerhard Wotawa. El-Niño-Jahre seien fast immer heißer als normale Jahre, weil sich die Atmosphäre insgesamt aufheizt. „Deshalb könnten wir heuer schon wieder globale Temperaturrekorde brechen“, so der Klimaforscher.
La Niña, das kühlende Mädchen
Auf El Niño folgen zumeist kältere Jahre. La Niña ist das Gegenprogramm zum wärmenden Christkind: Die Wassertemperaturen im äquatorialen Pazifik liegen in diesen Phasen bis zu zwei Grad unter dem Schnitt. Das sorgte in der Vergangenheit oft rund um den Globus für Abkühlung. Nur: Durch die Erderhitzung verpufft diese Kühlwirkung zunehmend. Trotz der ungewöhnlich langen La-Niña-Phase von 2020 bis Anfang 2023 erklommen die Thermometer weltweit Rekordmarken.
Insgesamt habe die Menschheit den Weltmeeren einiges zu verdanken, sagt Klimaforscher Wotawa. Sie nehmen einen Großteil des CO2 auf, das wir immer noch ungeniert in die Atmosphäre blasen. „Ohne diesen Puffer hätten wir global nicht erst 1,5 Grad Erwärmung, sondern ganze acht Grad“, sagt Wotawa. Das möchte man sich lieber nicht vorstellen.