Nein, Mohammed ist nicht der häufigste Babyname in Wien
Jeden Sommer veröffentlicht die Statistik Austria ihre Hitliste der beliebtesten Babynamen des Vorjahres. In ihrer jüngsten Auswertung von Anfang Juli führt die Statistikbehörde Noah, Paul und Maximilian als die beliebtesten Bubennamen Österreichs an.
Dennoch sorgt ein anderer Name für Schlagzeilen: Mohammed. Laut dem Salzburger Fernsehsender „Servus TV“ liege in der Bundeshauptstadt Wien in Wahrheit dieser arabische Name auf Platz eins – und zwar dann, wenn alle Schreibweisen berücksichtigt werden, also etwa auch Mohamad oder Muhamed. Zählt ServusTV damit genauer als die Statistik Austria?
Servus TV-Recherche zeigt: Mohammed wieder häufigster Buben-Vorname in Wien.
Irreführend
profil hat sämtliche von der Statistik Austria erfassten Bubenvornamen in Wien für das Jahr 2025 ausgewertet. Von Aaron bis Zohan unterscheidet die Statistikbehörde in der Bundeshauptstadt 901 verschiedene Vornamensschreibweisen*. Wird etwa ein Kind „Günther“ und ein anderes „Günter“ genannt, gelten die beiden Schreibweisen als unterschiedliche Namen. Gezählt wird nach „exakter Schreibweise“. Dasselbe gilt für Max und Maximilian oder für Louis und Luis.
Unter den erfassten Namen finden sich auch mehrere Schreibvarianten von Mohammed: Mohamad (15), Mohamed (26), Mohammad (52), Mohammed (33), Muhamed (1), Muhammad (19) und Muhammed (16). In Summe ergeben sich daraus 162 Nennungen, auf die sich ServusTV gegenüber profil beruft. Rechnet man weitere Namen aus derselben Namensfamilie hinzu, darunter Mahmoud (12), Mahmud (3) sowie die türkische Form Mehmet (9), stiege die Zahl auf 186.
*Hinweis der Redaktion: Vornamen, die in einem Jahr österreichweit weniger als viermal vergeben werden, kategorisiert die Statistik Austria als „seltene Namen“. Diese werden nicht mit den Daten der einzelnen Bundesländer verknüpft, weil die dahinterstehenden Personen sonst identifizierbar wären. Die drei Kinder, die 2025 beispielsweise Herbert genannt wurden, könnten daher in Wien leben, müssen es aber nicht.
Wie Namen gezählt werden
In der Vergangenheit nutzten Statistikämter neben der heute üblichen Erfassung nach Originalschreibweise zwei weitere Methoden, um Vornamen zu gruppieren: die Zusammenfassung nach phonetischer Ähnlichkeit und jene nach etymologischer Herkunft. Bei einer phonetischen Zählweise werden Namen nach ihrer ähnlichen Schreibweise, beziehungsweise orthografischen Ähnlichkeit gruppiert: Beispielsweise Matthias, Mathias und Matias, Leonard und Leonhard oder Alexander und Aleksander. Mohammed erreicht in Wien Platz eins, wenn man die Kurzform der anderen Vornamen außen vorlässt.
Bei der etymologischen Zählweise werden Namen nach ihrer sprachgeschichtlichen Herkunft oder einem gemeinsamen Namensstamm zusammengefasst: Beispielsweise Matthias, Mateo und Matej, Leon, Leonardo und Lionel oder Alexander, Alessandro und Sascha.
Fasst man die Vornamen nach ihrer Herkunft zusammen, entsteht ein weiteres, deutlich verändertes Ranking. Dabei wird bei Mohammed auch die Variante Mahmoud und die türkische Form Mehmet berücksichtigt. Zusammen kommen Sie auf Platz 4.
Dieser Kategorisierung dürften aber manche Eltern, Namensträger und Namensforscher widersprechen. Bei einer phonetischen Auslegung lässt sich „Leo“ etwa als ähnlich klingende Kurzform von „Leon“ einordnen. Aus etymologischer Sicht kann „Leo“ allerdings auch als Kurzform von „Leopold“ verstanden werden, obwohl Leopold einen anderen sprachlichen Ursprung als Leon hat.
Welche Vornamen zu einer Gruppe zusammengefasst werden, hängt damit vom jeweiligen Methodendesign ab. Eine einheitliche und zugleich widerspruchsfreie Systematik lässt sich also von vornehinweg nur schwer festlegen. Hinzu kommt, dass diese vereinfachten Methoden weder die tatsächliche Aussprache, noch die Intention der Eltern berücksichtigen. Eltern könnten beispielsweise ihrem Kind bewusst den Eigennamen Leo geben, gerade als Abgrenzung von Leon oder Leopold. Auch Statistikämter haben in der Vergangenheit regelmäßig auf diese methodische Schwachstelle hingewiesen.
Wie kam Mohammed auf die Servus-Hitliste?
Auf profil-Anfrage erklärt ServusTV, die Reihung beruhe auf einer früheren Zählweise der Stadt Wien. Das Wiener Landesstatistikamt wertete Vornamen ab 2017 auf zwei Arten aus: nach exakter Schreibweise und in einer gesonderten Auswertung auf Grundlage einer eigens definierten „Synonymliste“, in der ähnlich geschriebene Namen zu Gruppen zusammengefasst wurden. Auf diese zweite Liste stützt sich das ServusTV-Ranking.
Die aktuelle, im Juli veröffentlichte Namensliste stammt jedoch von der Statistik Austria. Die Bundesanstalt erklärt gegenüber profil, dass auch sie unabhängig von den Landesstatistikämtern in der Vergangenheit mehrere, zum Teil abweichende Methoden zur Gruppierung von Vornamen angewandt habe. Da jedoch jährlich immer mehr neue Vornamen und Schreibweisen hinzukämen und „die Abgrenzung in vielen Fällen schwierig“ sei, wird seit 2021 nur noch die Originalschreibweise ausgewiesen.
Die „Synonymliste“ entstand in Wien 2017 als Versuch, die wachsende Zahl unterschiedlicher Vornamen nach ihrer Schreibweise zu kategorisieren. Die „Kronen Zeitung“ warf der zuständigen Magistratsabteilung 23 damals vor, die Namensgruppe Mohammed im Ranking verschleiern zu wollen. Der damalige Leiter der MA23, Klemens Himpele, wies den Vorwurf in einer öffentlichen Stellungnahme zurück: „Das ist insofern absurd, als sowohl phonetisierte wie auch nicht-phonetisierte Listen online verfügbar sind.“
ServusTV zählt also richtig, allerdings nach einer veralteten und inkohärenten Methode, die von der Wiener Statistikbehörde inzwischen aufgegeben wurde. Ein Blick auf die frühere Wiener Synonymliste offenbart das methodische Dilemma der Statistiker. „Jacob“ wurde dem Namensstamm „Jakob“ zugeordnet, während „Jakub“ eine eigene Kategorie bildete. „Maxim“ wurde der Kategorie „Maksim“ zugerechnet, „Maksymiljan“ hingegen dem Stamm „Maximilian“. Dieser wiederum wurde getrennt von „Max“ geführt.
Eine Interpretation dieser Auswahl ist nicht Aufgabe einer Statistikabteilung
Leiter der Magistratsabteilung 23 (Wirtschaft, Arbeit und Statistik)
Für professionelle Namensforscherinnen und Namensforscher spiegelt diese Form der Kategorisierungen in keinster Weise die Komplexität der Namensherkünfte wider. Auch Himpele wies bereits 2017 darauf hin, dass die phonetische Einteilung „nicht perfekt“ sei und zahlreiche Grenzfälle hervorbringe, die sich nicht eindeutig zuordnen ließen.
Nach Kritik der „Kronen Zeitung“ begann die Behörde, neben der phonetischen Gruppierung eine dritte Liste nach der etymologischen Herkunft der Namen zu veröffentlichen – das Problem der genauen Klassifizierung wurde dadurch allerdings nur noch größer. „Die ursprüngliche Intention dabei war, eine aussagekräftigere Vornamensstatistik zur Verfügung stellen zu können“, erklärt Peter Wieser, der heutige Leiter der MA23, gegenüber profil. Wegen des stark gestiegenen Arbeitsaufwands und der methodischer Bedenken stellte die MA23 diese Sonderauswertungen ab 2023 ein. Seither übernimmt die Stadt Wien die einheitliche Zählweise der Statistik Austria und unterscheidet ausschließlich nach exakter Schreibweise. Die Gruppierung von ähnlichen Vornamen entfällt seit jeher. „Eine Interpretation dieser Auswahl ist nicht Aufgabe einer Statistikabteilung“, sagt Wieser.
Fazit
Die Meldung der „Servus Nachrichten“ ist irreführend. ServusTV fasste unterschiedliche Schreibweisen von Mohammed nach einer früheren Sonderauswertung der Stadt Wien zusammen, die seit 2022 nicht mehr verwendet wird. Die zuständige Statistikabteilung hatte bereits in der Vergangenheit auf die methodischen Schwächen dieser Zählweise hingewiesen.
Zudem lässt sich die frühere Systematik nicht widerspruchsfrei auf sämtliche Namen in den aktuellen Daten von Statistik Austria übertragen. Eine profil-Auswertung zeigt, je nachdem, wie Namensgruppen klassifiziert werden, entstehen unterschiedliche Ranglisten.